Jetzt wird sich wieder mancher aufregen über den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), der einerseits beim Europacup seine Athleten demonstrativ mit dem weißen Bändchen des Reinheitsgebots auftreten ließ, um nach außen ihre Sauberkeit zu dokumentieren, und der sich stets als Vorreiter in der Doping-Bekämpfung versteht, bis hin zum Eintreten für ein noch schärferes Anti-Doping-Gesetz.
Andererseits scheut sich dieser Verband nicht, ausgerechnet eine Sportlerin mit Vergangenheit für die Frauenkommission des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) vorzuschlagen. Eine, die im Doping-System der DDR groß geworden ist, ohne sich je explizit zu dem zu bekennen, was dokumentiert ist. Die Rede ist von Heike Drechsler, der Frau, die durch ihre weiten Sprünge bekannt geworden ist.
Frühere Stars werden Funktionäre
Kann so jemand den DLV in einem internationalen Gremium repräsentieren, ohne dass der Verband seine Glaubwürdigkeit einbüßt? Es hat sicher schon glücklichere Konstellationen und geschicktere Schachzüge gegeben, zumal so etwas wie öffentliche Reue nie stattgefunden hat. Und es stellt sich die Frage, ob es nicht eine überzeugendere Alternative gegeben hätte. Andererseits entspricht es keineswegs dem juristischen Verständnis in einem freiheitlich-demokratischen Land, jemanden ein Leben lang für die Vergangenheit büßen zu lassen. Das hieße schließlich im Umkehrschluss, dass niemand zur Einsicht und Besserung fähig wäre. Zumal sich Frau Drechsler mittlerweile öffentlich gegen Doping ausgesprochen hat.
Die Frage lautet dennoch, ob sie für solch ein Gremium die Richtige ist. In einer Hinsicht vielleicht schon. Sie befindet sich - wenn man die Liste der Kandidatinnen durchgeht - in bester Gesellschaft: Shanna Block, vormals Pintusewitsch, Sprinterin aus der Ukraine, steht darauf, auch Irina Priwalowa, einst Russlands schnellste Frau - beide nicht gerade über jeden Zweifel erhaben.
Weil sie so kompetent sind?
Der DLV liegt mit seiner Wahl also im Trend. Es scheint bei der IAAF immer mehr in Mode zu kommen, die früheren Stars zu Funktionären zu machen. Und nicht nur dort - siehe Fußball, siehe Platini und Beckenbauer. So, als würde aus sportlichen Verdiensten ganz automatisch eine hohe Kompetenz in Führungsfragen, in wirtschaftlich-sozialen Zusammenhängen erwachsen.
Es sollte allerdings nicht darum gehen, sich im Glanze großer Namen zu sonnen, sondern um Perspektiven und Zukunftsfähigkeit. Eine Erneuerung der Leichtathletik, die sich unter ihrem Präsidenten, dem früheren Weitspringer Lamine Diack, im Rückwärtsgang befindet, ist dringend geboten. Ob ausgerechnet eine geschlossene Gesellschaft der Ehemaligen frische Ideen in die angestaubte Leichtathletik-Kiste zu bringen vermag? Namen überstrahlen offenbar jede Kompetenz. Ein Phänomen, dem IAAF-Vizepräsident Helmut Digel im August zum Opfer fallen könnte. Der Tübinger Sportwissenschaftler muss bei den Wahlen um die vier Plätze im IAAF-Präsidium unter anderen gegen Wunderläufer Sebastian Coe und Stabhochsprunglegende Sergej Bubka antreten.
Warum gegen Heike Drechsler?
Peter Mugay (Mugay)
- 28.06.2007, 09:55 Uhr