05.07.2009 · Lance Armstrong wirkt trotz aller Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit wie ein Magnet. Der Amerikaner belebt die Tour de France und die darbende Branche. Doch kann er das Rad wirklich zurückdrehen?
Von Rainer Seele, Monte CarloDer Fahrer, der die größte Aufmerksamkeit bei der Tour de France erregt, trägt die Nummer 22 auf seinem Trikot. Am Samstag, um 16.17 Uhr, drehte er das Rad bei der Tour zurück: Er katapultierte sich von der Startrampe, er brachte seine Rennmaschine auf Hochtouren – er kennt solche Momente zur Genüge, und doch war es diesmal ein besonderer Augenblick (siehe: Tour de France: Cancellara fährt ins Gelbe Trikot). Lance Armstrong ist zur Tour zurückgekehrt, im Alter von 37 Jahren, er hat wieder ein Rennen aufgenommen, das er einst als manischer Regent beherrscht hatte wie kein anderer. Sein Comeback wirft Fragen auf, seit Wochen und Monaten, sie drehen sich um seine Vergangenheit, aber auch um seine Motivation, noch einmal 3460 Kilometer zurückzulegen zwischen Monte Carlo und Paris.
Frankreich auf alle Fälle hat Armstrong freundlich begrüßt. Im Jahr 2005 war die Nation eher erleichtert, dass der Besessene aus Austin in Texas, der die Tour siebenmal gewonnen hat, seinen Rücktritt erklärte. Die Franzosen hatten ihn nicht bewundert, allenfalls respektiert; ein Mann wie Armstrong, getrieben von extremem Ehrgeiz, erscheint ihnen suspekt (siehe: Tour de France: Die dreckige Tour). Zumindest die Tour-Veranstalter reichen Armstrong nun die Hand, das hat in erster Linie handfeste wirtschaftliche Gründe. Der in die Jahre gekommene Amerikaner belebt schließlich die Tour und die darbende Branche, er wird von Radsportfunktionären und von Politikern hofiert, er wirkt wie ein Magnet, trotz aller Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit.
Was treibt Armstrong an?
Am Freitag hatte das Team Astana in Monte Carlo seine Pläne für die Tour erläutert; der Mannschaft, die den Deutschen Andreas Klöden trotz schwerer Doping-Anschuldigungen mit zur Tour genommen hat (siehe: Radsport: Der Schattenmann), werden gute Aussichten zugeschrieben. Doch diesen Auftritt bestritten nur Teamchef Johan Bruyneel und der Spanier Alberto Contador, Sieger der Tour von 2007 und mutmaßlicher Kunde des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes. Armstrong war nicht erschienen. Bruyneel ernannte Contador zum Kapitän der kasachischen Equipe, der Spanier wird diese Rolle wenigstens vorläufig ausfüllen. Aber ihm schwant wohl, dass ein Rivale sich auch im eigenen Lager befindet.
Aber was treibt einen Mann an, der die Höhenluft bereits in vollen Zügen genossen hat? An Beschäftigung dürfte es Armstrong zuletzt kaum gemangelt haben. Auch seine Familie ist weiter gewachsen; Anfang Juni wurde der Texaner zum vierten Mal Vater. Und doch hat ihm angeblich die sportliche Leistung gefehlt, der Wettbewerb, all das, was sein Leben lange bestimmt hatte, an dem er sich orientierte. Es gehe ihm nicht um Geld, sagte Armstrong dieser Tage, nicht um einen möglichen achten Tour-Erfolg. Er wolle, behauptete er, einfach nur wieder Rad fahren. Und damit, sagte er, „habe ich schon gewonnen“.
Kreide und Armbänder
Doch Armstrong verfolgt ein weiteres Ziel, es geht um ein Geschäft: Mit seinem Wiedereinstieg in den Radsport soll auch seiner Krebsstiftung „Livestrong“ geholfen werden. Mehrere hundert Millionen Dollar sind für sie bereits gesammelt worden, zuletzt gab es vom jordanischen Königshaus eine großzügige Spende, Armstrongs Präsenz bei der Tour soll dem Projekt einen zusätzlichen Schub geben. Dafür tritt der Amerikaner wieder in die Pedale, so stellt er es zumindest dar, der Kampf gegen den Krebs macht einen wesentlichen Teil seiner Reise durch das Jahr 2009 aus.
Bei der Tour stehen die Zeichen dafür auf Gelb: Im Angebot sind gelbe Plastikarmbänder mit dem Aufdruck „Livestrong“ und gelbe Kreide, mit der Armstrong-Freunde ihre Botschaften auf die Straße schreiben können. Ein gutherziger, ein wohltätiger Mann, ein Profi auf Goodwill-Tour – da mag der Radsport sich nicht mehr mit Diskussionen über die positiven Epo-Proben Armstrongs aus dem Jahr 1999 aufhalten oder der Begebenheit aus dem Frühjahr 2009, als er einen Doping-Kontrolleur warten ließ und erst mal duschen ging.
Seltsame Geschichten
Gerade erst schwang sich beispielsweise der Berliner Jens Voigt wieder zum Verteidiger Armstrongs auf. „Entweder gibt es was schwarz auf weiß – oder nicht. Und dann lasst ihn in Ruhe. Wir können nicht ewig im Gestern leben“, sagte Voigt, der seine zwölfte Tour bestreitet. Der Berliner ging sogar so weit, Armstrong wegen seines „Livestrong“-Engagements als „moralisch unangreifbar“ zu bezeichnen. „Es steht uns nicht zu, schlecht über ihn zu reden. Er kommt zurück, um Interesse zu wecken für eine Sache, die Leben retten kann.“
So ranken sich seltsame Geschichten um Armstrong, einen Mann der Extreme, den mancher sogar für fähig hält, in die Politik einzusteigen. Vorläufig wird sein Verdienst gewürdigt, dem Radsport wieder mehr Beachtung gebracht, ihn in schwierigen Zeiten wieder angekurbelt zu haben; jedenfalls wird das im Metier teilweise mit großer Anerkennung registriert. Der Radsport sei durch Armstrong wieder populärer geworden, glaubt Tony Martin, Tour-Debütant vom Team Columbia (siehe auch: Radprofi Tony Martin: Einer wie Jan Ullrich – nur anders ). Der Deutsche blickt respektvoll zu dem Amerikaner auf. Dass er ihm nun im Peloton begegne, sagt der Polizeimeister aus Eschborn, „ist eine Ehre für mich“.
Angefeindet und vergöttert
Armstrong polarisiert somit wie eh und je, er wird von den einen angefeindet und von den anderen fast vergöttert. Er wird bei der Tour ständig im Fokus stehen, unabhängig von seinem Rang im Klassement, und angeblich wollen auch die Doping-Fahnder bei der Tour sich intensiv mit ihm befassen. Armstrong, heißt es, stehe in den nächsten drei Wochen unter strenger Beobachtung – dabei scheint er doch ein willkommener Gast zu sein.
Die Frage ist, was der alte Mann des Radsports noch zu leisten imstande ist beim härtesten Radrennen der Welt. Den Giro d’Italia hatte er als Zwölfter beendet, danach gewann er in Kalifornien sein erstes Saisonrennen, der Schlüsselbeinbruch vom Frühjahr ist offensichtlich kein Handicap mehr. Offensichtlich befindet Armstrong sich in einer guten körperlichen Verfassung. Der Berliner Voigt will bei ihm während des Giro eine „signifikante Formsteigerung“ erkannt haben. Für den Deutschen ist klar: „Lance ist mein Favorit.“ Armstrong wird, das steht auf alle Fälle fest, die Tour de France prägen. Selbst wenn das Rad sich doch nicht wirklich zurückdrehen lassen sollte.