Home
http://www.faz.net/-gub-6v8tk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Kasparow über Putin „Die Leute machen Witze über ihn“

Der frühere Schach-Weltmeister Kasparow gilt als stärkster Spieler der Geschichte. Heute engagiert sich der 48-Jährige für Schach als Schulfach und als russischer Oppositionsaktivist.

© AFP Vergrößern Außergewöhnlicher Denker: Garri Kasparow

Sie sind ein Mann mit vielen Talenten. Sie waren Schachweltmeister und Schachtrainer, sind Buchautor, Vortragsreisender, Oppositionspolitiker. Jetzt auch noch Pädagoge?

Christian Eichler Folgen:  

Es geht mir um die Zukunft des Schachs. Viele Jahre lang war der Traum im Schach, einen anerkannten Platz im Sport zu erhalten, damit man finanziell gefördert werden kann, aus Steuer- oder Lotteriegeldern. Schön, ich bin zufrieden, dass das gelungen ist, dass wir eine solide finanzielle Förderung bekommen haben. Nun aber geht es mir um etwas Wichtigeres, um die Kinder. Erziehung und soziale Projekte gewinnen selbst in Zeiten finanzieller Einschnitte an Bedeutung. Und Schach sollte Teil davon sein.

In welcher Form?

Immer mehr Bildungseinrichtungen in aller Welt suchen nach einem Extra-Element, das den Horizont der Kinder erweitert, nicht nur die Leistungen in einzelnen Fächern. Viele Studien belegen, dass Schach dafür ein sehr gutes Hilfsmittel sein kann. Es zeigt, wie man unter Druck, in einer Situation mit vielen Unbekannten, Entscheidungen trifft, Probleme löst, und das innerhalb eines festen Regelwerks.

Und was können Sie da tun?

Wir haben in diesem Jahr eine Stiftung gegründet, die „Kasparow Chess Foundation Europe". Damit wollen wir ein Zentrum schaffen, das über das Internet, über Lehrprogramme, über Seminare für Lehrer Schach in die Schulen bringt, mit Stützpunkten in aller Welt. Schach ermöglicht eine gute Verbindung von traditionellem Unterricht und computervernetztem Lernen.

Garry Kasparov,  Anatoly Karpov © AP Vergrößern Kasparow gilt für viele Experten als der stärkste Schachspieler der Geschichte

Ist dafür denn Zeit? In deutschen Schulen ist der Lehr- und Stundenplan meist dicht gefüllt.

Ideal ist die Grundschulzeit. Dann haben die Kinder noch Zeit dafür. Außerdem ist dieses Alter, von etwa fünf bis neun Jahren, ideal. Man muss sie heranführen an Schach, wenn sie lernen, wie man denkt.

Wofür soll das nützen, außer für Mathematik?

Sie profitieren für alle Schulfächer. Ihre mentalen Fähigkeiten werden trainiert, weil Kinder anders als bei den vielen Computerspielen beim Schach lernen, sich zu konzentrieren. Schach fördert die Intuition, die man braucht, um mit der Flut an Informationen zurechtzukommen, der wir ausgesetzt sind.

Gibt es Erfahrungen in der eigenen Familie?

Wir haben unserer fünfjährigen Tochter im Sommer die Regeln erklärt, wollten sie dann weiter inspirieren und fanden dabei das altersgerechte Computerprogramm einer schottischen Firma, entwickelt von Russen. Unser Konzept basiert weitgehend auf dieser Software. Wenn alles funktioniert, ist der ultimative Traum, Wettkämpfe zu organisieren. Eine Schachweltmeisterschaft der Schulen im Internet.

Chess grandmaster and opposition leader Kasparov pushes through the crowd before being detained by the police during a rally in Moscow © REUTERS Vergrößern Heute ist er auch als mutiger Kämpfer bekannt: Kasparow engagiert sich Aktivist in der russischen Opposition

Wer soll das alles bezahlen?

Es ist nicht teuer. Du musst kein Stadion bauen, du brauchst nur einen Computer, der meist schon da ist, oder ein Schachbrett und Figuren. Es ist wirklich billig. Und private Sponsoren und Spender sollen helfen.

Können die Schulen das kostenlos erhalten?

Nein, es wird aber nicht sehr teuer sein, weil wir eine Non-Profit-Organisation sind. Finanziell unterstützt wird sie von einem belgischen Unternehmer. In ärmeren Ländern ist es denkbar, dass Schulen die Pakete kostenlos erhalten.

Vor dem pädagogischen Effekt steht politisches Lobbying. Wie weit sind Sie da?

Ich habe zuletzt den britischen Schulminister getroffen und führende Bildungspolitiker in Frankreich. Überall sind die Reaktionen positiv, weil Schach keine Schattenseiten hat. Es ist ein pädagogisches Mittel ohne Risiko.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ukraine-Krise Lesen Sie Putins Stellenbeschreibung

Vor der Höhle des russischen Bären ist ein Sicherheitsabstand einzuhalten, sonst greift er an. Dennoch braucht Europa Russland – und die Ukraine eine Finnlandisierung. Mehr

12.09.2014, 15:11 Uhr | Feuilleton
Mehr Unabhängigkeit von Russland

Europa will die hohe Abhängigkeit von russischen Energielieferungen reduzieren. Auf mittlere Sicht wäre das auch möglich, allerdings zu hohen Kosten. Alternativen sind teuer und in Deutschland politisch umstritten. Mehr

14.05.2014, 13:00 Uhr | Wirtschaft
Putins Ambitionen Ich denke dabei nicht nur an die Krim

Wladimir Putin hat aus seinem Ziel, Russland zu alter Größe zu führen, nie einen Hehl gemacht. Doch der Westen hat nicht zugehört, hat ihn nicht ernst genommen – und auf eine Annäherung durch wirtschaftliche Entwicklung gesetzt. Mehr

08.09.2014, 05:09 Uhr | Politik
Verwirrung um Waffenstillstand in der Ukraine

Der russische Präsident Putin hat offenbar klargestellt, dass sich Russland gar nicht auf eine Waffenruhe einigen kann, weil das Land im Ukraine-Konflikt keine Partei sei. Mehr

03.09.2014, 13:25 Uhr | Politik
Der Westen und Russland Intermezzo

Ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang des Sowjetimperiums endet ein politisches Zwischenspiel: Russland kehrt mit dem Selbstbewusstsein und mit den Methoden einer Großmacht zurück. Was sollte der Westen jetzt tun? Ein Kommentar. Mehr

14.09.2014, 10:20 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.11.2011, 10:28 Uhr

Schmutz und Schutz

Von Anno Hecker

Nach der Rückkehr der ARD zur Tour de France bleiben Fragen offen: Eine Sauberkeitserklärung darf keine Grundlage sein für die Rückkehr. Die ARD darf nicht mehr wegschauen wie einst. Mehr 1