14.01.2010 · Promoter Klaus-Peter-Kohl verliert seine letzten beiden Attraktionen im Ring und den Fernsehvetrag mit dem ZDF. Seinem Unternehmen wird die wirtschaftliche Basis entzogen. Kohls Lebenswerk droht über kurz oder lang das Aus.
Von Hartmut ScherzerKlaus-Peter Kohl, der Chef des Hamburger Boxunternehmens „Universum“, muss in diesen Wochen - in der Sprache des Faustkampfes - schwere Niederschläge einstecken. Außerhalb des Rings. Erst ging ihm Felix Sturm von der Fahne und hat sich nach dem Vorbild der Klitschkos selbständig gemacht. Am vergangenen Dienstag verurteilte dann das Amtsgericht Schwerin den bereits vorbestraften Jürgen Brähmer zu 16 Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung wegen Körperverletzung und Beleidigung. Damit hat Universum Boxpromotion innerhalb weniger Wochen die beiden letzten Attraktionen so gut wie verloren, die deutschen Weltmeister im Mittel- und Halbschwergewicht der Verbände World Boxing Association (WBA) und World Boxing Organisation (WBO), beide 31 Jahre alt.
Noch kämpft Kohl mit Rechtsmitteln um seine beiden Champions. Der 65 Jahre alte Hamburger Großgastronom pocht bei Sturm auf Einhaltung des noch bis 2012 datierten Exklusivvertrages, den der Boxer, dessen Berater und Anwälte jedoch für sittenwidrig halten und im August 2009 „völlig überraschend“, so Kohl, kündigten. Das Angebot für eine freiwillige Titelverteidigung im Dezember lehnte Sturm ab. Das Urteil gegen den von ihm einst als „Jahrhunderttalent“ gepriesenen Brähmer, bereits zweimal, 1998 und 2002, zu Haftstrafen verurteilt, ist noch nicht rechtskräftig. „Jürgens Anwälte haben bereits angekündigt, in Berufung zu gehen. Wird die verloren, gehen wir in die Revision. Das wird sich über zwei Jahre hinziehen, dann ist Brämers Karriere sowieso zu Ende“, sagte Kohl.
Frauenboxen und Osteuropäer
Wie realistisch diese Hoffnung ist, sei dahingestellt: Nicht mehr planen über den 1. Juli 2010 hinaus kann Kohl mit dem ZDF. Und diese Trennung könnte nicht nur wie ein Niederschlag wirken, sondern wie ein K. o. Der Sportchef des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders, Dieter Gruschwitz, hat auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) am vergangenen Montag auf Anfrage gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigt, dass das ZDF nach acht Jahren den Multimillionen teuren Fernsehvertrag mit Universum (zwischen 15 und 20 Millionen Euro im Jahr) nicht verlängern werde. Schon im vergangenen Mai war klar, dass die Vereinbarung zu alten Konditionen keine Fortsetzung finden würde. Zwölf Kampfabende pro Jahr kommen dem Sparzwängen unterworfenen Sender einfach zu teuer. Kohl bot daraufhin schlankere Konzepte an, aber nun ist die Entscheidung endgültig: Es gibt kein ZDF-Boxen mehr mit Universum.
Zuletzt konnte Kohl kaum noch große Namen präsentieren, er bot vornehmlich Frauenboxen und Osteuropäer. Mit dem Rückzug des ZDF wird dem Unternehmen mit über zwanzig Angestellten, 33 Boxerinnen und Boxern, einem halben Dutzend Trainern demnächst die wirtschaftliche Basis entzogen. „Es tut weh, mit ansehen zu müssen, wie alles zerfällt“, sagt Peter Hanraths. Der 65 Jahre alte Hanraths hat als Geschäftsführer die goldene Ära von Universum entscheidend mitgeprägt, ehe er sich 2005 in den Ruhestand zurückzog.
Lebenswerk vor dem Aus
Hanraths spricht von dem „großen Versäumnis, nach Michalczewskis Rücktritt Zsolt Erdei sofort in der öffentlichen Wahrnehmung und strategischen Vermarktung als dessen Nachfolger aufzubauen“. Der Deutsch sprechende Ungar, mittlerweile 35 Jahre alt, aber immer noch unbesiegter Weltmeister erst im Halbschwergewicht (WBO) und jetzt im Cruisergewicht (WBC), sei nicht nur ein exzellenter Boxer, sondern auch ein sympathischer Typ. „Universum hat zuletzt auf die falschen Boxer gesetzt und sich verzettelt“, meint Hanraths.
Kohls Lebenswerk droht also ohne einen finanzkräftigen Zahlsender über kurz oder lang das Aus. Der ebenso boxbesessene wie geschäftstüchtige Hamburger, der einst als Zeitnehmer und Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB) ins Profiboxen einstieg, erfand den „Tiger“, Dariusz Michalczewski und die Klitschkos, die er bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta dem mächtigsten aller Promoter, Don King, wegschnappte.
„Macht euch keine Sorgen“
Kohl machte Regina Halmich zur „Quoten Queen“ und mit ihr das Frauenboxen in Deutschland fernsehfähig. Den deutschen Olympiakämpfer bosnischer Herkunft, Adnan Catic, verwandelte Kohl in den Weltklasseprofi Felix Sturm. Die WBO verdankt ihren Aufstieg von einer unbedeutenden Latino-Firma in Puerto Rico zum auch in den Vereinigten Staaten anerkannten vierten Weltverband allein der Zusammenarbeit mit Kohl. Die meisten Universum-Weltmeister trugen und tragen WBO-Gürtel.
Dass sich die Klitschkos selbständig machten, konnte Kohl verkraften, dass der ZDF-Vertrag im Juli endet, wohl kaum. „Macht euch um Universum keine Sorgen“, sagte Kohl vor einem Jahr, als er das 25-jährige Jubiläum seines Boxstalls feierte. Jetzt klingt er vorsichtiger. „Ich bin kreativ und habe zwei fernsehgerechte Konzepte. Bis April, Mai werden wir wissen, wie und wo es langgeht. Wenn es eine Fortsetzung geben sollte, dann natürlich in kleinerem Rahmen. Für große Kämpfe haben wir derzeit nicht die Leute. Das ist kein Geheimnis.“