30.06.2006 · Jan Ullrich ist im spanischen Blutdopingsumpf steckengeblieben. Deutschlands innig geliebter Held ein Betrüger? Der Aufschrei der Empörung, der nun folgen wird, ist so verlogen wie die Radsportwelt. Cai Tore Philippsen kommentiert.
Von Cai Tore PhilippsenJeder, der jetzt empört aufschreit, soll sich wieder hinsetzen. Wir haben es doch alle gewußt. Die Zuschauer, die Journalisten, die Sponsoren und die Funktionäre, Sportler, Trainer und Teamärzte sowieso. Jeder weiß, daß kein sauberer Radsportler die Tour de France gewinnen kann. Kein Lance Armstrong, kein Miguel Indurain und selbst kein Jan Ullrich, auch wenn die drei Unschuldslämmer bei ihrer dreisten Behauptung des Gegenteils bleiben.
Gedopt wurde im Radsport schon immer. Die Geschichte der Tour ist auch eine Geschichte der erlaubten, der geduldeten und der verbotenen Mittelchen, mit denen sich die Helden der Landstraßen drei Wochen lang über eisige Gipfel und glühende Ebenen auf dem Sattel halten. „Laßt uns mit den Dopingverboten in Ruhe, wir sind Profis“, hieß es noch ganz offen in den 70er Jahren. Es gab jedes Jahr Opfer, Kronzeugen und Täter, Autos voller unerlaubter Medikamente, Hotelzimmer voller Blutdopingutensilien; Masseure, denen die Berufsbezeichnung Apotheker wohl gerechter geworden wäre.
Erdrückende Beweislast
Nun also auch Jan Ullrich. Die Beweislast ist so erdrückend, daß selbst das Team T-Mobile die rosafarbene Brille absetzen mußte und den deutschen Star suspendiert hat. Von diesem Schock werden sich die zahlreichen Fans des sympathischen Sportlers wohl nicht mehr erholen. Bis jetzt hatte Deutschland seinem „Ulle“ alles verziehen: die Faulheit im Herbst, den Hüftspeck im Winter, die Ausreden im Frühling, die Aufputschmittel in der Disko. Doch diesmal kann sich der 32 Jahre alte Sport- und Werbemillionär nicht so einfach aus der Affäre ziehen. Seine Karriere wird in dem spanischen Blutdopingsumpf, in den er sich begeben hat, steckenbleiben.
JAN steht in großen Lettern auf den Blutbeuteln - und wir sind auf die Verschwörungstheorien gespannt, die uns Ullrich und sein Gehilfe für alle Lebenslagen, Rudy Pevenage, auftischen werden. Mit Ehrlichkeit ist nicht zu rechnen, die hat noch keinem Sportbetrüger geholfen. Doch auch wenn kein Verband, kein Sportgericht ihn verurteilen würde - vom diesem Makel wird sich Ullrich genauso wie sein übermächtiger Widersacher der vergangenen Jahre, Lance Armstrong, nicht mehr reinwaschen können. Das stört zwar die Radställe in Belgien, Frankreich, Italien und Spanien für gewöhnlich nicht, doch in Deutschland ist Ullrichs Zeit abgelaufen.
Wenn an diesem Samstag die Tour beginnt, werden viele Profis in die Pedale treten, deren Vorbereitung ebenso blutig war, wie die des Siegers von 1997. Wenn die ersten Berge kommen, ist Ullrich nur noch ein Teil der Tour-Historie. Bis dahin schauen wir Fußball, erfreuen uns an denen, die nach 70 Minuten nicht mehr laufen können. Und das Rad bleibt im Keller.