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Kommentar Circus Maximus

26.06.2009 ·  Bisher kannte man den Eindruck, das Material sei wichtiger als der Mensch, eher aus der Formel 1. Nun ist es soweit, dass auch im Schwimmsport der Schluss naheliegt: Kleider machen Sieger.

Von Bernd Steinle
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Der Schwimmsport ist unberechenbar geworden. Sogar für die Schwimmer selbst. Da quetschten sie eigens fürs Fernsehen die interessanteren Finalläufe der deutschen Meisterschaften in die drei Tage von Freitag bis Sonntag – und nun schwamm Britta Steffen schon am Donnerstag im Vorlauf Weltrekord. Eine Morgengabe, mit der die Olympiasiegerin wiederum selbst nicht gerechnet hatte: Da habe sie ihr Schwimmgefühl unterwegs mächtig getäuscht, bekannte sie nachher erstaunt.

So verbesserte sie also schon im Vorlauf eines Wettbewerbs, in dem sie selbst im Finale keine echte Konkurrenz zu fürchten hat und auf den sie sich daher nicht mal konsequent und gezielt vorbereitet hatte, einen Weltrekord, an dem sich zehn Monate zuvor im olympischen Finale die bestens vorbereitete Weltspitze noch die Zähne ausgebissen hatte. Falls es noch eines Beweises für die schöne neue Welt bedurfte, in die die neue Generation der Hightech-Anzüge die Schwimmer getragen hat – hier ist er.

Material wichtiger als der Mensch

Bisher kannte man den Eindruck, das Material sei wichtiger als der Mensch, eher aus Sportarten wie der Formel 1. Nun hat es der Schwimm-Weltverband (Fina) mit seinem Wischiwaschikurs bei der Zulassung der Anzüge geschafft, dass auch im Schwimmsport der Schluss naheliegt: Kleider machen Sieger (siehe: Die Anzugsfrage: Der Verband schwimmt).

Was mit dem Speedo LZR Racer begann, haben die anderen Hersteller mit ihren Konkurrenzprodukten auf die Spitze getrieben. Die Fina schaute dem entfesselten Textil-Wettrüsten lange Zeit interessiert zu – um nun, unter dem Vorwand, die Zeit bis zur Weltmeisterschaft im Juli sei für einschneidende Änderungen zu knapp, auf die angepeilten neuen Regeln ab 2010 zu verweisen.

Ein WM-Jahr 2009 als „Übergangsperiode“

So befürchten Kritiker mit einiger Berechtigung, dass die WM in Rom zum Circus Maximus verkommen wird. Doch die eigentlichen Probleme für die Fina stehen ja noch aus: Was tun mit den ganzen Fabelzeiten, die 2009 in den Turboanzügen geschwommen werden, wenn diese im Jahr darauf verboten werden? Alle Rekorde streichen? Oder alle belassen und allein auf die Wirkung der neuen, stärker geneigten Startblöcke hoffen, die sich die Fina für 2010 hat einfallen lassen? Und was ist mit dem Nachwuchs? Wie jungen Schwimmern die Bedeutung des täglichen Trainings vermitteln, wenn sie doch nun jeden Tag sehen, welche Bedeutung der richtige Anzug hat?

Die Fina erinnert an einen Mann, der im falschen Zug sitzt und in die falsche Richtung rast, sich aber nicht aufraffen kann auszusteigen, geschweige denn umzukehren. Mit ihrer Entscheidung, die meisten der umstrittenen Anzüge für 2009 zuzulassen, hat sie sich selbst den einzigen Ausweg versperrt. Nun muss sie ausbaden, was kommt. Der Weltverband sieht das WM-Jahr 2009 nach eigenen Angaben als „Übergangsperiode“ an, bis die neuen Bestimmungen das Wettrüsten im Schwimmbecken dann einschränken sollen. Es deutet immer mehr darauf hin, dass dieser Übergang zum Untergang werden könnte.

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Jahrgang 1970, Sportredakteur.

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