27.05.2010 · Eine japanisch-deutsche Comeback-Geschichte: Kimiko Date Krumm verblüfft in Paris – mit 39 Jahren. Weil es mit dem Nachwuchs nicht klappte, kehrte sie nach zwölf Jahren Pause auf den Tennisplatz zurück. Auch weil der Ehemann es wollte.
Von Wolfgang Scheffler, ParisWas bewegt einen Sportler nach zwölfjähriger Pause zur Rückkehr ins Profitennis? Kimiko Date Krumm deutete auf ihren deutschen Ehemann, den Rennfahrer Michael Krumm: „Er ist ein Tennisfan. Als wir uns kennenlernten, hatte ich ja schon mit dem Tennis aufgehört. Er hat deshalb immer wieder gesagt, warum spielst du nicht wieder, nur so zum Spaß.“
Und dann fügte sie an, was ihrem Gatten sichtlich peinlich war: „Wir haben versucht, ein Baby zu machen, und nichts ist passiert.“ Da es mit dem Nachwuchs nicht klappte, kehrte die Japanerin vor zwei Jahren auf die Tour zurück – mit Erfolg. Im vorigen Jahr gewann sie in Seoul ein Turnier der WTA Tour, als 72. der Weltrangliste ist sie schon wieder die beste Tennisspielerin im Land der aufgehenden Sonne.
Aber selbst diese Erfolge verblassen gegen das, was sie am Dienstag in Paris schaffte. Mit 39 Jahren, sieben Monaten und 26 Tagen, einem Alter, in dem man im Tennis in der Seniorenklasse „Damen 40“ startberechtigt ist, besiegte sie bei den French Open die Weltranglistenneunte Dinara Safina 3:6, 6:4 und 7:5. Sie ist damit die älteste Spielerin, die jemals eine Top-Ten-Spielerin auf der WTA Tour schlug, und die zweitälteste, die bei den French Open ein Match gewann. Nur die Engländerin Virginia Wade war bei ihrem Erfolg in Paris 1985 gegen ihre Landsmännin Sara Gomer drei Monate älter.
„An den Court Suzanne Lenglen habe ich gute Erinnerungen“
Vier Jahre später, 1989, spielte Kimiko Date Krumm als Achtzehnjährige erstmals im Stade Roland Garros. Da waren 26 Kolleginnen, die in Paris im Hauptfeld standen, noch nicht einmal geboren – und die jüngere Schwester von Marat Safin gerade mal drei Jahre alt. Kimiko Date, wie sie damals noch hieß, mochte zwar den roten Sand nie sonderlich, trotzdem hatte sie auch auf diesem Untergrund Erfolg.
„An den Court Suzanne Lenglen habe ich gute Erinnerungen. Auf dem Platz habe ich 1995 Iva Majoli geschlagen und stand dann im Halbfinale gegen Arantxa Sanchez“, erzählte die nur 1,63 Meter große Japanerin. Die Kroatin, die 1997 die French Open gewann, und die Spanierin, die in Paris dreimal triumphierte, genießen längst den Tennisruhestand, in den sich Kimiko Date Ende 1996 verabschiedet hatte.
Sie hatte ja eine erfolgreiche Karriere hinter sich, hatte es bis auf Platz fünf der Weltrangliste geschafft und sogar 1996 Steffi Graf im Fed Cup mit 7:6, 3:6 und 12:10 besiegt. Zwei Jahre nach ihrem Rücktritt fasste sie keinen Schläger mehr an, heiratete 2001 den Schwaben Krumm, lernte schwimmen, widmete sich wohltätigen Zwecken, half mit ihrem Angetrauten beim Aufbau einer Schule in Laos und arbeitete für das japanische Fernsehen als Kommentatorin. Sie hielt sich mit Jogging fit und lief 2004 den London-Marathon in knapp unter 3:30 Stunden.
„Sie war so gesund, so fit, es war verrückt, aufzuhören“
Das klingt nach einem ausgefüllten Leben abseits des Tennis-Wanderzirkus, aber der Ehemann ließ nicht locker. „Sie hat einfach zu früh aufgehört. Wie alle in Japan dachte ich, was für eine Verschwendung, dass sie so jung aufgehört hat. Sie war so gesund, so fit, es war verrückt, aufzuhören“, sagt der 40 Jahre alte Krumm, der in der FIA-GT1-Weltmeisterschaft fährt. Der Zufall half ihm. 2007 spielte Kimiko Date Krumm in Japan einen Schaukampf gegen Steffi Graf und Martina Navratilova. Sie trainierte für dieses Ereignis – und von da war es mit dem drängenden Gatten im Hintergrund nur noch ein kleiner Schritt bis zu Rückkehr in den alten Job.
Bis auf ihre Heimat hatte davon kaum jemand Kenntnis genommen. Erst der Coup gegen Dinara Safina bescherte der japanisch-deutschen Comeback-Geschichte die großen Schlagzeilen. Kimiko Date Krumm, die sich mit einer alten Wadenverletzung und Muskelkrämpfen durch das zweieinhalb Stunden währende Match schleppte, die im zweiten Satz einen 2:4- und im Entscheidungssatz einen 1:4-Rückstand wettmachte, schaffte mit tatkräftiger Unterstützung der Russin, die 17 Doppelfehler servierte und sich viele hanebüchene Fehlschläge erlaubte, die bisher größte Überraschung dieses Turniers – auch wenn sich bei genauerem Hinschauen das Erstaunen ein wenig relativiert.
„Ich bin nicht mehr zwanzig, ich werde bald vierzig“
Denn seit den Australian Open hat Dinara Safina nicht nur ihren ersten Weltranglistenplatz verloren, sondern auch nur ein einziges Match gewonnen. Nach dem Turnier wird die French-Open-Finalistin der vergangenen beiden Jahre aus den Top 20 der Weltrangliste fallen.
Wohin der Weg von Kimiko Date Krumm bei diesem Turnier führt, ist noch ungewiss: „Ich bin nicht mehr zwanzig, ich werde bald vierzig. Ich muss auf meinen Körper und meinen Doktor hören“, sagte sie am Dienstag. Sie ließ offen, ob sie ihrem schmerzenden Körper das Zweitrundenmatch zumuten könne. Aber wer Kimiko Date Krumm am Dienstag erlebt hat, zweifelt nicht: Sie wird noch einmal den Kampf gegen das Alter und die Jugend aufnehmen. Ihre nächste Gegnerin, die Australierin Jarmilo Groth, ist übrigens 23 Jahre alt.