11.11.2006 · Der boxende Banker Calvin Brock fordert den Sportwissenschaftler Wladimir Klitschko heraus: Erstmals kämpfen zwei Schwergewichtler mit Hochschulabschluß um einen Titel der Königsklasse.
Von Hartmut Scherzer, New YorkDer Mythos ist das Motto. Wer im Madison Square Garden um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht boxt, der „berührt die Geschichte des Sports und des Entertainments“, sagte Wladimir Klitschko geradezu ehrfurchtsvoll. Die in Aktionsbilder gehüllten Pfeiler in der Eingangshalle künden von den großen Auftritten in der berühmtesten Arena der Welt. Elvis Presley, John Lennon und all die legendären Popstars der Zeitgeschichte traten im MSG auf. Der Papst war da. Demokraten und Republikaner veranstalteten ihre Parteitage. Die Rangers und die Knicks errangen als Hausherren Meisterschaften im Eishockey und Basketball.
Ehrensache, daß nur in der legendärsten aller Sporthallen die beiden ungeschlagenen Champions Muhammad Ali und Joe Frazier am 8. März 1971 zum einzig wahren „Kampf des Jahrhunderts“ antreten konnten. Ali war in der 15. und letzten Runde von einem linken Haken umgehauen worden, stand wieder auf, verlor nach Punkten und den Nimbus. Die Ali-Frazier-Säule steht auch als Symbol für die Größe eines Boxers, aufzustehen und zurückzukommen. Erst der „rumble in the jungle“ gegen George Foreman und der „thrilla in Manila“ gegen Joe Frazier haben Ali schließlich zum Monument gemacht.
„Chicken oder Champion“
Für Wladimir Klitschko ging ein Wunsch in Erfüllung, zu seinem 50. Profikampf und zur ersten Titelverteidigung (IBF-Version) gegen den Amerikaner Calvin Brock an diesem Samstag (Ortszeit) erstmals Hauptattraktion im Mekka des Boxens zu sein. Bei seinem Garden-Debüt vor sechseinhalb Jahren war er nur Rahmenkämpfer der Weltmeisterschaft Lennox Lewis gegen Michael Grant gewesen.
Als er vor dem Kampf auf dem Weg zur Pressekonferenz das Denkmal des Jahrhundertkampfes mit der Niederlage Alis passierte, mag Wladimir Klitschko an eine gewisse Parallele zu seiner eigenen Karriere gedacht haben: K. o. gegen Corrie Sanders. WBO-Titel weg. K. o. gegen Lamon Brewster. Karriereende? Drei Niederschläge gegen Samuel Peter. Aber am Ende Punktsieger. Zuletzt K.-o.-Sieger über Chris Byrd. Nach drei Jahren wieder Weltmeister, diesmal mit dem Gürtel der IBF. Ein solch schweres, aber eindrucksvolles Comeback über drei Jahre eines Fighters, der als „Softy“ mit Glaskinn stigmatisiert war und abgeschrieben schien, imponiert den Amerikanern. „Hier zählt nur eines“, weiß der Modellathlet aus der Ukraine mittlerweile. „Entweder du bist ein Chicken oder ein Champion. Nationalität oder Hoffnung spielen keine Rolle.“
Keine blindwütigen Haudraufs
In der Rolle von „Amerikas letzter Hoffnung“ fühlte sich dennoch sein Herausforderer Calvin Brock. „Nach mir gibt es keinen hoffnungsvollen Schwergewichtler mehr in den Vereinigten Staaten“, behauptet der als Profi vorher unbesiegte Olympiakämpfer von Sydney. Der einunddreißigjährige Außenseiter nennt sich „The Boxing Banker“, weil er nach abgeschlossenem Business-Studium an der Universität von North Carolina in seiner Heimatstadt Charlotte für die Bank of America arbeitete. Da Klitschko Sportwissenschaftler ist und promovierte, boxten also erstmals zwei Schwergewichtler mit Hochschulabschluß um einen Titel der Königsklasse.
Ein Duell der Akademiker - und so boxen beide auch. Keine blindwütigen Haudraufs, sondern zwei kalkulierende Techniker und Taktiker. Reife, Routine, Schnelligkeit, Körpergröße und -kraft, der dominierende linke Jab und der vernichtende rechte „Steelhammer“ machten Wladimir Klitschko zum großen Favoriten, auch wenn der seinem Gegner zuvor allen Respekt zollte: „Calvin ist ein ganz ruhiger Typ. An seiner Körpersprache spüre ich sein Selbstbewußtsein. Ich sehe es in seinen Augen. Er weiß, das ist die Chance seines Lebens. Deswegen werde ich ihn auf keinen Fall unterschätzen.“ Ein Klitschko-Kaliber hatte Brock in seinen 29 siegreichen Kämpfen noch nicht vor den Fäusten. Außerdem ist der Amerikaner (101,7 Kilogramm, 1,88 Meter) 7,5 Kilo leichter und zwölf Zentimeter kleiner als der Ukrainer (109,2/2,00).
„Wladimir wird Geschichte schreiben“
Allein Klitschko ist die Attraktion, selbst wenn die schöne Laila Ali keift: „Ich verkaufe mit meinem Namen die Tickets.“ Sie empört sich über die „Machos“ beim Pay-TV-Sender HBO, die kein Frauenboxen übertragen. Auch die Ankündigung der 35 Jahre alten Tochter, ihr Daddy werde kommen, bringt ihren Kampf gegen Shelley Burton aus Montana nicht auf Sendung. Allein wirbt der 30 Jahre alte Modellathlet Klitschko auf Postern, Transparenten und in Anzeigen. Auch Brock ist nicht im Bild, obwohl sich die Amerikaner kein rechtes Bild von ihrem „undefeated U.S. olympian“ machen können.
Die Zeile unter seinem Namen ist mißverständlich, denn in Sydney schied Brock bereits in der Vorrunde durch eine Abbruchniederlage aus. Klitschko hingegen war 1996 Olympiasieger. Vor dem Hintergrund der New Yorker Skyline auf dem Plakat verkündet nun der IBF-Weltmeister mit verschränkten Armen vor dem Adonis-Körper und mit geringschätzigem, kaltem Blick den Amerikanern seine Botschaft: „Es ist nur Platz für einen Champion im Schwergewicht.“ Und als solcher fühle er sich erst, betont er immer wieder, wenn auch die Gürtel von Walujew, Maskajew und Briggs beziehungsweise deren Nachfolgern seine Schultern und Hüften schmücken.
„Schreibt mich nicht ab!“
„Wladimir wird in den nächsten fünf Jahren Geschichte schreiben“, prophezeit der große Bruder Witali, der tatsächlich überlegt, in den Ring zurückzukehren, „wenn mein Körper hundertprozentig dazu bereit ist“. Der Vierunddreißigjährige fühlt sich allemal besser als die „o Gott, was für Typen - meinen Bruder natürlich ausgenommen -“, die derzeit im Schwergewicht ein armseliges Bild abgeben. Beim geselligen Abendessen in einem Broadway-Restaurant empfahl er daher: „Schreibt mich nicht ab!“
Seit seinen eindrucksvollen Siegen über Peter und Byrd, wegen seiner Klasse und Persönlichkeit, mit all seinem Charme und Charisma gilt Wladimir Klitschko auch ohne die drei Buchstaben der anderen als der legitime Champion der angeschlagenen Schwergewichtsszene - würdig für den Ritterschlag im Madison Square Garden.