Sie sind ein Mann mit vielen Talenten. Sie waren Schachweltmeister und Schachtrainer, sind Buchautor, Vortragsreisender, Oppositionspolitiker. Jetzt auch noch Pädagoge?
Es geht mir um die Zukunft des Schachs. Viele Jahre lang war der Traum im Schach, einen anerkannten Platz im Sport zu erhalten, damit man finanziell gefördert werden kann, aus Steuer- oder Lotteriegeldern. Schön, ich bin zufrieden, dass das gelungen ist, dass wir eine solide finanzielle Förderung bekommen haben. Nun aber geht es mir um etwas Wichtigeres, um die Kinder. Erziehung und soziale Projekte gewinnen selbst in Zeiten finanzieller Einschnitte an Bedeutung. Und Schach sollte Teil davon sein.
In welcher Form?
Immer mehr Bildungseinrichtungen in aller Welt suchen nach einem Extra-Element, das den Horizont der Kinder erweitert, nicht nur die Leistungen in einzelnen Fächern. Viele Studien belegen, dass Schach dafür ein sehr gutes Hilfsmittel sein kann. Es zeigt, wie man unter Druck, in einer Situation mit vielen Unbekannten, Entscheidungen trifft, Probleme löst, und das innerhalb eines festen Regelwerks.
Und was können Sie da tun?
Wir haben in diesem Jahr eine Stiftung gegründet, die „Kasparow Chess Foundation Europe". Damit wollen wir ein Zentrum schaffen, das über das Internet, über Lehrprogramme, über Seminare für Lehrer Schach in die Schulen bringt, mit Stützpunkten in aller Welt. Schach ermöglicht eine gute Verbindung von traditionellem Unterricht und computervernetztem Lernen.
Ist dafür denn Zeit? In deutschen Schulen ist der Lehr- und Stundenplan meist dicht gefüllt.
Ideal ist die Grundschulzeit. Dann haben die Kinder noch Zeit dafür. Außerdem ist dieses Alter, von etwa fünf bis neun Jahren, ideal. Man muss sie heranführen an Schach, wenn sie lernen, wie man denkt.
Wofür soll das nützen, außer für Mathematik?
Sie profitieren für alle Schulfächer. Ihre mentalen Fähigkeiten werden trainiert, weil Kinder anders als bei den vielen Computerspielen beim Schach lernen, sich zu konzentrieren. Schach fördert die Intuition, die man braucht, um mit der Flut an Informationen zurechtzukommen, der wir ausgesetzt sind.
Gibt es Erfahrungen in der eigenen Familie?
Wir haben unserer fünfjährigen Tochter im Sommer die Regeln erklärt, wollten sie dann weiter inspirieren und fanden dabei das altersgerechte Computerprogramm einer schottischen Firma, entwickelt von Russen. Unser Konzept basiert weitgehend auf dieser Software. Wenn alles funktioniert, ist der ultimative Traum, Wettkämpfe zu organisieren. Eine Schachweltmeisterschaft der Schulen im Internet.
Wer soll das alles bezahlen?
Es ist nicht teuer. Du musst kein Stadion bauen, du brauchst nur einen Computer, der meist schon da ist, oder ein Schachbrett und Figuren. Es ist wirklich billig. Und private Sponsoren und Spender sollen helfen.
Können die Schulen das kostenlos erhalten?
Nein, es wird aber nicht sehr teuer sein, weil wir eine Non-Profit-Organisation sind. Finanziell unterstützt wird sie von einem belgischen Unternehmer. In ärmeren Ländern ist es denkbar, dass Schulen die Pakete kostenlos erhalten.
Vor dem pädagogischen Effekt steht politisches Lobbying. Wie weit sind Sie da?
Ich habe zuletzt den britischen Schulminister getroffen und führende Bildungspolitiker in Frankreich. Überall sind die Reaktionen positiv, weil Schach keine Schattenseiten hat. Es ist ein pädagogisches Mittel ohne Risiko.
Auch bei der EU?
In Brüssel haben wir zusammen mit dem Europäischen Schachverband die Vorlage einer Deklaration im Europäischen Parlament erreicht und müssen nun für deren Annahme 350 Unterschriften der Parlamentarier bekommen. Das ist schwer, aber machbar. Viele der Parlamentarier sind Schachspieler. Und wir haben gute Beziehungen über die politischen Lager hinweg, von den Christdemokraten bis zu meinem Freund Daniel Cohn-Bendit.
Öffnet der Name Kasparow viele Türen?
Auf jeden Fall da, wo es um Schach geht. Der Name hat Magnetwirkung. Seit wir vor einem halben Jahr starteten, war ich in Brasilien, Südafrika, den Emiraten, der Türkei, England, Frankreich, Georgien. Überall sehen die Leute, wie engagiert ich bin, dass ich mein Wissen einbringe, meine Zeit opfere, um dieses Programm aufzubauen. Und das, ohne damit Geld zu verdienen. Nur meine Ausgaben werden erstattet.
Sie wirken motiviert. Dabei hätten sie Gelegenheit, frustriert zu sein. Sie beendeten Ihre Zusammenarbeit als Trainer mit Magnus Carlsen, scheiterten zusammen mit Anatoli Karpow beim Versuch, den Schach-Weltverband FIDE zu reformieren. Und nun tritt auch, wie von Ihnen lange prophezeit, Wladimir Putin wieder an, russischer Präsident zu werden.
Lassen Sie es uns aus einem anderen Blickwinkel sehen. Erstens: Ich hatte eine gute Zeit mit Carlsen. Er ist die Nummer eins der Welt, und ich habe bewiesen, dass ich ein sehr guter Coach sein kann, gut darin, meine Erfahrungen mit Jüngeren zu teilen, so wie sie Botwinnik mit mir geteilt hat, als ich jung war. Zweitens: Die Karpow-Kampagne war kein Erfolg. Das aber hat mich nur noch mehr motiviert, etwas zu tun, weil ich das ganze Übel der FIDE gesehen habe. Sie machen viel Lärm, aber stellen nichts auf die Beine, auch nicht im Schulschach.
Sie haben die Reform des Weltschachs von der Spitze her nicht geschafft, nun versuchen Sie es von unten, von den Wurzeln?
Es geht mir um Erziehung, und das braucht Glaubwürdigkeit. Welche Glaubwürdigkeit kann eine Organisation haben, deren Präsident Gaddafi traf und sich damit öffentlich brüstete? Wir versuchen, der Organisation des Schachs ihre Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Das kann man tun, indem man zur Attacke übergeht oder Alternativen anbietet, also etwas Neues tut. Viele Verbände haben gesehen, dass Iljumschinow verdorben ist, mit seinen ganzen Methoden, an der Macht zu bleiben, mit seinen Versprechungen. Die Fide bietet keine Zukunft, keine Vision.
Und Putin?
Er hat seine Optionen selbst begrenzt. Nun ist er Diktator auf Lebenszeit. Aber das Leben von Diktatoren ist unvorhersehbar. Schauen Sie sich Mubarak an: Letzten Dezember bekam er 90 Prozent. Die Stärke des Putin-Regimes war, dass es flexibel war. Er konnte als Liberaler auftreten, als Nationalist, als Populist, er konnte Images und Illusionen schaffen. Er hat vier Jahre Illusion gewonnen, indem er seinen Schatten Medwedjew vorschob, der viele Menschen in Russland und im Westen, einschließlich der Politiker von Washington bis Berlin, glauben ließ, er könne eine Alternative sein. Aber jetzt ist es sehr klar geworden, dass Putin lebenslänglich ist.
Das klingt resignativ.
Nein, denn nicht nur den Menschen im Westen, auch vielen in Russland ist das nun klar geworden. In den letzten Monaten spürte man die wachsende Frustration. Sogar bei denen, die Putin loyal sind, weil sie beiseitegeschoben werden, weil er nun zeigt: Ich bin Putin, deine Meinung ist mir egal. Ich denke, dass Putin viel von seiner Autorität eingebüßt hat, dass sein Regime dabei ist, zur Lachnummer zu werden. Die Leute machen Witze über ihn, und das erinnert an die Sowjetunion. Wenn die Leute anfangen, Witze zu machen über das Regime, schlechte Witze, dann zeigt das, dass es nicht mehr unantastbar ist. Es ist der Beginn seines Niedergangs.
Werden Sie nach Russland reisen, um Wahlkampf zu machen?
Nein, ich will nicht Teil dieser Farce sein. Es sind keine Wahlen. In Europa hat man Wahlen mit festgelegten Regeln und unvorhersehbaren Ergebnissen. In Russland hat man Wahlen mit unvorhersehbaren Regeln und festgelegten Ergebnissen. Wir fordern die Leute zum Boykott auf. Dazu, sich aus der Wählerliste streichen zu lassen und sich in öffentlichen Protestlisten im Internet einzutragen. Das Internet eröffnet die Chance, zusammenzukommen und eine Parallelgesellschaft zu schaffen. Eine Alternative.
Alternativen sind Ihr Thema. Und Erneuerung. Darüber halten Sie Vorträge für große Technologiefirmen. In Ihrem neuesten Buch, das 2012 erscheint, geht es um Innovationen oder vielmehr um den Mangel an Innovationen. Was meinen Sie damit?
Die Technologie stagniert. Wir haben nichts mehr, was das Leben wirklich verändert. Wir haben nur die Illusion, dass wir in einer Zeit der Innovationen leben.
Aber wir bekommen doch jedes Jahr smartere Smartphones?
Und was kriegen wir damit hin? Die Nasa flog auf den Mond mit einer Computerleistung, die geringer war als die eines iPhone. Es gibt keine wirklichen Erneuerungen und deshalb keine neuen Industrien. China ist erfolgreich, aber sie kopieren nur Vorhandenes. Weil es keine wirklichen Innovationen mehr gibt, in die es sich zu investieren lohnt, werden künstliche Finanzinstrumente erfunden, die niemand versteht. Das soll die Illusion von Innovation erhalten.
Es scheint, als interessierten Sie sich für nahezu alles.
Sogar für Fußball. Ich habe alle Finals und Halbfinals der Weltmeisterschaften seit 1970 gesehen.
Schon das legendäre Halbfinale in Mexiko 1970 zwischen Deutschland und Italien? Da waren Sie erst sieben.
4:3 für Italien nach Verlängerung, nachdem die Deutschen in letzter Minute ausgeglichen hatten, durch Schnellinger.
Und bitte Ihr finales Urteil als Stratege der Spielkunst: Was war das beste Endspiel?
1986. Großartiges Finale. Phänomenales Spiel. Erst 2:0 für Argentinien, dann 2:2. Aber danach ein großer strategischer Fehler der Deutschen. Wer war der Coach? Beckenbauer?
Ja. Das deutsche Team wollte nicht auf die Verlängerung warten, suchte die Entscheidung.
Genau, das war der Fehler. Zu viel Adrenalin. Sie verloren den Sinn für Gefahr, entblößten sich. Und dann ein magischer Maradona-Moment, und Burruchaga kann von der Mittellinie allein aufs Tor zulaufen. Wären die Deutschen solide geblieben, sie wären Weltmeister geworden.
So wie Sie kurz zuvor, als Sie Karpow nach 0:5-Rückstand in 72 Partien zermürbt und als bis heute jüngster Spieler den Weltmeistertitel gewonnen hatten. Mit 41, mitten im besten Schachalter, hörten Sie 2005 auf. Reizt es Sie manchmal, zurückzukehren als Spieler?
Nein. Als Schachspieler tue ich jetzt das Beste, was ich tun kann für das Schach.
Ach?
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 22.11.2011, 19:57 Uhr
Schuster bleib bei deinem Leisten!
Hans-Jörg Rechtsteiner (hhrr)
- 22.11.2011, 18:21 Uhr
Ein engagierter, vernünftiger Mann
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 22.11.2011, 17:23 Uhr
Einladung --
Thomas Philippi (mot2)
- 22.11.2011, 15:31 Uhr