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Katarina Witt Eiskönigin in geheimer Mission

21.08.2010 ·  Parlieren, lächeln, antichambrieren und mit kontrollierter Offensive möglichst viel Zustimmung gewinnen, ohne dass es einer merkt. Katarina Witt betreibt in Singapur undercover Lobbyarbeit für die Münchner Olympiabewerbung.

Von Christoph Hein, Singapur
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Nun endlich wisse sie, sagt Katarina Witt zu vorgerückter Stunde, woher das Wort Lobbyismus stamme. „Daher, dass ich mir in den Lobbys der Hotels hier die Beine in den Bauch stehe.“ Das wird sie während der Olympischen Jugendspiele in Singapur noch ein paar Tage müssen. Dabei ist ihre Aufgabe schier unlösbar: Einerseits muss sie parlieren, lächeln, antichambrieren und möglichst viel Zustimmung für die Olympiabewerbung Münchens um die Winterspiele im Jahr 2018 gewinnen. Andererseits muss sie all dies tun, ohne dass es einer merkt. Denn Werbung für sich dürfen die drei Bewerberstädte München, das koreanische Pyeongchang und Annecy in Frankreich während der Jugendspiele nicht machen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat es ihnen untersagt, um seine Premiere nicht zu belasten.

Freilich führt das Verbot nicht dazu, dass die Städte nicht auf sich aufmerksam machten. Es führt nur zu allerlei Verrenkungen. So verschenkt der koreanische Elektrokonzern Samsung in Singapur munter ein aufgeladenes Mobiltelefon an jeden Athleten. Das darf er natürlich nur, weil er Partner des IOC ist. Dabei weiß jeder, dass Samsung auch mit aller Macht den Austragungsort Pyeongchang in seinem Heimatland Südkorea unterstützt. Und kleine Geschenke - aus welchem Anlass auch immer - erhalten die Freundschaft.

Anstecknadel statt Handys oder Freiflüge

Deutschland aber hat keinen Hauptsponsor des IOC. Also gehen die Deutschen dezenter vor: So bittet München-Unterstützer Lufthansa in Singapur zum Cocktailempfang. Natürlich nur in seiner Rolle als „langjähriger Partner des Deutschen Olympischen Sportbundes“. Auch Handys oder Freiflüge sind nicht im Angebot, sondern nur eine Anstecknadel. „Wir überzeugen nicht durch Geschenke. Wir überzeugen durch ein hervorragendes Konzept für Olympia 2018“, sagt ein Lufthansa-Sprecher. Wer die 11-Millionen-Euro-Lücke im Bewerbungsetat der Deutschen stopfen soll, sagt er nicht. Finden sich nicht genügend weitere Firmen, wird es wohl der Steuerzahler.

Ein Erfolg wird der Empfang dennoch. Denn trotz des gleichzeitigen Festbanketts des IOC finden Sam Ramsamy und Patrick Chamunda ihren Weg auf die Terrasse. Die sind deshalb wichtig, weil sie Südafrika und Zimbabwe im IOC vertreten. Und damit auch über den Austragungsort 2018 abstimmen. Als Katarina Witt Ramsamy gegen zehn am Ellbogen zupft, hüpft das Herz der München-Fans. „Die IOC-Mitglieder erwarten schon, dass ich auf sie zugehe“, sagt La Witt nachher.

„IOC-Mitglieder wollen auch Tiefe“

Das tut sie: „Von morgens acht bis nachts um drei.“ Sie hat sich eine ausgefeilte Strategie zurechtgelegt, Sympathiepunkte zu sammeln: „Man kann ja nicht direkt sein Ziel ansteuern. Ankommen aber muss man doch irgendwann“, beschreibt sie ihre kontrollierte Offensive. Die ist so erfolgreich, dass die Eiskönigin ihren Aufenthalt in der Tropenmetropole gleich um drei Tage verlängert hat. Um nur zu lächeln, ist sie viel zu gewitzt. „Irgendwann kommt der Punkt, da geht es in die Tiefe. IOC-Mitglieder wollen auch Tiefe“, sagt sie. Die schwierigsten Fragen seien die nach dem Budget für München 2018. Zumal dieses offiziell noch nicht aufgestellt ist.

Die offizielle Abschirmung gegen jeden Verdacht der Einflussnahme geht so weit, dass Witt, die Grande Dame des Eiskunstlaufs, nicht einmal in Singapur akkreditiert ist. Um Fechten oder Rudern zu sehen, muss ihr Sprecher ihr eine Eintrittskarte kaufen. Oder alte Verbindungen spielen lassen. Toll, dass die Doppelolympiasiegerin am Ende dann eben doch ganz zufällig neben IOC-Präsident Jacques Rogge auf der Tribüne landet. Lobbyarbeit undercover.

Olympia bizarr: „Man kennt sich, man begrüßt sich. Mehr nicht“

Auch soll sie nicht im Ritz-Carlton wohnen, in dem die anwesenden 106 IOC-Vertreter Hof halten. Den Zutritt zur Lobby des Ritz aber verwehrt der Geheimagentin in Diensten Münchens niemand. Dort trifft sie dann freilich nicht nur ihre Zielobjekte, sondern eben auch die Konkurrenz. „Wir wissen, dass die Koreaner und Franzosen hier auch unterwegs sind. Man kennt sich, man begrüßt sich. Mehr nicht“, sagt sie. Olympia bizarr: Auch für die Eröffnungsfeier hatten die Botschafter der drei Städte, die in Singapur keine sein dürfen, natürlich Tickets für die Ehrentribüne.

In wechselnder Besetzung schwärmen an Witts Seite der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach aus, der auch die Gesellschafterversammlung von München 2018 leitet, und Michael Vesper, Aufsichtsrat der Bewerbergesellschaft. Vielleicht ist es da gut, dass Willy Bogner schon am Montag aus Singapur abgereist ist. Im Hauptberuf ist er derzeit Chef der Bewerbergesellschaft, nebenbei führt er sein Modeunternehmen.

Natürlich betonen alle Funktionäre, dass Bogner und Witt ein eingespieltes Team mit unterschiedlichen Persönlichkeiten seien. Und doch sorgten die Witt-Kommentare zu einem Brief Bogners an die Gesellschafter für Spannungen, in dem er eine Erhöhung des Bewerbungsbudgets forderte, und der umgehend an die Öffentlichkeit gelangte. Nicht ausgeschlossen, dass die Spannungen zunehmen. Katarina Witt jedenfalls sagte in Singapur selbstbewusst: „Ich habe nicht das Gefühl, nur Aushängeschild zu sein. Ich trage schon auch Verantwortung.“ Und fügte dann an, sie werde sich „nun auch in Deutschland stärker einschalten“.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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