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L'Equipe und der Radsport Die dreckige Tour

 ·  Ein Sieg Armstrongs würde den sportlichen Wert der Tour de France wohl endgültig ruinieren. Außer Sarkozy wollte in Frankreich niemand sein Comeback. Die Sportzeitung „L'Équipe“ schon gar nicht. Nun wurde ihr Zurückhaltung beim Thema Doping verordnet.

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Man wird „L’Équipe“ in den nächsten Wochen zwischen den Zeilen lesen müssen. Ihre Eigentümerin, die „Amaury Sport Organisation“ (ASO), hat der Redaktion mehr Zurückhaltung bei der Behandlung des Themas Doping verschrieben. Der ASO gehört auch die Tour de France, die an Ansehen und Ausstrahlung eingebüßt hat, jährlich aber noch immer einen Gewinn von 30 Millionen Euro einfährt. Bei der Krise der Tageszeitung wiederum, die an Leser- wie Anzeigenschwund leidet, geht es nicht nur um die strukturellen und wirtschaftlichen Probleme der Presse: „L’Équipe“ hat – wegen ihrer mangelnden Distanz und Kritikfähigkeit – auch an Kompetenz und Vertrauen verloren.

Aber selbst zwischen den Zeilen gab es in der Zeitung bislang wenig zur Einstimmung auf die Landesrundfahrt zu lesen. Mit Samthandschuhen wird das Comeback des Seriensiegers Lance Armstrong behandelt. Noch am Wochenende vor dem Startschuss hatte man den Eindruck, als sei selbst in „L’Équipe“ mehr von seinem Namensvetter Neil, der vor vierzig Jahren als erster Mensch den Mond betreten hatte, die Rede. Als Radfahrer von einem anderen Planeten, der seine Krebserkrankung besiegt hatte und sieben Mal ihre Landesrundfahrt, sonst aber nichts gewann, war Lance Armstrong zum Mythos der Tour de France geworden. Zu ihrem Helden im Zeitalter, in dem die Dopingskandale nicht mehr verschwiegen werden konnten. In diesem ganzen Jahrzehnt behielt der Amerikaner im gelben Trikot eine weiße Weste.

„Er wird vom Dachverband, der Union Cycliste Internationale UCI, protegiert“, behauptet Pierre Ballester. Ballester war einst Journalist bei „L’Équipe“ und wurde, weil er die Kungeleien auf höchster Ebene beschrieb und das Gesetz des Schweigens brach, entlassen. Er hat seither zusammen mit einem amerikanischen Journalisten drei Bücher über Lance Armstrong veröffentlicht: „L.A. Confidentiel“, „L.A. Officiel“ und jetzt, direkt zum Start der Grande Boucle, „Le sale tour“: die dreckige Tour. Er meint damit nicht nur das Doping.

Pierre Ballester beschreibt die Geschäfte von Lance Armstrong. Für einen Auftritt bekommt er 200.000 Dollar, 3 Millionen Euro sollen ihm für die Teilnahme am Giro d’Italia bezahlt worden sein. In den Vereinigten Staaten betreibt er eine Stiftung für die Krebshilfe, die von den Behörden wegen ihrer exorbitanten Ausgaben für Werbung und Marketing regelmäßig gerügt werde. Ballester bezeichnet die Krebsstiftung als Aushängeschild und Feigenblatt der größten kommerziellen Internet-Gesundheitsplattform, die Armstrong in Amerika aufbaue (Livestrong.com). Sein Comeback habe finanzielle und politische Motive. Er wolle sich 2014 zum Gouverneur seines Heimatstaats Texas wählen lassen. Und Armstrong wolle die Tour de France kaufen.

200.000 Dollar pro Auftritt

Bis vor einem Jahr hatte die Übernahme der Tour de France einen durchaus realistischen Hintergrund. Der Verband UCI und die Organisatoren ASO waren zerstritten und bekämpften sich. Auch bezüglich des Dopings, von dem die Franzosen ihre Tour befreien wollten. Die ASO wollte ihr Geschäftsfeld neu gestalten. Die Absage der Rallye Paris–Dakar hat sie geschwächt, einen Verkauf der angeschlagenen Tour de France schien sie nicht mehr unbedingt auszuschließen. In Peking kam es bei den Olympischen Spielen zur Versöhnung mit der UCI. Dafür waren die Eigentümer der Rundfahrt und der Zeitung zu einem mehr als symbolischen Opfer bereit: Patrice Clerc, der für den Kampf gegen das Doping zuständige ASO-Verantwortliche, wurde weggeschickt.

Und Lance Armstrong kehrt zurück. Er verkündete sein Comeback am Tag nach einem Gespräch mit Staatspräsident Sarkozy, dem es um große Sportereignisse in Frankreich geht. Mit mehr Spannung als die Ereignisse auf den Straßen wird man das Verhalten der Behörden und der Polizei am Rande der Etappen verfolgen. Hat Sarkozy höchstpersönlich Armstrong Zusicherungen gemacht? Kann und will der Amerikaner endlich seine Unschuld beweisen? „Wie könnte ich in meinem Alter überhaupt noch eine Rundfahrt absolvieren, wenn ich gedopt hätte“, erklärt er im Fernsehen und im Radio. „Ich komme, um zu gewinnen“, betont er. Armstrong glaubt, so stark zu sein wie in den Jahren, in denen er die Gegner nicht in Grund und Boden fuhr. Aber gleichwohl besiegte: „Meine Chancen stehen eins zu drei.“

Außer Sarkozy wollte niemand Armstrongs Comeback

Mit dem Sieg von Tennisstar Roger Federer in Roland Garros hat Frankreich den sportlichen Mythos des Jahres doch bereits produziert. Ein Platz Lance Armstrongs auf dem Podium wäre so verwunderlich wie eine Rückkehr von Neil Armstrong auf den Mond. Noch verströmt diese neue Tour mehr Unbehagen als Leidenschaft. Ein Sieg Armstrongs würde ihren sportlichen Wert wohl endgültig ruinieren. Außer Sarkozy wollte in Frankreich niemand sein Comeback. „L’Équipe“ schon gar nicht.

Sie hat gerade wieder einmal ihre Monopolstellung gefestigt. Im Herbst war „Le 10 Sport“ auf den Markt der Sporttageszeitungen eingedrungen. Der Konkurrent wurde mit einem Billigblatt aus dem eigenen Haus bekämpft – erfolgreich, wenn auch mit Methoden, die noch die Gerichte beschäftigen werden. „Le 10 Sport“ musste die Segel streichen. Nach einer kurzen Schonfrist hat ASO zum Start der Tour de France auch sein Billigblatt vom Markt genommen. Am Dienstag erschien es zum letzten Mal. Bei der anstehenden Tour de France ist „L’Équipe“ also wieder allein auf weiter Flur und vollzieht ohne jeden Konkurrenzdruck eine stille Abkehr von der Rundfahrt. In der langen Geschichte der Zeitung standen stets die Spezialisten der einst noblen Disziplinen Rad und Leichtathletik an der Spitze der Redaktion. Jetzt proben die Besitzer auch diesbezüglich eine Kulturrevolution: Seit wenigen Wochen sind bei „L’Équipe“ erstmals die Fußballer am Drücker.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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