16.12.2005 · Der Wunderknabe ist zurück: Kelly Slater, der Popstar unter den Surfern, ist wieder mal Weltmeister. Mit seinem siebten Triumph verbesserte der Ex-Freund von Pamela Anderson seinen eigenen Rekord.
Von Cai Tore PhilippsenLance Armstrong war einer der ersten Gratulanten: "Herzlichen Glückwunsch und willkommen im Siebener-Klub." Vielleicht könne er ihm ja bei Gelegenheit ein paar Surfstunden geben, fragte der Seriensieger der Tour de France an, nach seinem Rücktritt habe er jetzt ja Zeit.
Die amerikanischen Sportstars Lance Armstrong und Kelly Slater hätten sich beim Warten auf die nächste Welle sicher eine Menge zu erzählen. Der 33 Jahre alte Slater feierte vor kurzem seinen siebten Weltmeistertitel als Wellenreiter und brach damit ebenso wie sein radelnder Landsmann alle Rekorde. 1992 war er mit neunzehn Jahren der jüngste Sieger. Von 1994 bis 1998 dominierte der smarte Sunnyboy aus Florida mit fünf Titeln nacheinander die Wettkampfserie der Association of Surfing Professionals (ASP), die vergleichbar mit der Grand-Prix-Serie der Formel 1 den besten Fahrer des gesamten Jahres zum Weltmeister kürt.
Mit 26 kam der Bruch
Dann kam der Bruch. Mit nur 26 Jahren meinte Kelly Slater, alles in diesem Sport erreicht zu haben, und stieg aus der weltumspannenden Surftour aus. Schon damals war er ein Millionär in Badelatschen. Er hatte neben den üppigen Preisgeldern für seine Erfolge auch Millionen als Imageträger der Surfindustrie eingestrichen. Noch nie zuvor war ein Surfer derart erfolgreich vermarktet worden. Seine Erfolge und sein radikaler neuer Stil in der Welle machten ihn zum Idol einer ganzen Surfergeneration. Sein gutes Aussehen und sein Charisma ließen viele Herzen höher schlagen. Ein Posterboy für die Kinderzimmer von Jungen und Mädchen.
"Er ist der größte Botschafter, den dieser Sport jemals hatte", sagt Bob McKnight von Slaters Sponsor "Quiksilver". Als wäre das alles nicht genug, vergißt er in keinem Interview, gegen Drogen zu wettern. Kein Marketingexperte hätte sich die Kelly-Slater-Story besser ausdenken können, und keiner hätte sie an dieser Stelle unterbrochen.
Rolle in „Baywatch“ - Liaison mit Pamela Anderson
Doch Slater läßt sich 1999 nur noch selten bei Wettkämpfen blicken, sagt, jetzt, wo er alles erreicht habe, brauche er einen neuen Antrieb. Sein verbissener Ehrgeiz, der ihn mit den Armstrongs und Schumachers der Sportwelt verbindet, hatte alle Energie aufgebraucht. "Ich wollte das Duell mit meinem Gegner nicht nur gewinnen, ich wollte ihn dominieren, ihn vernichten", sagte er damals. Zwei oder vier Surfer werden bei einem Wettbewerb gleichzeitig in die Wellen geschickt. Wer in einer vorgegebenen Zeit spektakulärere Manöver vorweisen kann, erhält mehr Punkte und zieht in die nächste K.-o.-Runde ein. Dabei kommt es nicht nur darauf an, möglichst viele scharfe Kurven in eine brechende Wasserwand zu schlitzen, auch die Größe der Welle ist entscheidend. Wer es schafft, in die Röhre (Tube), die eine große brechende Welle bilden kann, hinein- und wieder hinauszufahren, hat den Sieg fast sicher. Unterlag Slater in einem solchen sogenannten Heat, schrieb er unnachgiebig gegen sich selbst seine Fehler auf.
Auch die vielen Neider kosteten Kraft. Sie kritisierten seine Rolle in der Fernsehserie "Baywatch", seine vielen Werbeauftritte, das Computerspiel mit seinem Namen - er verkaufe die Seele des Surfens, lautete die Generalanschuldigung. Auch die Beziehung des Surfstars zur wasserstoffblonden "Baywatch"-Quotengarantin Pamela Anderson - ein Fressen für die amerikanische Klatschpresse - machte den Alltag nicht einfacher. Aus dem einen Jahr geplanter Auszeit wurden drei. Er reiste um die Welt, drehte alternative Surf-Filme.
„Ich sehe mich selbst als Meteorit“
2002 sollte das Jahr des triumphalen Comebacks werden, doch dann erkrankte sein Vater an Krebs. Und obwohl er als Kind vor den ewigen Streitereien seiner Eltern und den Alkoholeskapaden seines Vaters immer wieder an den Strand seines Heimatstädtchens Cocoa Beach geflohen war, brach Kelly Slater die ASP-Tour ab und begleitete seinen Vater nach Jahren der Sprachlosigkeit bis zum Sterbebett. 2003 zeigte sich dann auch für den einstigen Wunderknaben, daß sich der Sport weiterentwickelt hatte, neue Talente wie der Hawaiianer Andy Irons die Richtung vorgaben - beim letzten Wettkampf im letzten Heat verlor er den möglichen Titel. 2004 konnte Slater nicht einen Wettkampf gewinnen. "Auch deshalb ist dieser Titel, sieben Jahre nach meinem letzten, der bisher wichtigste. Ich habe vier Jahre Anlauf gebraucht."
Anders als Armstrong läßt Slater die Zukunft bewußt offen. Er sieht sich in einer Übergangsperiode vom Vollzeitprofi zum Freizeitsurfer, wie weit er schon ist, weiß er nicht oder will es nicht verraten. Nach seinen Plänen gefragt, zitiert er in einem Interview mit dem amerikanischen "Surfer Magazin" den U2-Song "I still haven't found what I'm looking for". Er würde gern gleichzeitig auf Tahiti, Hawaii, in Australien und in der Heimat Florida leben. Weiß nicht, ob er weiter mit dem Surfbrett unter dem Arm um die Welt reisen oder sich auf Hawaii ein Haus bauen und endlich seßhaft werden soll - vielleicht mit dem Topmodel Gisele Bündchen, seiner derzeitigen Partnerin. "Ich sehe mich selbst als Meteorit, und ich fühle, daß ich bald ausgebrannt sein werde." Vielleicht wäre das der richtige Zeitpunkt für eine Radtour mit Lance Armstrong.