23.02.2008 · Klitschko? Nun ja. Aber Ibragimow? Die Veranstalter versprechen einen Boxkampf der Superlative. Im Schlussspurt zum New Yorker WM-Duell der Schwergewichtler versuchen sie nun verzweifelt, den beiden Boxern Profil zu geben.
Von Hans-Joachim Leyenberg, New YorkWladimir Klitschko blickt reichlich hochmütig drein. Jedenfalls auf den riesigen Werbetafeln, die rund um den Broadway einen Boxkampf der Superlative anpreisen. Für die Amerikaner erschließt sich das Besondere am WM-Fight zwischen dem Ukrainer und dem Russen Sultan Ibragimow nicht auf Anhieb. Klitschko, nun ja. Das ist der mit dem Bruder Witali, der einst Lennox Lewis zusetzte. Jetzt also Wladimir. Ein Berufsboxer mit guten Manieren, von dem es mal hieß, dass er ein Glaskinn habe.
Aber nun nicht mehr, seitdem er Weltmeister des Verbandes IBF wurde und es bis heute blieb. Aber wer zum Teufel ist dieser Ibragimow, der neben dem selbstsicheren Klitschko – man könnte dessen Gesichtsausdruck auch als arrogant deuten – so unendlich brav und unscheinbar wirkt? Im Schlussspurt vor dem Duell an diesem Samstag haben die Veranstalter ganze Arbeit geleistet, um speziell Pay-TV-Kunden doch noch auf den Geschmack zu bringen.
Eine Promotion-Tour als russischer Heimatabend
Die Werbung für die Laufkundschaft im Madison Square Garden indes zielt besonders auf jene, deren Muttersprache Russisch ist. Allein in New York sind es mehrere hunderttausend. Viele hat es in den Süden von Brooklyn verschlagen. Dort tragen Läden kyrillische Buchstaben, man deckt sich mit russischen Spezialitäten ein, und wenn gefeiert wird, dann vorzugsweise im „Rasputin Supper Club“. Den waschechten Russen erkennt man an der Betonung der Silben Putin.
Der letzte Montag war nicht nur Feiertag (Präsidententag) in New York, für den „Rasputin Supper Club“ in Brooklin war es ein Festtag. Erst kam Ibragimow, dann Klitschko. Man setzte sie bei dieser Promotion-Tour, die zugleich zum Heimatabend werden sollte, an Tische, die so reich mit russischen Köstlichkeiten gedeckt waren, als gäbe es keinen nächsten Tag mehr. Die Zahl der Gänge überstieg die Zahl der Runden selbst dann, wenn der Fight im Madison Square Garden über die volle Distanz gehen sollte.
Die beiden „größten Boxer aller Zeiten“
Ibragimow und seine Gefolgsleute, auf einem roten Sofa plaziert, langten mit sichtlichem Vergnügen zu. Am Tisch neben ihnen, getrennt durch die Treppe zur Bühne, saß der Asket Klitschko und rührte keinen Bissen an. Über den Ringhelden lief eine Endlosschleife mit bewegten Bildern von Ibragimow und Klitschko als K.-o.-Königen. Ein Moderator im Frack erhob beide zu den „größten Boxern aller Zeiten“. Genauso gut könnte man Carla Bruni zur First Lady des französischen Chansons erklären.
Zumindest Ibragimow muss erst noch seine Weltklasse beweisen, auch wenn er es bereits zum WBO-Weltmeister gebracht hat. Vor einem Jahr sorgte er für den schnellsten K.o. in der Geschichte des Madison Square Garden, als Javier Mora nach nur 46 Sekunden ausgezählt wurde. Gerade mal elf Wochen später, nach dem Sieg über Shannon Briggs, grüßte Ibragimow als der neue Schwergewichtschampion. Nun also steigt der erste Vereinigungskampf im Schwergewicht seit neun Jahren. Damals nahm der Brite Lennox Lewis dem Amerikaner Evander Holyfield dessen WM-Gürtel ab.
Den Ausblick gleich zweisprachig formuliert
Um Neutralität bemüht, haben sie im „Rasputin Supper Club“ beide Athleten mit Fresskörben heimatlicher Kost bedacht, von deren Verbleib Wladimir Klitschkos Manager Bernd Bönte am Tag drauf schon nichts mehr wusste. Man kann nicht behaupten, dass Wladimir Klitschko mit seiner Heimatliebe hausieren ginge. Das passte auch nicht zu einem, der sich als Weltbürger gibt. Geboren in Kasachstan, aufgewachsen in der Ukraine, zwischen Terminen in Deutschland und den Vereinigten Staaten pendelnd, vorzugsweise das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ lesend.
Bei der kurzen Talkshow in Brooklyn, Seite an Seite mit Ibragimow, formulierte er seinen Ausblick auf den Ernstfall druckreif zweisprachig. Die Formulierungen saßen, bei den Grußworten an alle Gäste erhob er die Stimme. Ein Schauspieler hätte das nicht besser hingekriegt. Ibragimow dagegen hört sich – englisch wie russisch – immer so an, als würde er nuscheln. Selbst Klitschko hatte Mühe, den Mann aus dem äußersten Süden Dagestans zu verstehen.
Ibragimow hat gar nichts Schillerndes an sich
Einer vom Lande, der zu seinem Dialekt steht, einst Schafe hütete, mit 16 in die Stadt kam und dort boxen lernte. Und jetzt ist er Teil der großen Show im Madison Square Garden. Deren Betreiber verkaufen die Arena ganz unbescheiden als Nabel der Sportwelt. Der Vergleich stimmte – aufs Boxen bezogen –, als Max Schmeling hier auf Joe Louis traf oder Cassius Clay auf Joe Frazier. Aber in der Nacht zum Sonntag ist die Arena kultiger, als es die Kämpfer im Ring sind.
Ibragimow hat so gar nichts Schillerndes an sich. Keine Sprüche, keine Extravaganz. Er ist einfach da. Im „Rasputin Supper Club“ blieb er so lange, bis auch der letzte Autogramm- oder Fotowunsch erfüllt war. Da hatte sich das Klitschko-Lager schon längst durch die Hintertür davongemacht. Kollege Wladimir, korrekt, wie er nun einmal ist, hatte sein Pflichtprogramm absolviert. Den anwesenden Botschaftern aus Aserbaidschan, Estland, Turkmenistan und besonders ausdauernd dem Diplomaten aus der Ukraine die Hand geschüttelt.
In den Boxring am berühmten Times Square
Dann nahmen er und Ibragimow noch Urkunden einer Stiftung entgegen. Ihr war zu entnehmen, dass sie sich um sie verdient gemacht haben. Und schließlich trat noch einer in Aktion, der beiden in Anspielung auf die Großartigkeit des bevorstehenden Kampfes je eine überdimensionierte, künstlerisch gestaltete Armbanduhr überreichte. Bönte fühlte sich eher an ein Wagenrad erinnert und meinte, der Boxriese Nikolai Walujew habe mit seinen 2,13 Metern die adäquaten Körpermaße für das Unikat von Chronometer.
Schauplatzwechsel am Tag drauf. Im „Hard Rock Cafe“ am Times Square, wo die Anzüge der Beatles aus ihren frühen Jahren in einer Vitrine zu besichtigen sind, goldene Schallplatten von Elvis Presley, Pink Floyd oder Janis Joplin zur Dekoration gehören, haben sie einen Boxring aufgebaut. Dessen Schwingboden umspannt purpurrotes Tuch und korrespondiert mit dem gleichfarbigen schweren Brokatvorhang der Bühne.
Beifall, aber auch Piffe und Buhrufe bei Ankunft
Es gehört zu den Ritualen des Preisboxens, Athleten flüchtige öffentliche Arbeitsproben ihres Trainings vorführen zu lassen. Das ist nichts anderes als eine weitere PR-Maßnahme. In Deutschland dienen vorzugsweise Auto- oder Kaufhäuser als „Location“, das „Hard Rock Cafe“ am Broadway macht sich besser als jeder moderne Automobiltempel. Ibragimow ist pünktlich zur Stelle, bleibt aber nur ein gutes Viertelstündchen. Klitschko verspätet sich, harrt aber länger aus.
In den Beifall bei seiner Ankunft mischen sich Pfiffe und Buhrufe. Sie stammen von ein paar Claqeuren mit dem Schriftzug „Ibragimow“ auf dem Rücken. Laute, lustige Leute aus Costa Rica, in deren Gym er die letzten Tage trainiert hat. Die Athleten begegnen einander nicht. Das ist so geplant, auf dass einer nicht dem anderen die Schau stehle. Das Foto für zwei Weltmeister auf einen Schlag konnte ja noch geschossen werden. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz am Mittwoch oder dem Wiegezermoniell am Donnerstag.
„Links oder rechts, ist egal, Hauptsache Oberhand“
Da standen sie dann wieder Nase an Nase, den Blicken des anderen standhaltend. Als ob das ein Gradmesser für die mentale Stärke wäre. Wer mit den Augen flackert, hat schon verloren, so die landläufige Meinung. Wladimir Klitschko überragt Sultan Ibragimow um zwölf Zentimeter. Es wird somit kein Duell auf Augenhöhe geben. Auffällig ist der Russe nur in seiner Unauffälligkeit. Damit ist er verdächtig weit gekommen. Ein Mann ohne herausragende Eigenschaften, aber auch ohne spezifische Schwächen. Als Persönlichkeit das Leichtgewicht unter den vier Schwergewichtsweltmeistern. Unverdächtig, einem wie Wladimir Klitschko gewachsen zu sein.
Ein Biedermann, der sogar seinen vermeintlichen Vorteil als Rechtsausleger herunterspielt. Mit diesen Linkshändern der Boxszene verbindet der Ukrainer unangenehme Erinnerungen, die mit dem K.o. endeten. „Links oder rechts, ist doch egal, Hauptsache, man behält die Oberhand“, fällt Sultan Ibragimow zu diesem Thema ein und lächelt freundlich. Sollen doch die anderen auf den Putz hauen. So viel Understatement ist untypisch für New York, wo es gilt, sich blendend zu verkaufen. Das bedeutet Schwerstarbeit für Promoter. Die Spice Girls dagegen, diese Woche bereits im Garden zu Gast, waren spielend leicht zu vermarkten. Die sind zumindest zickig. Manchmal jedenfalls, für die Schlagzeilen.
Hans-Joachim Leyenberg und seine Sicht der Dinge
Gertrud Schönfelder (Jerzy24)
- 23.02.2008, 20:48 Uhr