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Olympiasiegerin Kristina Vogel : „Fallen gehört dazu“

Olympiasiegerin Kristina Vogel auf ihrem Rollstuhl Bild: EPA

Kristina Vogel hat den Kampf zurück ins Leben aufgenommen. Dabei zeigt die querschnittgelähmte Radrennfahrerin schon wieder den Ehrgeiz der Top-Athletin.

          Was signalisiert eine junge Frau, indem sie rote High Heels trägt? Rote Absatzschuhe, viel besungen, gelten als ultimatives Zeichen weiblicher Entschlossenheit, als Ausdruck femininen Draufgängertums.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Kristina Vogel trägt rote High Heels, als sie sich am Mittwoch im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn erstmals seit acht Wochen der Öffentlichkeit zeigt. Sie sitzt im Rollstuhl. Die Olympiasiegerin von London 2012 und Rio 2016 ist seit einem schweren Unfall am 26. Juni auf der Radrennbahn von Erfurt querschnittgelähmt. Seit einer Woche kann sie aus dem Bett in den Rollstuhl steigen. Nach zwei schweren Operationen am Rückgrat und am Brustwirbel sowie einer des Schlüsselbeins darf sie endlich wieder Sport treiben. Da geht es um Wassergymnastik und Rollstuhl-Fahrtraining. „Fallen gehört dazu“, sagt die Frau, die einst mit Tempo siebzig durchs Oval schoss, und erzählt, wie sie beim ersten Versuch, über eine Kante zu rollen, stürzte. Sie war zu schnell. „Das Timing war nicht ganz auf meiner Seite“, sagt sie. „Ich bin kontrolliert auf den Kopf gefallen.“

          Erst am Wochenende hat die 27 Jahre alte Athletin ihr Schicksal mit einem Interview öffentlich gemacht. Sie habe kein Geld erhalten für die Exklusivrechte an dem Gespräch, versichert sie. Ihre private Versicherung, die des Olympiastützpunktes und die Spendensammlung #staystrongkristina werden die Grundlage bilden für den barrierefreien Umbau des Hauses in Erfurt, in dem sie mit ihrem Lebensgefährten Michael Seidenbecher wohnt, einem ehemaligen Radrennfahrer. Am Wochenende wird sie zum ersten Mal seit dem Unfall nach Hause zurückkehren. Um die Kosten der Notfallversorgung im Unfallkrankenhaus, die der Therapie, die voraussichtlich bis Weihnachten dauern wird, der Reha und ihre wirtschaftliche Absicherung wird sich die Beamtin der Bundespolizei keine Gedanken machen müssen; der fürchterliche Crash gilt als Dienstunfall.

          Im Fokus: Kristina Vogel stellt sich der Öffentlichkeit.

          Obwohl Kristina Vogel behauptet, nach achtzehn Jahren Spitzensport habe sie nun erstmals Zeit zu überlegen, was sie mit ihrem Leben anfange, zeigt sie längst schon wieder den Ehrgeiz der Top-Athletin. „Wenn ich noch zwei Tage länger hätte stillliegen müssen, hätte ich randaliert“, sagt sie. Dabei trainierte sie heimlich mit dem Theraband im Bett. Ihren Freund hat sie gebeten, zu dokumentieren, wie sie sich zum ersten Mal im Bett aufsetzt, wie sie zum ersten Mal im Rollstuhl sitzt. An diesen Bildern misst sie sich und ihre Entwicklung. „Ich bin nicht schlecht“, sagt sie, mehr zu sich selbst als zu den rund fünfzig Journalisten, die am Mittwoch gekommen sind. „Ich mache das ganz gut.“ Sie wolle im Rollstuhl Treppen herunterfahren können, wenn sie in drei Monaten das Krankenhaus verlasse, sagt Kristina Vogel, und mit ihrem Freund hat sie sich im Internet angeschaut, welche Herausforderungen noch auf sie warten. „Wir haben Rollstühle mit Raupenantrieb gefunden“, sagt sie, „und Hand-Mountainbikes. Es gibt viele lustige Dinge.“

          Im vergangenen Jahr wurde Kristina Vogel Teil einer Kampagne des Reifenhersteller Bridgestone, der damit warb, dass Olympiasieger Rückschläge überwinden mussten. Fabian Hambüchen war mit der verpassten Goldmedaille von London 2012 dabei. Die Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst mit der Erkrankung einer von beiden an Pfeifferschem Drüsenfieber. Die Radrennfahrerin übertraf dies alles mit dem schweren Trainingsunfall von 2009, bei dem sie multiple Frakturen und Fleischwunden erlitt und fast alle Zähne verlor. „Verfolge deinen Traum. Egal, was kommt“, zitiert sie nun den Slogan. Er passe so gut wie noch nie zu ihrem Leben. Vielleicht diente der Unfall vor neun Jahren, sagt sie, der Vorbereitung auf ihr Schicksal nun.

          Ob sie demnächst in einer paralympischen Sportart antritt? Obwohl sie andeutet, dass sie immer noch von ihrer zwölften Weltmeisterschaft träume, obwohl sie sagt, dass nun ihre Arme ihre Beine seien, will sie von neuen sportlichen Zielen nichts wissen – außer, selbstverständlich, der Athletenvertretung im Rad-Weltverband UCI. Sie will Herausforderungen bestehen, das macht sie nicht nur mit roten Stöckelschuhen deutlich. „Der Kampf zurück ins Leben“, sagt Kristina Vogel, „ist ein härterer als der Kampf um die olympische Goldmedaille.“

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