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Knockout für Krasniqi Filmriß

29.09.2005 ·  Er lieferte dem Weltmeister einen großen Kampf, in der neunten Runde aber war sein Traum vom Schwergewichtstitel zu Ende: Luan Krasniqi unterlag in Hamburg im Fight gegen den Amerikaner Lamon Brewster durch technischen K. o.

Von Hans-Joachim Leyenberg
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In der Kabine müssen sie geahnt haben, was auf sie zukommen würde. „Dreißig Jahre Abstiegskampf ist ein Kindergeburtstag dagegen.“ Mit diesem Vergleich kam ein zutiefst beeindruckter Christoph Schickardt aus dem Raum, in dem sich Luan Krasniqi samt Betreuern aufhielt. Es war die Stunde vor dem WM-Kampf. In dem Raum muß eine Atmosphäre geherrscht haben, wie man sie aus Berichten kennt, die aus Zeiten stammen, als es ihn auch hierzulande noch gab: den Gang zum Schafott.

Schickardt berät normalerweise Vereine und Profis der Fußball-Bundesliga. Neuerdings zählt der Anwalt auch den Preisboxer Krasniqi zu seinen Klienten. Was er samt allen 13.000 Augenzeugen in der Hamburger Color-Line-Arena und den knapp acht Millionen vor den Fernsehgeräten vorgeführt bekam, erfüllte Runde für Runde den Tatbestand der Körperverletzung. Das Ende des Duells in der neunten Runde erlebte Luan Krasniqi nur noch in Trance und konnte sich nicht mehr präzise an den Schlußpunkt der Auseinandersetzung um den WBO-Titel im Schwergewicht erinnern. „Ich muß mir erst mal die TV-Bilder ansehen“, antwortete er auf die Frage ob er aufgegeben habe.

„Alles oder nichts“

Hat er, bestätigen die Leute in seiner Ringecke und Ringrichter Jose H. Rivera aus Puerto Rico, der es zu gut mit dem Herausforderer aus Rottweil meinte, als er den schwer angeschlagenen Krasniqi nicht schon am Ende der achten Runde auszählte. „Ich wollte ihm noch eine Chance geben, es ging schließlich um eine WM“, begründete Rivera den im Regelwerk nicht vorgesehenen Gnadenakt. In der achten Runde war, wie nicht nur Helmut Ranze, Bundestrainer der Amateurboxer und einst auch Cheftrainer Krasniqis, erkannte, „Brewster sturmreif“.

Knockout für Krasniqi: Filmriß

Es war jener Durchgang, als beide auf die Karte „Alles oder nichts“ setzten, geradezu so, als gäbe es keine weitere Runde und schon gar kein Morgen. Beide waren am Ende ihrer physischen Möglichkeiten. Der fast ohne Beinarbeit tapsig daherkommende, am linken Knie bandagierte Amerikaner und auch Krasniqi, der den Halbmarathon in 1:36 Stunden bewältigt. Ein Kinderspiel im Vergleich zu einer Runde a drei Minuten im Ring.

Unterlippe geplatzt, Augenbraue lädiert

Sie hatten sich von der ersten Minute an beharkt: der allein auf seine Schlagkraft bauende Titelverteidiger und der variablere, mit der Führhand konternde Krasniqi. Deshalb lag er nach der achten Runde noch vorn auf den Zetteln aller drei Punktrichter. Der ausgetüftelte Fahrplan, wie Brewster beizukommen sei, wurde dem gebürtigen Kosovo-Albaner immer wieder vom Bruder ins Gedächtnis gerufen: „Nix stehen, du zuerst.“

Der Masterplan wurde von Brewster und dem Ego von Luan Krasniqi durchkreuzt. Nach einem Tiefschlag des Amerikaners in Runde eins fühlte sich der stolze, emotional geladene Luan („Löwe“) zur Prügelstrafe aufgerufen, statt cool zu bleiben. Cool bleiben - das sagt sich generell so einfach. Doch mit einem Peiniger gegenüber? In der zweiten Runde platzte Krasniqi als Folge der Kampfhandlungen die Unterlippe auf, die später genäht werden mußte, die linke Augenbraue war ein paar Minuten später lädiert.

Gefiel sich als Dominator

Der Herausforderer zahlte Schlag auf Schlag, Treffer um Treffer zurück, aber dieser Brewster steckte alles, was ihm da an den Kopf flog, ungerührt weg, ja er absorbierte die Schläge. Doch in Runde acht zeigte selbst er Wirkung, Krasniqi gefiel sich in der Rolle des Dominators, nun, da er Brewster endlich mürbe glaubte, eine Spur mehr, als er, der Athlet, es da schon war.

Das war der Moment, den Krasniqi später als den Schlüssel der Niederlage analysierte: Er wähnte sich über den Berg, war sich seiner Sache nach eigenem Urteil „zu sicher“, bekam, im Originalton des Getroffenen, „einen kurzfristigen Schlag, ich wußte nicht mehr, wo hinten und wo vorne ist“. In der Ringpause sei er noch mal zu sich gekommen.

„Wenn einer Schwäche zeigt, wächst der andere“

Gleichsam im Unterbewußtsein hat Krasniqi anschließend nochmals die Krallen gezeigt, Brewster schwer getroffen, ohne den Gegner von den Beinen bringen zu können. Das war dann dem Amerikaner vorbehalten. Krasniqi ist nochmals aufgestanden, Senor Rivera ist zu ihm gekommen, hat ihn fragend angesehen. Der Deutsche hat nach zwei Minuten, und 48 Sekunden dieser neunten Runde den Kopf geschüttelt. Schluß! In der Gunst des Publikums hat Luan Krasniqi mit dieser Niederlage mehr Pluspunkte gesammelt als bei allen vorangegangenen Siegen.

Weil er für alle erkennbar zum Grenzgänger seiner eigenen Fähigkeiten wurde und auch den Gegner zum Grenzgänger seiner Möglichkeiten werden ließ. „Wenn einer Schwäche zeigt“, machte Krasniqi die unbarmherzige Rechnung unter Kampfsportlern auf, „wächst der andere.“ Lamon Brewster ist in der Reihe der Schwergewichtler keiner der ganz Großen für die Chroniken des Berufsboxens, aber einer, der mit unbändigem Willen seinen Besitzstand verteidigt. Auch Wladimir Klitschko schien gegen Brewster auf dem Wege zum Sieg, bis Brewster entscheidend zurückschlug.

Der gefürchtete „Gang durch die Hölle“

„Das Schwergewicht ist ganz schwierig“, hörte man Luan Krasniqi tief getroffen sagen. In keiner anderen Gewichtsklasse sind Schläge von so ultimativer Wirkung wie im Lager jenseits der 100-Kilogramm-Fighter. Für Krasniqi hat sie in der achten Runde zum Filmriß geführt, „da stand ich neben mir, war wie benebelt“. Brewsters Promoter Don King, stets Verkäufer seiner selbst, wollte „einen Blitzkrieg“ erlebt haben, pries schon ein Rematch an und dann noch eines und noch eines und forderte („just call me“) flugs Wladimir Klitschko zum Tänzchen mit Brewster auf.

Und dann bitte die Weltmeister der anderen Verbände. Ein Kraftmeier des Wortes, nicht ganz ernst zu nehmen. Der vergleichsweise seriöse Krasniqi hat sich vorgenommen, daß „ich es das nächste Mal besser machen werde“. Nach dem erwarteten, gefürchteten „Gang durch die Hölle“. Den gehen Boxer so schnell nicht ein zweites Mal. Zumal mit 34 Jahren. „Mir läuft die Zeit davon“, sagt der Verlierer. Der Sieger dagegen kommt sich vor, als verbleibe er im Paradies, nachdem die Hölle durchschritten ist.

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Jahrgang 1943, Sportredakteur.

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