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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Unsere Sportlerin des Jahres Im Wellental der Gefühle

 ·  Eine Sportlerin mit einem ganz eigenen Weg über die Wellen: Kristin Boese ist die erfolgreichste deutsche Kitesurferin und als Lebenskünstlerin oft verzweifelt.

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© Juan Luis De Deeckeren Spiel mit Wind und Wasser: „Dabei habe ich die Freiheit lieben gelernt“

Ein Traum, die Brandung von Hookipa, Überwintern auf Hawaii. Kristin Boese kennt die schönsten und legendärsten Strände. Als Kitesurferin sind es ihre Wettkampfplätze, rund um die Welt. Dennoch ist ihr bei aller wiederkehrender Normalität die Sehnsucht erhalten geblieben, nach der Natur, nach Meer, Wellen dem Wind - und damit nach Freiheit. „Es ist mein Leben“, sagt Kristin Boese.

Sie liebt das Abenteuer und vor allem die extremen Herausforderungen mit dem Lenkdrachen, der bei strammen Winden nicht einfach zu beherrschen ist. Ihre Mutter war wasserscheu. Auch die gebürtige Potsdamerin musste erst lernen, sich zu überwinden. Das geschah als junges Mädchen beim Windsurfen im Ostseeurlaub. Heute gehört die Fünfunddreißigjährige zu den größten Akrobaten auf dem Wasser. Kristin Boese steht mit neun WM-Titeln in fünf Disziplinen im Guinnessbuch der Rekorde, kein anderer Kitesurfer war bisher vielseitiger und erfolgreicher. Im Sommer wurde sie vor St. Peter-Ording WM-Zweite.

Sie ist eine Ausnahmeerscheinung ihres Sports. Der spleenige Milliardär Richard Branson lud sie schon mit anderen Weltklasse-Kitesurfern auf seine Privatinsel in der Karibik ein. Hinzu kommt seit neuestem ihr Engagement als Mitveranstalterin. Vor Hookipa fand in der vergangenen Woche das Finale der besten Wellenreiter unter den Kitesurfern statt. Mit einigen Kollegen hatte sich Kristin Boese vor einiger Zeit zusammengetan und die kleine Serie aufgezogen. Ein Zeichen, dass sie sich langsam als aktive Athletin zurückzieht, soll diese Arbeit nicht sein. „Ich kann doch nicht aufhören“, sagt sie. Auch dieses Jahr war wieder ihr Jahr.

Ihre Freundin starb beim Kitesurfen

Die ausgeprägte Leidenschaft hatte bei Kristin Boese immer viel mit Selbstüberwindung zu tun. Nicht nur bei der Gewöhnung an tiefes, wildes Wasser. Sie musste oft kämpfen, um ihren unkonventionellen Lebenstraum zu verwirklichen, dabei auch schlimme Schicksalsschläge hinnehmen. Ihre Freundin starb beim Kitesurfen auf dem Darß, als es noch kein Notauslösesystem für die im Wind so unberechenbaren Drachenkonstruktionen gab. Kristin Boese hätte damals aufhören können. Aber sie hat überlegt, sich gegen ihre schlechten Gedanken durchgesetzt und ist auch in anderen Fällen immer wieder zurückgekommen. Nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation verdiente Kristin Boese ihr Geld als Kitesurf-Lehrerin an Nord- und Ostsee, auf Fuerteventura und in den Urlaubgebieten Ägyptens.

Als sich erste sportliche Erfolge einstellten und ein paar Sponsoren Interesse zeigten, ermöglichte ihr das etwas bessere Budget auch Trainingsaufenthalte in Australien, Südafrika und auf Hawaii. Ihr Publizistik-Studium an der FU in Berlin fortzuführen, dafür war ab einem gewissen Moment keine Zeit mehr. Sie entschied sich für das Vagabundenleben an den Stränden dieser Welt - und für den Leistungssport. Der große Reichtum als Sportprofi stellte sich allerdings nie ein. Kitesurfen ist zwar Trend, aber im Sportbusiness doch nur eine Randerscheinung. „Es gab schon Momente, in denen ich komplett verzweifelt war. Da fehlte mir sogar das Geld für die nächste Mahlzeit“, sagt Kristin Boese. Nach der Lehman-Krise 2008 fuhren viele Sponsoren ihr Engagement herunter. Wieder da ist das Geld bisher nicht.

Abgestürzt ist sie nie

Diese Rückschläge haben zugleich ihre Persönlichkeit positiv entwickelt, findet Kristin Boese. Ein guter Effekt, wie sie meint. Widerstände und Probleme trieben die Athletin, die zum körperlichen Ausgleich auf Yogaübungen setzt, zur Selbständigkeit an. Es gab keine Verbände oder Vereine im Hintergrund, keine Trainer, Physiotherapeuten oder Psychologen als Helfer. Es gab auch nie Unterstützung aus der Sportförderung. Verträge mit den Sponsoren laufen bei ihr immer nur ein Jahr. Dann muss wieder verhandelt werden. Bis heute plant Kristin Boese ihre Reisen zu den Wettkämpfen in Eigenregie, kümmert sich selbst um ihre Internetseite und das Marketing. Wenn etwas schiefläuft, dann muss sie einen Weg heraus finden. „Man entwickelt ein Gefühl, dass es immer weitergeht“, sagt sie. „Dabei habe ich die Freiheit lieben gelernt.“ Der Sportler als Lebenskünstler und Einzelunternehmer.

Richtig abgestürzt ist Kristin Boese nie. Als Kitesurferin auf dem Wasser zeichnet sie sich durch ihre Vielseitigkeit aus. Das belegt ihre umfangreiche Titelsammlung. Am schwersten zu bezwingen ist sie in der Airstyle-Disziplin. Hier müssen die Kitesurfer richtig vom Wasser abheben, hohe Sprünge, Rotationen, verwegene Figuren vor den Punktrichtern demonstrieren. Erfahrung ist ein wichtiges Kriterium für den Erfolg. Somit haben hier auch ältere Kitesurfer sehr gute Chancen. Das spricht in Zukunft weiter für Kristin Boese. Im Gegensatz dazu geht es beim Freestyle um ein Feuerwerk kurzer, schneller Tricks, aneinandergereiht mit hoher Dynamik. Das erfordert Ausdauer, dabei auch viel Schnellkraft. Der Vorteil liegt hier eher bei den jungen, kleinen Sportlern. Wenn Kitesurfen 2016 in Rio de Janeiro olympisch geworden wäre, hätte sich Kristin Boese noch mal in eine andere Disziplin hineingearbeitet - Kursrennen um Bojen.

Nur ab und an ist sie in ihrer Heimat bei ihren Eltern in Werder südwestlich von Berlin. Ihr Freund ist Amerikaner - und entwickelt Kite-Bretter. Sie wollen sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen, vielleicht auf Hawaii. Mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und Hartnäckigkeit hat es Kristin Boese weit gebracht, ohne zu einem bekannten Sportstar zu werden. Aber das macht ihr nichts. Mädchen macht sie Mut für ihren Weg. Kristin Boese betreibt eine kleine Stiftung und bietet kostenloses Training an. Sie hat mit einigen befreundeten Kolleginnen dafür ein Netzwerk aufgebaut. Interessierte Mädchen und auch Frauen können einmal im Monat an 25 Standorten auf der Welt Kitesurfen ausprobieren. Es geht nicht ums Geschäft, sondern um Spaß, um Selbstbewusstsein und den Glauben an die eigenen Kräfte.

So gesehen passt es ganz gut zur Geschichte Kristin Boeses, dass die Kitesurfer im November vom Internationalen Seglerverband als neue olympische Segel-Disziplin überraschend wieder gestrichen und dafür die Windsurfer im Programm gehalten wurden. Es handelte sich um ein unschönes Machtspiel unter Funktionären. Aber hätten sich die Kitesurfer mit ihrem Begehren am Ende wirklich durchgesetzt, müssten sie sich nun beim Establishment mitschwimmen. Kristin Boese wäre plötzlich Teil einer Mannschaft gewesen, umgeben von Betreuern, gesteuert von oben. „Ich weiß gar nicht, ob ich das hinbekommen hätte“, sagt sie.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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