http://www.faz.net/-gtl-6v8tk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.11.2011, 10:28 Uhr

Kasparow über Putin „Die Leute machen Witze über ihn“

Der frühere Schach-Weltmeister Kasparow gilt als stärkster Spieler der Geschichte. Heute engagiert sich der 48-Jährige für Schach als Schulfach und als russischer Oppositionsaktivist.

von
© AFP Außergewöhnlicher Denker: Garri Kasparow

Sie sind ein Mann mit vielen Talenten. Sie waren Schachweltmeister und Schachtrainer, sind Buchautor, Vortragsreisender, Oppositionspolitiker. Jetzt auch noch Pädagoge?

Christian Eichler Folgen:

Es geht mir um die Zukunft des Schachs. Viele Jahre lang war der Traum im Schach, einen anerkannten Platz im Sport zu erhalten, damit man finanziell gefördert werden kann, aus Steuer- oder Lotteriegeldern. Schön, ich bin zufrieden, dass das gelungen ist, dass wir eine solide finanzielle Förderung bekommen haben. Nun aber geht es mir um etwas Wichtigeres, um die Kinder. Erziehung und soziale Projekte gewinnen selbst in Zeiten finanzieller Einschnitte an Bedeutung. Und Schach sollte Teil davon sein.

In welcher Form?

Immer mehr Bildungseinrichtungen in aller Welt suchen nach einem Extra-Element, das den Horizont der Kinder erweitert, nicht nur die Leistungen in einzelnen Fächern. Viele Studien belegen, dass Schach dafür ein sehr gutes Hilfsmittel sein kann. Es zeigt, wie man unter Druck, in einer Situation mit vielen Unbekannten, Entscheidungen trifft, Probleme löst, und das innerhalb eines festen Regelwerks.

Und was können Sie da tun?

Wir haben in diesem Jahr eine Stiftung gegründet, die „Kasparow Chess Foundation Europe". Damit wollen wir ein Zentrum schaffen, das über das Internet, über Lehrprogramme, über Seminare für Lehrer Schach in die Schulen bringt, mit Stützpunkten in aller Welt. Schach ermöglicht eine gute Verbindung von traditionellem Unterricht und computervernetztem Lernen.

Garry Kasparov,  Anatoly Karpov © AP Vergrößern Kasparow gilt für viele Experten als der stärkste Schachspieler der Geschichte

Ist dafür denn Zeit? In deutschen Schulen ist der Lehr- und Stundenplan meist dicht gefüllt.

Ideal ist die Grundschulzeit. Dann haben die Kinder noch Zeit dafür. Außerdem ist dieses Alter, von etwa fünf bis neun Jahren, ideal. Man muss sie heranführen an Schach, wenn sie lernen, wie man denkt.

Wofür soll das nützen, außer für Mathematik?

Sie profitieren für alle Schulfächer. Ihre mentalen Fähigkeiten werden trainiert, weil Kinder anders als bei den vielen Computerspielen beim Schach lernen, sich zu konzentrieren. Schach fördert die Intuition, die man braucht, um mit der Flut an Informationen zurechtzukommen, der wir ausgesetzt sind.

Gibt es Erfahrungen in der eigenen Familie?

Wir haben unserer fünfjährigen Tochter im Sommer die Regeln erklärt, wollten sie dann weiter inspirieren und fanden dabei das altersgerechte Computerprogramm einer schottischen Firma, entwickelt von Russen. Unser Konzept basiert weitgehend auf dieser Software. Wenn alles funktioniert, ist der ultimative Traum, Wettkämpfe zu organisieren. Eine Schachweltmeisterschaft der Schulen im Internet.

Chess grandmaster and opposition leader Kasparov pushes through the crowd before being detained by the police during a rally in Moscow © REUTERS Vergrößern Heute ist er auch als mutiger Kämpfer bekannt: Kasparow engagiert sich Aktivist in der russischen Opposition

Wer soll das alles bezahlen?

Es ist nicht teuer. Du musst kein Stadion bauen, du brauchst nur einen Computer, der meist schon da ist, oder ein Schachbrett und Figuren. Es ist wirklich billig. Und private Sponsoren und Spender sollen helfen.

Können die Schulen das kostenlos erhalten?

Nein, es wird aber nicht sehr teuer sein, weil wir eine Non-Profit-Organisation sind. Finanziell unterstützt wird sie von einem belgischen Unternehmer. In ärmeren Ländern ist es denkbar, dass Schulen die Pakete kostenlos erhalten.

Vor dem pädagogischen Effekt steht politisches Lobbying. Wie weit sind Sie da?

Ich habe zuletzt den britischen Schulminister getroffen und führende Bildungspolitiker in Frankreich. Überall sind die Reaktionen positiv, weil Schach keine Schattenseiten hat. Es ist ein pädagogisches Mittel ohne Risiko.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Russland bei Olympia Das IOC hat kapituliert

Schwimmer und Gewichtheber üben Kritik an der Teilnahme Russlands in Rio. Einer hofft noch auf eine Wende, ein anderer wirft dem IOC vor, fällige Sperren vor Olympia zu verhindern. Mehr Von Christoph Becker

27.07.2016, 17:48 Uhr | Sport
Russland vor Olympia Putin und das Schlachtfeld Sport

Wladimir Putin ist ein begeisterter Sportler. Der russische Staatspräsident tut alles, um sein Land zu einer sportlichen Großmacht zu machen. Die Olympischen Spiele in Sotschi waren sein größter Triumph. Jetzt steht der Erfolg in Frage. Mehr

26.07.2016, 17:20 Uhr | Sport
Datenpreisgabe Reisefreiheit für Daten braucht Grenzen

Wenn unsere digitalen Spuren fast alles über uns verraten, ist dann der autonome Bürger nur noch Illusion? Die Philosophin Beate Rössler über Selbstbehauptung und Privatheit. Mehr Von Fridtjof Küchemann

27.07.2016, 12:50 Uhr | Feuilleton
Barack Obama Möglich, dass Russland sich in Wahlkampf einmischt

Präsident Barack Obama hat in einem Fernsehinterview erklärt, dass er den Versuch einer Einmischung Russlands in den amerikanischen Wahlkampf nicht ausschließe. Hintergrund ist die Hacker-Affäre um Tausende E-Mails aus der Führungsspitze der Demokraten. Experten vermuten Russland hinter der Veröffentlichung. Mehr

27.07.2016, 08:19 Uhr | Politik
Harting zu IOC-Entscheid Im IOC herrschen Zustände wie bei der Fifa

Robert Harting fällt ein hartes Urteil über IOC-Chef Thomas Bach. Der reagiert in einem Interview erstaunlich scharf auf die Kritik des Diskuswerfers. Julija Stepanowa bezichtigt das IOC derweil der Lüge. Mehr Von Michael Reinsch, Kienbaum

26.07.2016, 17:32 Uhr | Sport

Alles so, wie es sein soll?

Von Michael Reinsch

Fast könnte Thomas Bach einem leidtun: Die Kritik am IOC-Präsidenten wird in den nächsten Tagen wohl nicht abklingen. Denn mit seinen jüngsten Äußerungen in Richtung Harting und Stepanowa provoziert er weiteren Widerspruch. Ein Kommentar. Mehr 7 25