31.07.2004 · Wenn T-Mobile ein Fußballklub wäre, hätten die Zeichen auf Sturm gestanden. Der Manager - Walter Godefroot - kritisiert seinen Star. Der Star - Jan Ullrich - droht mit Konsequenzen.
Von Michael ReinschWenn T-Mobile ein Fußballklub wäre, hätten die Zeichen auf Sturm gestanden. Der Manager - Walter Godefroot - kritisiert seinen Star. Der Star - Jan Ullrich - droht mit Konsequenzen. In der Branche, in der nicht nur der Ball gelegentlich einen Tritt erhält, hätte die Vereinsführung entweder den Manager feuern oder dem Star die Freigabe erteilen müssen. Dazu wird es wohl nicht kommen. Wenn es denn stimmt, daß die beiden am Samstag abend ihre Differenzen ausgeräumt haben.
Im Radsport, wo Tritt auf Tritt der eine im Windschatten des anderen rollt, regiert die Realität wirtschaftlicher Verhältnisse. Es gibt keine Vereinsführung. Manager Godefroot ist nicht angestellt, sondern ihm gehört das Team. T-Mobile ist, mit einem Engagement um die zehn Millionen Euro, nicht mehr als Sponsor. Wer sollte, selbst wenn es um ein nationales Anliegen wie den zweiten Toursieg von Ullrich geht, Godefroot den Stuhl vor die Tür seines eigenen Unternehmens stellen?
Sie feiern nicht einmal gemeinsam
Immerhin hat T-Mobile gerade erst bekannt gemacht, daß das Unternehmen selbst und nicht Godefroots GmbH Vertragspartner von Ullrich ist. Der Radprofi und seine Entourage bilden ein Team im Team. Zum Abschluß der Tour feierten sie nicht einmal gemeinsam. Wie sollen sie da, wenn es ernst wird, ihre Kräfte vereinen? Theoretisch hätte T-Mobile Ullrich in der nächsten Saison in einer anderen Mannschaft fahren lassen können. Das würde jedoch keinen Sinn machen, weil er dort ins Trikot eines anderen Sponsors schlüpfen müßte, während T-Mobile weiterhin, wie es der Vertrag vorsieht, seine einstige Mannschaft unterstützt.
Der 61 Jahre alte Godefroot bot in seiner Ära als Radprofi einem Eddy Merckx die Stirn. Er gewann zehn Etappen der Tour de France sowie allerhand Klassiker. Seit Jahren nimmt er sich die Freiheit, Ullrich zu kritisieren. Die jüngste Kritik könnte mehr signalisieren als eine Überhitzung in den Medien. Durch die Einführung einer Lizenz für die ProTour hat der Welt-Radsportverband den Teamchefs die Eintrittskarte für Weltcup und Tour de France in die Hände gelegt. Godefroots Position ist stärker denn je.
Kaum mehr als Lustlosigkeit
Ullrich könnte seinen Vertrag auflösen, wenn er überzeugt ist, in diesem Team und mit diesem Teamchef die Tour nicht gewinnen zu können. Noch vor wenigen Wochen allerdings forderte er vollmundig Lance Armstrong heraus. Es folgte Platz vier. Eine noch größere Differenz zwischen Wort und Tat Ullrichs klaffte im vorigen Jahr. Als er mit dem Team Bianchi und Teamchef Pevenage ein vielversprechendes Comeback gab, kündigte Ullrich an, daraus solle die stärkste Mannschaft der Welt werden. Kaum hatte er die Tour hinter sich, war er sich schon mit T-Mobile einig. Sein Team löste sich auf, für Pevenage wurde eine Beraterfunktion ohne Einfluß geschaffen. Warum hätte Ullrich jetzt den gesicherten Verhältnissen das Risiko eines sportlichen und wirtschaftlichen Neubeginns vorziehen sollen? Sein Drohpotential bestand in kaum mehr als Lustlosigkeit.