22.07.2006 · Öffentlichkeitswirksam wird die Auseinandersetzung über die politische und rechtliche Behandlung der Sportwetten ausgetragen: Der Staatsanwalt erscheint auf Sportplätzen, Unterlassungserklärungen und Einsprüche gehen hin und her. Ein Konflikt mit Ansage.
Von Jörg HahnÖffentlichkeitswirksam wird in diesen Tagen die Auseinandersetzung über die politische und rechtliche Behandlung der Sportwetten in Deutschland ausgetragen: Polizei und Staatsanwaltschaft erscheinen auf Trainingsplätzen bekannter Fußballklubs, Unterlassungserklärungen und Einsprüche gehen hin und her. Ein Konflikt mit Ansage.
Die ordnungspolitische Neuordnung der Sportwetten nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 28. März 2006 und der Absichtserklärung der Ministerpräsidenten am 22. Juni steckt noch in den Anfängen, es gibt mehr Fragen als Antworten. Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden, das staatliche Sportwettenmonopol dürfe nur dann bestehenbleiben, wenn die Lotterieverwaltung vor Suchtgefahren des Wettens warnt und jede Werbung einstellt, die gezielt zum Wetten auffordert. Die Länder wollen bis nächstes Jahr eine Neufassung des Staatsvertrages vorlegen und das Monopol retten. Private Anbieter werden vor diesem Hintergrund als illegal betrachtet. Trotz vielfältiger Warnungen sind Vereine mit umstrittenen Unternehmen Sponsorenverträge eingegangen.
Zweierlei Rechnungen
Deutlich geworden ist ein weiteres Mal, daß der (Profi-)Fußball Interessen verfolgt, die dem übrigen organisierten Sport schaden. Wer den Sportwettenmarkt aufbrechen will, greift damit auf lange Sicht auch die anderen Glücksspiele, Lotto und Toto, an. Warum sollte das kein Markt für private Unternehmer werden? Das Thema ist so bedeutend, daß Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), einen "Gipfel" mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga anstrebt und an seinen "Freund", den Geschäftsführenden DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, appelliert, solidarisch zu handeln.
Der DOSB und die Landessportbünde wollen am Wettmonopol festhalten, DFB und DFL drängen dagegen mit einer eigenen Sportwette auf den lukrativen Markt. Jeder neue Wettanbieter schmälert in der jetzigen Situation die staatlichen Erlöse und damit die Mittel für die Sportförderung. Was den Profifußball reizt: Zuletzt wurden auf dem deutschen Sportwettenmarkt mehr als dreieinhalb Milliarden Euro umgesetzt. Über vierzig Prozent davon konnten private Anbieter entnehmen. Der DOSB macht eine andere Rechnung auf: Auf weit mehr als fünfhundert Millionen Euro belaufen sich die Zuwendungen für den gemeinnützigen Vereinssport (wozu der Amateurfußball zählt) aus den Einsätzen der Lotto- und Totospieler und, in sehr viel geringem Maße, aus den Einsätzen der Sportwetter, die Oddset spielen. Ohne diese Mittel würde das deutsche Sportsystem kollabieren, in öffentlichen Kassen findet sich dafür kein Ersatz.
Es ist also wirklich eine Existenzfrage, wie sich der deutsche Sport positioniert und wie er von der Politik unterstützt wird. Ob staatliches Monopol oder Marktöffnung, der Sport (nicht allein Fußball) liefert die Basis für das Geschäft der Wettanbieter und muß deshalb substantiell teilhaben. Wenig hilfreich ist es, wenn der Sport nicht mit einer Stimme spricht. Erst am 20. Mai ist der neue Spitzenverband DOSB, mit tatkräftiger Hilfe von Zwanziger, gegründet worden. Nun wird sich in Kürze zeigen, ob sich unter diesem Dach Freunde oder Gegner gefunden haben.
Vernichtung von Arbeitsplätzen
Marco Salle (salle.de)
- 23.07.2006, 14:09 Uhr