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Kunstturn-WM Am Boden gelingt der Absprung nach Peking

02.09.2007 ·  Der Traum von der Reise nach Peking schien schon ausgeträumt, doch dann fanden die deutschen Kunstturnerinnen bei der WM in Stuttgart doch noch in den Wettkampf und haben sich erstmals seit 1992 wieder für Olympia qualifiziert. Von Christiane Moravetz.

Von Christiane Moravetz, Stuttgart
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Sie hatten einen Feueralarm fünf Tage vor dem Wettkampf gemeinsam durchgestanden - im Nachthemd vor dem Mannschaftshotel -, hatten mit ihren Stufenbarren-Übungen das gesamte Team mitgerissen, hatten sich in der Nacht danach - wie immer - das Zimmer geteilt, die eine vor Erschöpfung schlafend, die andere mehrmals wach: Doch als in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle von Stuttgart das scheinbar endlos lange Warten begann, mussten die beiden Mädchen passen: Zunächst verließ Marie-Sophie Hindermann (Tübingen), später auch Anja Brinker (Herkenrath) die Zuschauertribüne. Sie kamen zurück, als die deutsche Riege knapp dreißig Stunden nach ihrem Wettkampf tatsächlich am Ziel war: Zum ersten Mal seit 1992 hat sich eine deutsche Frauen-Riege für Olympia qualifiziert.

Es war Jubeln und Schreien, ein Herzen und Küssen auf der Tribüne, als die Anspannung abfiel; Tränen flossen. Bevor die letzten drei Mannschaften an die Geräte gingen, waren die Deutschen Achte, am Ende Zehnte - die ersten zwölf Plätze bedeuten die Olympiateilnahme in Peking. Ulla Koch sank erschöpft auf einen Stuhl. Die sonst so eloquente Cheftrainerin rang um Worte. Sie hatte stets an ihre Turnerinnen geglaubt, den Optimismus weitergegeben an eine Mannschaft, die unter ihr zu einem „Topteam“ gereift ist.

Erst einmal einen Schock versetzt

Und die sie doch im entscheidenden Augenblick im Stich zu lassen drohte. Denn zu Beginn der Qualifikation am Samstag hatten ihr gerade die Routiniers erst einmal einen Schock versetzt. Da hing Katja Abel am Stufenbarren und kam nicht in den Handstand - die erste Übung einer deutschen Turnerin bei der Weltmeisterschaft war verpatzt. Bei der Chemnitzerin Jenny Brunner, der Zweiten am Gerät, flossen noch Stunden hinterher die Tränen, so sehr war ihr einziger Einsatz in Stuttgart daneben gegangen. Oksana Tschusowitina aus Köln, gebürtige Usbekin, Olympiasiegerin und ehemalige Weltmeisterin, musste sogar absteigen. Und der Traum schien ausgeträumt, bevor er richtig begonnen hatte.

Aber dann kam Marie-Sophie Hindermann, turnte eine Weltklasseübung, „und hat uns in den Wettkampf zurück gebracht“ - wie Ulla Koch erleichtert sagte. Anja Brinker legte nach - und die Karte Jugend, auf die der Deutsche Turnerbund (DTB) gesetzt hatte, stach. Am ungeliebten Schwebebalken gab es noch einmal die bekannten Fehler - warum ist dieses Gerät auch nur zehn Zentimeter breit? Doch die deutsche Riege zeigte am Boden - wo Ulla Koch nach vier guten Übungen sogar auf Oksana Tschusowitina verzichten konnte, die eine Muskelverhärtung im Rücken plagt - und beim Sprung, dass ihr die Zukunft gehören kann. Die olympische erst einmal.

„Leer“ wie alle anderen

„Geschafft, es ist rum, alles, wofür man sich Jahre vorbereitet hat“, sagte Marie-Sophie Hindermann nach dem Erfolg, „leer“ wie alle anderen. Dabei ist sie gerade mal sechzehn Jahre alt, wie auch Anja Brinker, und große Hoffnungen ruhen auf ihr. Die beiden Freundinnen haben zusammen mit der erst fünfzehnjährigen Joeline Möbius aus Chemnitz den frischen Wind in das deutsche Frauenturnen gebracht. Und dem DTB zu der Einschätzung seines Sportdirektors Wolfgang Willam verholfen: „Wir haben alles richtig gemacht“.

In die Förderstufe vier, die niedrigste im deutschen Leistungssport, waren die Turnerinnen abgerutscht. Der DTB stand vor der Wahl, eine seiner Kernsportarten - Abteilung weiblich - ganz verschwinden zu lassen, oder sie mit eigenen Mitteln zu unterstützen. Zwischen 150.000 und 200.000 Euro schoss er zur Förderung durch das Bundesinnenministerium und die Sporthilfe zu. Das Trainerteam bekam den Psychologen Werner Mickler an die Seite, die biomechanische Arbeit in den Olympiastützpunkten wurde forciert. Ein Minimum, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können.

Nicht gegeneinander, sondern miteinander

Die Turnerinnen bescheiden sich damit - ins Grübeln dürfen sie trotzdem kommen. „Wenn in meiner Schule ein 16-jähriger Spieler vom VfB Stuttgart erzählt, dass er 6000 Euro im Monat verdient und was der trainiert - dann denke ich schon, selber schuld“, sagte Marie-Sophie Hindermann. „Aber ich möchte ohne diesen Sport gar nicht sein.“

Auf diese Einstellung kann Ulla Koch in den kommenden Jahren setzen. Dazu auf ein Trainerteam in den Stützpunkten, das auf ihrer Linie liegt, ihre Arbeit an der Basis mitträgt. Und sie hat eine bestens funktionierende Mannschaft, in der nicht gegeneinander, sondern miteinander gekämpft wird. „Ich habe noch kein böses Wort gehört“, sagte sie. Nach dem Erfolg von Stuttgart wird es das ohnehin nicht mehr geben.

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