16.07.2010 · Gibt es genug Belege für eine Anklage, die einen großen Sporthelden vom Sockel stieße? Die amerikanische Justiz rollte den Fall Armstrong gründlich auf. Prompt leistet sich der des Dopings verdächtigte Texaner einen Widerspruch.
Von Jürgen Kalwa, New YorkDie Mühlen der amerikanischen Justiz mögen langsam mahlen, aber wenn sie einmal Bewegung kommen, arbeiten sie sehr beständig. Für Lance Armstrong heißt das: Er rückt langsam, aber sicher in den Mittelpunkt jener Ermittlungen, die durch die massiven Doping-Beschuldigungen seines ehemaligen Mannschaftskameraden Floyd Landis ausgelöst wurden. Vor kurzem nahm in Los Angeles die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit auf, berief eine sogenannte Grand Jury ein, die hinter verschlossenen Türen den Ablauf des Verfahrens begleitet, und verschickte die Beweisauskunftsbegehren an mögliche Mitwisser, um Zug um Zug die Frage zu klären: Gibt es genug Belege für eine Anklage, die einen großen amerikanischen Sporthelden vom Sockel stieße?
Alle Radprofis, die als Domestiken für Lance Armstrong im Einsatz waren, müssen seitdem mit Vorladungen rechnen. George Hincapie zum Beispiel, ein langjähriger Zimmergefährte und zur Zeit im BCM-Team in Frankreich unterwegs, wurde bereits kontaktiert, wie sein Anwalt bestätigte. Offiziell hüllen sich die Behörden in Schweigen. Doch die Informationen über ihre Arbeit verdichten sich. Kein Wunder, dass Armstrong, der noch nicht um seine Aussage gebeten wurde, vor der zehnten Etappe der Tour am Mittwoch in Chambéry die Aufklärungsbemühungen als „Hexenjagd“ charakterisierte. Wenig später allerdings verhedderte sich der 38-jährige Texaner erstmals in ernsthafte Widersprüche. Anders als 2005, als er in einem Schiedsgerichtsverfahren unter Eid zugegeben hatte, dass er einen Anteil an der Firma Tailwind besitzt, die einst seine Rennfahreraktivitäten managte und seine Mitstreiter bezahlte, bestreitet er nun jede Beteiligung: „Ich kann es gar nicht klar genug sagen. Ich hatte keinen Anteil. Ich war ein Fahrer im Team.“
Armstrong hat es nun mit Jeff Novitzky zu tun
Das wäre in anderen Fällen eine Petitesse. Doch Armstrong hat es nun mit der Lebensmittel- und Arzneimittelaufsicht in Washington und deren Chefermittler Jeff Novitzky zu tun. Mit jenem Mann, dessen Arbeit die Grundlage für eine Reihe von Gefängnisstrafen im so genannten BALCO-Komplex bildete. Unter anderem musste die frühere Sprinterin Marion Jones wegen Meineids einsitzen, ihr ehemaliger Trainer wurde zu Hausarrest verurteilt. Novitzy deckte das gesamte System auf. Diese Strategie scheint er nun wieder zu verfolgen. Demnach bildet der von Landis ins Spiel gebrachte Dopingverdacht nur den Einstieg in das Verfahren. Die Stoßrichtung gilt dem Netzwerk hinter dem von Landis beschriebenen Einsatz von Dopingmitteln. In diesem Zusammenhang ist es durchaus von Belang, wer welche wirtschaftlichen Interessen hatte.
Tailwind und eine Nachfolgefirma namens Capital Sports & Entertainment waren offensichtlich die Drehscheibe für das Geschäft. Ein Geschäft, bei dem die amerikanische Post, ein öffentlich-rechtliches Unternehmen, das nach einem Gesetz aus dem Jahr 1863 in Betrugsdingen den Status einer Regierungsstelle genießt. Es war von 1996 bis 2004 Armstrongs Team-Sponsor. „In einem solchen Fall müssen die Behörden beweisen“, sagte der Professor für Rechtswissenschaften Daniel C. Richman von der New Yorker Columbia University, „dass Armstrong die Unwahrheit gesagt hat, als er Werbepartnern erklärte, er sei sauber, aber leistungsfördernde Mittel nahm und von ihnen profitierte.“
Hat Armstrong die Einnahme von Dopingmitteln eingeräumt?
Dafür gibt es immer mehr Anzeichen. So berichtete Floyd Landis, das US-Postal-Team habe zu seiner Zeit nebenbei teure Fahrräder von Werbepartner Trek verkauft, um Geld für die benötigten Dopingmittel aufzutreiben. Trek, so meldete die New Yorker Zeitung „Daily News“ am Dienstag, erhielt inzwischen Post von der Staatsanwaltschaft. Sie verlangt Einsicht in die geschäftlichen Unterlagen.
„Wir verfolgen das mit Interesse“, sagt Bob Hamman, Chef der texanischen Firma SCA Promotions, die sich auf die Risikoversicherung von exorbitanten Geldpreisen im Sportbereich spezialisiert hat. Das Unternehmen hatte 2004 die vereinbarte Ausschüttung von 4,5 Millionen Dollar an Armstrong für dessen sechsten Tour-de-France-Erfolg verweigert, als Hinweise auftauchten, dass der Ausnahme-Radfahrer gedopt gewesen sein könnte. Der Sportler klagte, und obwohl Zeugen den Dopingverdacht erhärteten, befürchteten Hammans Rechtsanwälte das Schlimmste: ein Urteil mit Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe. Der Risikoversicherer gab klein bei, unterschrieb eine außergerichtliche Vereinbarung und bezahlte.
Zu Armstrongs Entlastungszeugen gehörte unter anderem die Angestellte eines Werbepartners, die unter Eid verneinte, was sie in einem Telefongespräch gegenüber dem Tour-de-France-Sieger Greg LeMond bestätigt hatte. Dass Armstrong gegenüber einem Arzt die Einnahme von Dopingmitteln eingeräumt hatte. Die Aufnahme des Gesprächs kursiert im Internet. Die Dame dürfte schon bald von der Staatsanwaltschaft hören.
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