Die Gegner wechseln, das Drehbuch bleibt. Wladimir Klitschko gewinnt immer. Seit nunmehr gut sieben Jahren. Der Engländer David Haye hat diesen Zustand, der das Schwergewichtsboxen lähmt, in der Nacht zum Sonntag nicht beenden können. Mit dem einstimmigen Punktsieg des Ukrainers in Hamburg ist die letzte Hoffnung auf Abwechslung in der Königsklasse dahin. Versprochen war laut Mike Tyson „der Kampf, auf den die Welt gewartet hat“.
Sie wartet nicht mehr, weil sie sich endgültig von der Illusion verabschiedet hat, dass es irgendwo jemanden gibt, der den Champion entzaubern könnte. Sie ist Haye und all jenen auf den Leim gegangen, weil sie für bare Münze genommen hat, was da vor dem ersten Gong an Kampfansagen kam - und dann nicht eingelöst worden ist. Am Ende haben die 40.000 Zuschauer in der Arena des Hamburger SV und die Millionen vor den Bildschirmen auch von Haye das gesehen, was sie bis zum Überdruss von Klitschko kennen: nur kein Risiko eingehen.
„Wir haben Haye aggressiver erwartet“, sagte Klitschkos Trainer Emanuel Stewart und lieferte damit die Erklärung für ein Duell, das so undramatisch über die Bühne ging, wie so manches zuvor mit weniger prominenten und ambitionierten Gegnern. Haye war fix auf den Beinen, pendelte mit dem Oberkörper, riskierte sporadisch einen überfallartigen Angriff, und brachte sich umgehend wieder aus der Gefahrenzone.
„Haye ist weder groß noch schwer genug“
Klitschko marschierte vorwärts, die linke Führhand wie eine Lanze einsetzend, hin und wieder erweiterte er sein Repertoire um seine rechte Schlaghand. Eine erprobte Strategie, gegen die der Brite kein Mittel fand. Bisweilen bewegten sich beide Boxer mit heruntergelassenen Armen wie Pantomimen. Deckungslos, auf den falschen Schachzug des anderen spekulierend. Keiner setzte nach einem der raren Treffer nach, Kombinationen blieben eine Rarität, beide neutralisierten sich. Klitschko erstickte Hayes Bemühungen im Ansatz.
Er, der Klitschko „ausknocken wollte“, sei an einer perfekten Verteidigung gescheitert. Brav gratulierte Haye zum „verdienten Sieg“, ehe er dann im Nachgang relativierte. Vor drei Wochen habe er sich den kleinen Zeh des rechten Fußes gebrochen. Das Votum der Punktrichter (117:109, 118:108, 116:110) nahm er ohne seinen rechten Schuh, aber mit Knöchel-bandage zur Kenntnis. Später, während der Pressekonferenz hielt er den Fotografen seinen Fuß hin, diesmal mit verbundenem Zeh.
Ohne ihn hundertprozentig belasten zu können, habe seine „rechte Hand nicht explodieren können, denn die Kraft kommt aus meinen Beinen“. Eher amüsiert als verärgert hörte sich Klitschko das Lamento an, nannte Haye einen schlechten Verlierer und sprach dessen Manko an: Für das Schwergewicht sei Haye weder groß noch schwer genug, gehöre eigentlich in jene Liga, aus der er komme, ins Cruisergewicht. Die Fakten: Haye ist knapp 8 Zentimeter kleiner und fast 14 Kilogramm leichter als Klitschko.
„Ich bin noch jung, ich bin noch fit“
Eine Prise Mut ohne Draufgängertum reichte Haye nicht, Klitschko nachhaltig zu beeindrucken. Es waren nur drei, vier Runden, in denen der Maulheld die Mehrzahl der Treffer setzte. Jetzt ist er seinen Weltmeistergürtel der WBA los, den er sich gegen den russischen Riesen Nikolai Walujew geholt hatte. Da ist Wladimir Klitschko schon ein anderes Kaliber. Zusammen mit Bruder Witali, dem WBC-Weltmeister, ist die Titelsammlung komplett.
Wladimir, der jüngere, grüßt als IBF-, WBO- und seit Sonntag auch noch als WBA-Champion. Dreisprachig, abwechselnd auf Deutsch, Englisch und Ukrainisch, machte er klar, das man auch nicht im entferntesten auf ein Ende seiner Regentschaft spekulieren kann: „Ich bin noch jung, ich bin noch fit“, lautet die Kampfansage des 35-Jährigen. Der nächste Auftritt im Ring steigt im Oktober oder November. Die freiwillige Titelverteidigung gegen einen Herausforderer nach Wahl dürfte einem Spaziergang gleichen.
Nur in Deutschland ist der Hype noch ungebrochen
Das Duell mit Haye, als der ultimative Härtetest ausgerufen, taugte zur perfekten Klitschko-Inszenierung. Zurück blieb ein frustrierter Haye, blieben Tausende von desillusionierten britischen Fans, deren Gesänge von Runde zu Runde leiser wurden.
George Foreman, der sich einst legendäre Schlachten geliefert hat, die heute undenkbar erscheinen, weil es an Darstellern fehlt, legte den Finger in die Wunde des Schwergewichts: „Haye konnte eigentlich nichts ausrichten gegen einen so großen, schnellen und schweren Mann wie Klitschko.“ Es ist das Dauerthema einer Kundschaft, die weder in Amerika noch in Großbritannien für Boxen wie vom Reißbrett zu begeistern ist. Nur in Deutschland ist der Klitschko-Hype noch ungebrochen.
„Alles ist möglich. Er hatte mich nicht am Boden“
Aber dämmerte der Stammkundschaft ausgerechnet in jener Nacht, die vorab zur Sternstunde des Faustkampfes verklärt wurde, dass da doch viel Lärm um wenig gemacht wurde? Vollmundig hatte Schnellredner Haye versprochen, „das Regiment der Langeweile“ zu beenden. Von wegen. Und ob er, wie angekündigt, am 13. Oktober, seinem 31. Geburtstag, endgültig vom Preisboxen lässt, ist auch noch nicht ausgemacht.
Es war so ganz und gar nicht nach dem Geschmack des Londoners, sich mit einer Niederlage zu verabschieden. „Alles ist möglich“ war seine Version. Zuvor musste er zur eigenen Ehrenrettung noch eines loswerden: „Er hatte mich nicht am Boden.“ Dem bescheiden gewordenen „Haymaker“ genügte, seine Standfestigkeit bewiesen zu haben. Alles wie längst gehabt und nie beherzigt. Der Koloss bleibt auf seinem Sockel.
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