05.10.2007 · Klettern mit Kindern im Elbsandsteingebirge muss kein Himmelfahrtskommando sein, sondern kann durchaus zum Familienspaß werden. Der waldreiche Nationalpark ist wie ein großer Spielplatz ohne Gefahren. Ralf Witzler hat seine Familie angeseilt und ist mit ihr in die Wand gegangen.
Von Ralf WitzlerDas Elbsandsteingebirge ist nicht ohne Grund eine Gegend, die vor allem die Verwegenen und die Erfahrenen unter den Sportkletterern anspricht: Meist gibt es gar keine Sicherungshaken, und falls es welche gibt, sind diese rostig. Und doch ist der Nationalpark Sächsische Schweiz im Dreiländereck von Deutschland, Polen und der Tschechischen Republik eine wunderbare Gegend für den Familienurlaub - und man kann sogar die Kinder mit zum Klettern nehmen. Eine Vielzahl der Routen bietet für jede Klettervorliebe und jedes Kletterniveau etwas. Vor allem Liebhaber von Rissklettereien bekommen, was sie wollen. Mehr als 19.000 Routen an über 1100 Gipfeln sind derzeit anerkannt. Rund 300 Touren werden in jedem Jahr neu erschlossen.
Klettersport an seinem Ursprungsort
Die Landschaft der Sächsischen Schweiz mit ihren einzigartigen Felsnadeln, den alleinstehenden Gipfeln und den Massiven über dem Elbtal sind von eindrucksvoller Schönheit. Zudem kann man hier Klettersport an seinem Ursprungsort betreiben: Denn in der Sächsischen Schweiz, am Mönchstein im Rathener Gebiet, schlug einigen Quellen zufolge 1874 die Geburtsstunde des Kletterns um des Kletterns willen. Über den Ostweg hatten der junge Steinmetz Otto Ewald Ufer und sein Gefährte H. Frick unter bewusstem Verzicht auf künstliche Hilfsmittel wie Steigbaum und Spitzhacken den Felsen erstiegen. Eine neue Sportart war geboren. Andere datieren den Beginn des sächsischen Felskletterns noch zehn Jahre zuvor, als Turner aus Bad Schandau den Falkenstein erstiegen.
Die weitere Entwicklung des Klettersports jedenfalls ist maßgeblich mit den beiden Sachsen Oscar Schuster und Rudolf Fehrmann verbunden. Schuster stellt 1893 die erste Schwierigkeitsskala auf - die sportliche Leistung beim Klettern wird damit vergleichbar. Fehrmann formuliert 1913 die Grundsätze für das Felsklettern in Sachsen, die bis heute, von Modifikationen abgesehen, Gültigkeit besitzen. Bevor die Grundgedanken des sächsischen Felskletterns in der ganzen Welt bekannt wurden, gelangten sie nach Amerika. Dort machte Fritz Wiessner, wiederum ein Sachse, diese in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts populär. Ihren anhaltenden Siegeszug trat die Sportkletterbewegung dann als europäischer Re-Import aus den Vereinigten Staaten in den siebziger Jahren an.
Freier Lauf um den Fels
Der waldreiche Nationalpark um die Elbsandsteingipfel herum ist wie ein großer Spielplatz ohne besondere Gefahren. Anders als in vielen anderen Klettergebieten können etwa im Bereich Bielatal viele Routen von den Eltern geklettert werden, während die Kinder um die Felsen herum ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen. Kleinere Felsen werden zum Klettergerüst, der Wald zum Jagdgrund und die Winkel und Spalten der Steine zum Versteck für Schätze aller Art. Das Umfeld ist flach, keine steilen Anstiege überfordern die Geduld oder das Leistungsvermögen der Jüngsten. Die Steinschlaggefahr an den Sandsteinfelsen ist minimal. Für Kinder gibt es zahlreiche Touren, die sie auch mit ihren kurzen Armen und Beinen bewältigen können, ohne sich zu langweilen. Diese ausgewählten Touren haben einen günstigen Seilverlauf und bieten gute Abseilmöglichkeiten, damit die Kleinen auch wieder sicher auf den Boden zurückkehren.
Nicht selten finden sich auf wenigen Quadratmetern klettersportliche Herausforderungen für den fünfjährigen Kletterer ebenso wie für den ambitionierten Vater mit dem Eisenfinger. Damit beide nach ihrer Fasson selig werden können, muss nicht einmal das Rucksackdepot verlegt werden. Und noch ein letzter Grund, der für die Familienferien im Elbsandsteingebirge spricht: Die Ausflugsziele Dresden, die Festung Königstein, die Bastei oder auch nur die Schwimmbäder in Bad Schandau oder Pirna sind rasch zu erreichen. Sie bieten Zuflucht an Schlechtwettertagen. Schwierigkeiten gibt es für den fortgeschrittenen, aber ortsunkundigen Kletterer in diesem weitläufigen Gebiet eher mit der Orientierung und dem Zeitaufwand, die geeigneten Felsen zu finden. Denn kurz ist der Urlaub, hoch die Zahl der Gipfel und Routen.
Führen sollte gelernt sein
Sachkundiger Rat spart eine Menge Umwege und erleichtert die Gewöhnung an die örtlichen Besonderheiten des Kletterns. Beim Erstkontakt mit der Region und dem Sandstein hilft Clemens Langer, professioneller Anbieter von Klettertouren im Elbsandstein aus Bad Schandau. Langer ist Nationalparkführer mit Zertifikat und Mitglied der Bergwacht Bad Schandau. Zum Auftakt empfiehlt er Familien die Häntzschel-Stiege, einen mit Drahtseilen und Eisenleitern bestens gesicherten Klettersteig. Langer, selbst Familienvater und häufig mit Kindern in den Felsen unterwegs, hat eine Engelsgeduld und findet immer den richtigen Ton, wenn die Kleinen mittendrin einmal der Mut verlässt oder umgekehrt der Übermut sie auf dem Gipfel überkommt.
Bei der Auswahl seines Bergführers sollte man sehr sorgfältig sein. Denn der Beruf des Bergführers ist, anders als etwa die Ausbildung zum staatlichen Bergführer, nicht geschützt. Ein kleiner Eintrag im Gewerbeamt genügt. Qualitätskriterien oder -prüfungen gibt es keine. Daher sollte man genau hinschauen, wem man sich anvertraut, und einen Blick auf die Referenzen werfen. Als Faustregeln können gelten, dass der Ortsansässige in der Regel die besseren Ortskenntnisse besitzt als ein Anbieter von außerhalb, dass der hauptberufliche Bergführer die höhere Routine aufweist gegenüber demjenigen, der das Führen nur aus Nebenerwerb betreibt. Eine Mitgliedschaft in einer Bergwacht legt nahe, dass die Ausbildung in Sachen Sicherheit auf dem neuesten Stand ist.
Der Weg an die Wand
Anreise Von Dresden aus erreicht man Bad Schandau in etwa 55 Minuten mit dem Auto. Ab dem Dresdener Hauptbahnhof gibt es eine stündliche S-Bahn-Verbindung (Fahrtzeit: 46 Minuten, Preis: 5,10 Euro / 3,60 Euro für Erwachsene / Kinder) sowie alle zwei Stunden eine EC-Verbindung (Fahrtzeit: 27 Minuten, Preis: 9 Euro).
Kletterausrüstung Kletterzeug (Sitzgurt, Schuhe, Seil) wird in der Regel von den Veranstaltern der Kletterkurse gestellt. Häufig ist die Leihausrüstung im Preis für den Kurs enthalten.
Kletterkurse In Bad Schandau und Hohnstein: Die Kletterschule Bernd Arnold veranstaltet Kurse auch für Jugendliche und Kinder: www.bergsport-arnold.de. Auch die Bad Schandauer Kur- und Tourismus GmbH bietet Felskletterkurse für Erwachsene und Kinder an. Montags Schnupperkurse im kleinen Klettergarten in Bad Schandau für 8,50 Euro: www.bad-schandau.de.
In Königstein: Die Kletterschule Lilienstein bietet Familienklettertage an: www.kletterschule-lilienstein.
Kletterliteratur Ausführlich: Alfred Fritzsch, Dietmar Heinicke (Hg.): „Kletterführer Sächsische Schweiz“, sechs Bände, erschienen im Berg- & Naturverlag Rölke, 18,90 Euro je Band. Kompakt: Robert Hahn:
„Kompakt-Kletterführer Sächsische Schweiz“, zwei Bände, erschienen im Eigenverlag, 23,80 Euro je Band.
Allgemeine Informationen zum Nationalpark Sächsische Schweiz: www.nationalpark-saechsische-schweiz.de, Wissenswertes über nahezu alle Bereiche des Kletterns im Elbsandsteingebirge, auch zum Klettern mit Kindern (Rubrik „Der Zwerg ruft“) bei www.gipfelbuch.de (noch im Ausbau).