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Kerstin Tzscherlich Identifikationsfigur auf undankbarer Position

07.03.2010 ·  Volleyballspielerin Kerstin Tzscherlich ist Deutschlands bester Libero. Ins Ausland ging sie dennoch nie - aus verschiedenen Gründen. Nun will sie mit dem Dresdner SC endlich den Pokal gewinnen. In einem „Kessel“ voller Zuschauer.

Von Bernd Steinle
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Mit der Position des Liberos im Volleyball ist das so eine Sache. Einerseits verheißt der Name die große Freiheit. Andererseits schnüren die Regeln den Spielraum stark ein: Der Libero darf nicht aufschlagen, nicht blocken, nicht oberhalb der Netzkante angreifen. Der Libero ist der Annahme- und Abwehrspezialist, die Fachkraft für die Defensive, und das bringt es mit sich, dass seine Position im Volleyball als eher undankbar gilt: Kommt die Annahme zum Zuspieler, hat der Libero seine Aufgabe erfüllt; kommt sie nicht, hat er was falsch gemacht.

Kerstin Tzscherlich ist nicht irgendein Libero, sondern die Beste auf ihrer Position in Deutschland, seit Jahren. Kerstin Tzscherlich hat mal als Mittelblockerin angefangen und es so immerhin bis in die Nationalmannschaft gebracht. Mit 20 freilich war ihr klargeworden: „Als Mittelblockerin habe ich keine große Zukunft.“ Mittelblockerinnen sind im Spitzen-Volleyball 1,90 Meter und größer. Kerstin Tzscherlich ist 1,80 Meter. So kam es, dass sie im Sommer 1998 noch als Mittelblockerin in der Nationalmannschaft dabei war und sich wenige Monate später, bei der WM in Japan, unversehens auf der neugeschaffenen Position des Liberos wiederfand. „Ich bin da mehr oder weniger reingeschubst worden“, sagt sie.

Seither hat sie sich mehr als angefreundet mit ihrer Ausnahmerolle. Mit 313 Länderspielen hat sie mehr Einsätze hinter sich als jede andere aktuelle Auswahlspielerin, und sowohl in der Nationalmannschaft als auch in ihrem Verein, dem Dresdner SC, mit dem sie am Sonntag in Halle/Westfalen um den Titel des deutschen Pokalsiegers spielt, ist sie zu einer Führungsspielerin gereift. Zu einer, die die anderen immer wieder antreibt, sie in schwierigen Situationen aufbaut und die das Spiel ihrer Mannschaft durch ihre Ruhe und Sicherheit stabilisiert. „Früher“, sagt Kerstin Tzscherlich, „war ich selbst eine ruhige Spielerin, da gab es kein Muh und kein Mäh.“ Aber mit den Jahren „kommt das von innen raus, ganz automatisch“.

„Sie hat viel Erfahrung, hat viel gesehen und erlebt“

Für den Dresdner Trainer Alexander Waibl ist Kerstin Tzscherlich eine zentrale Stütze des Teams. Zum einen sportlich, weil ein guter Libero extrem wichtig ist für den geordneten Spielaufbau, er durch eine stabile Annahme erst die Möglichkeit schafft, ein variables Angriffsspiel aufzuziehen. „Das ist im Fußball ja nicht viel anders: Oft sind die entscheidenden Spieler nicht unbedingt die auffälligsten“, sagt Waibl. Und zum Zweiten aus charakterlicher Sicht: „Sie hat viel Erfahrung, hat viel gesehen und erlebt. Sie ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen“, sagt ihr Trainer. „Sie ist der stille Pol, um den sich alles gruppiert. Und das, ohne dass sie einen Anspruch darauf erhebt.“

Das hat vielleicht damit zu tun, dass Kerstin Tzscherlich eine besondere Verbindung hat zum Verein, zu der Stadt. Bei vielen langjährigen Nationalspielerinnen findet sich unter der Rubrik „bisherige Vereine“ eine Liste klangvoller internationaler Klubs. Bei Kerstin Tzscherlich steht da: Dresdner SC. Es ist nicht so, dass die Profiligen im Ausland für sie unerreichbar gewesen wären, es war dort nicht verborgen geblieben, was Kerstin Tzscherlich kann.

Für Bundestrainer Giovanni Guidetti ist sie „einer der drei, vier besten Liberos der Welt“. Bei der WM 2006 in Japan war sie laut Statistik hinter der Russin Swetlana Kryuchkowa zweitbester Libero, bei der EM 2009 wurde sie als beste Annahmespielerin ausgezeichnet und in der Finalrunde des Grand Prix 2009 als bester Libero - vor den Kolleginnen aus China, Brasilien, Russland. Warum also ist es nichts geworden mit einer internationalen Karriere, in Italien, in Spanien oder sonst wo?

„Das kann kein Verein in der Bundesliga toppen

„Mit Anfang 20 habe ich kurz überlegt, ob ich ins Ausland gehe“, sagt Kerstin Tzscherlich. „Aber ich war ziemlich zurückhaltend, schüchtern“. Und die Aussicht, sich in eine fremde Mannschaft einfinden zu müssen, in eine fremde Welt, mit all den Unsicherheiten in Sachen Trainer, Umfeld und Leistungsanspruch, das waren damals einfach zu viele Fragezeichen für sie. Sie blieb. Mit Ende 20 kam sie noch mal ins Grübeln, entschied sich wieder fürs Bleiben, und jetzt, mit 32, „muss ich das auch nicht mehr machen“.

Ein Wechsel in der Bundesliga kommt für sie nicht in Frage, dafür fühlt sie sich in Dresden zu wohl. „Das kann kein Verein in der Bundesliga toppen.“ So ist Kerstin Tzscherlich für die Dresdner Fans zur Identifikationsfigur geworden. Weil sie, wie Waibl sagt, „die Möglichkeit hatte, woanders hinzugehen, mehr zu verdienen, und dem Verein die Treue gehalten hat“. Das wissen die Fans zu schätzen. Wenn es denn ginge, vermutet der Trainer, würde sie wohl auch die Wahl zur Oberbürgermeisterin gewinnen.

„Das ist wie ein Kessel. Wo du hinguckst, nur Zuschauer.“

Kerstin Tzscherlich ist da freilich anderes wichtiger. Langfristig etwa die Olympischen Spiele 2012 in London, nachdem sie wegen einer Knieoperation die Olympia-Qualifikation 2008 in Halle verpasst hatte. Und aktuell zählt mit dem DSC die Europapokal-Endrunde im Challenge Cup, die am 20./21. März in Dresden steigt. Davor aber steht nun erst einmal das Pokalfinale in Halle an, für das schon knapp 10 000 Karten verkauft sind.

Vor drei Jahren unterlag der DSC dort 1:3 gegen Schwerin, vor einem Jahr 2:3 gegen Vilsbiburg. Immerhin kennen die meisten Spielerinnen schon die spezielle Atmosphäre in Halle. „Das ist wie ein Kessel“, sagt Kerstin Tzscherlich, „wo du hinguckst, nur Zuschauer.“ Diese Situation, sagt Waibl, „kannst du nicht trainieren.“ Am Sonntag, gegen den VfB Suhl, soll es nun endlich klappen mit dem Pokalsieg in Halle. Weil es, sagt Kerstin Tzscherlich, „einfach Zeit ist“.

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