03.03.2009 · Die Bestechungsvorwürfe gegen den deutschen Handballmeister THW Kiel sind vorerst ausgeräumt, generelle Zweifel am Verhalten der gesamten Branche bleiben. Denn strittige Pfiffe sind alltäglich im Handball.
Von Rainer SeeleDieter Matheis wird von Personen, die ihn näher kennen, als ein aufrechter, honoriger Mann beschrieben. Matheis hatte einst auch bei dem Walldorfer Softwareunternehmen SAP einen wichtigen Posten bekleidet, er war dort Finanzchef. Jetzt widmet er sich dem Sport, und wie er generell zu diesem Gewerbe steht, schildert Matheis so: „Ich liebe den ehrlichen, sauberen Sport über alles.“ Deswegen auch hatte er gehandelt, als er Hinweise auf angebliche Bestechung im Zusammenhang mit dem THW Kiel vernommen hatte, er sah sich dazu verpflichtet.
Nachdem sich der Kieler Manager Uwe Schwenker am Montagabend in Hamburg gegenüber der Handball-Bundesliga (HBL) zur Sache geäußert hatte und alle Anschuldigungen zurückwies, sagt Matheis ebenfalls klipp und klar, dass er Schwenker und seinem Ehrenwort vertraue. Es sei ein faires und offenes Gespräch gewesen, sagt Matheis, der dem Aufsichtsrat der HBL angehört und Beiratsvorsitzender der Rhein-Neckar-Löwen ist. Schwenker habe seine Fragen beantwortet, erzählt Matheis, er sei nun zufrieden, und er betont: „Ich glaube Schwenker.“ Der Kieler soll von einem „Imageschaden für viele Beteiligte“ gesprochen haben, rechtliche Schritte will er jedoch vorläufig nicht einleiten.
Goralczyk und Baum weisen Anschuldigungen zurück
Wie die HBL mit dieser Angelegenheit weiterhin umgehen wird, ist offen. Sie will in den nächsten Tagen eine Entscheidung treffen. HBL-Präsident Reiner Witte hatte am Montagabend in Hamburg gesagt, dass keine Tatsachen, die den THW Kiel belasten würden, vorlägen. Der Aufsichtsrat der HBL, der am Dienstag tagte, sieht jedoch noch zusätzlichen Informationsbedarf.
Der Fall schlägt hohe Wellen, und natürlich hat dies in erster Linie mit dem Vorstoß von Matheis zu tun. Von der Entwicklung wurde er angeblich überrascht, Matheis sagt: „Ich bedaure, dass es an die Öffentlichkeit kam.“ Er hatte ein persönliches Schreiben an Schwenker geschickt, er wollte von ihm eine Stellungnahme zu den Gerüchten über mögliche Manipulationen etwa beim Champions-League-Finale 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt haben. „Lieber Uwe, ich bitte um Aufklärung“, so begann der Brief.
Strittige Pfiffe sind alltäglich im Handball
Kenntnis davon hatten, so Matheis, „nur wenige Menschen“. Wie der Inhalt publik wurde, ist ihm angeblich unerklärlich. Die Sache ist für ihn jedenfalls erledigt. Neben Schwenker, der als ein führender Vertreter seines Metiers gilt, haben auch die Polen Marek Goralczyk und Miroslaw Baum, die 2007 in Kiel als Schiedsrichter eingesetzt worden waren, ein unerlaubtes Vorgehen des THW dementiert. So behauptete Goralczyk: „Jeder macht Fehler, ich auch. Aber nicht für 50.000 Euro.“ Sein Kollege Baum will nun wegen der Affäre psychisch angeschlagen sein.
Obwohl die Lage undurchsichtig war und auch die Rolle des früheren Kieler Trainers Zvonimir Serdarusic nicht exakt definiert werden konnte, nahm die HBL die Angelegenheit sehr ernst. Vermutlich auch deshalb, weil Referees im Handball generell öfter am Pranger stehen, weil allgemein immer wieder von vermeintlicher Korruption zu hören ist.
Für ein paar Euro beschimpfen und beleidigen lassen
Auch Goralczyk und Baum waren schon einmal ins Gerede gekommen, ihr Auftreten beim Olympiafinale 2004 der Frauen kam manchem Beobachter suspekt vor. Damals gewann Dänemark gegen Südkorea, und sogar Frank Birkefeld, ehemals Geschäftsführer des Internationalen Handballverbandes, argwöhnte, dass die Verlierer massiv benachteiligt worden seien. Die Herren aus Polen sind sich selbstredend keiner Schuld bewusst.
Strittige Pfiffe sind alltäglich im Handball. Es geht bisweilen sehr seltsam zu in diesem Sport, in dem die Männer, die auf die Einhaltung der Regeln zu achten haben, eine beträchtliche Macht besitzen. Die Deutschen beispielsweise hatten unlängst bei der Weltmeisterschaft in Kroatien heftig über die Männer mit der Pfeife geklagt, mancher von ihnen sprach sogar von Betrug. Der Österreicher Michael Wiederer, der Generalsekretär des Europäischen Handballverbandes, sagte dieser Tage, er befürchte nicht, dass ein grundsätzliches Schiedsrichter-Problem auf den Handball zukomme. Tatsächlich aber scheint gehörige Brisanz in diesem Thema zu stecken.
Wer hat wann oder wie mit welchen Koffern die Halle verlassen?
Aus der Handball-Zunft ist zu erfahren, dass bei vielen bedeutenden Spielen im Europapokal die Schiedsrichter von Klubs beeinflusst würden – in aller Regel gehe es dabei um Geld, heißt es. Und mehr noch: Es sei seit langem ein großes Übel, ein wahrer Sumpf. So äußert sich ein Branchenkenner, der über Wissen verfügt, aber nicht über handfeste Beweise. Und es soll keineswegs schwer sein, auf Unparteiische zuzugehen, da sie für ihren Nebenjob schlecht entlohnt würden: „Sie fahren für paar Euro Spesen durch die Gegend und lassen sich auch noch beschimpfen und beleidigen.“
Über die internationalen „Gepflogenheiten“ hatte sich bereits im Jahr 2000 Wilfried Lübker ausgelassen, ehemals Schiedsrichter in der Bundesliga. Er wurde damals so zitiert: „Bei manchen Spielen stellt sich hinterher die Frage, wer hat wann oder wie mit welchen Koffern die Halle verlassen.“ Die Debatte um den Serienmeister THW Kiel, seit langem das Aushängeschild des deutschen Handballs, könnte bald beendet sein. Die Diskussion über ein wesentliches Element seines Sports, nämlich die Leitung von Spielen, müsste der Handball fortführen – in seinem eigenen Interesse.