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Kanu Am Ende einer alten Liebe lockt China

07.02.2005 ·  Die Beziehung zur erfolgreichsten Kanutin Birgit Fischer ist in die Brüche gegangen, und nun hält ihn nichts mehr in Deutschland: Josef Capousek, 25 Jahre lang Bundestrainer, zieht ins Reich der Mitte.

Von Hans-Joachim Waldbröl
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Ab durch die Mitte - direkt ins Reich der Mitte: Auf kurzem Postweg, vom Duisburger Stadtteil Rheinhausen über die Flußbrücke nach Wedau, hat Josef Capousek dem Deutschen Kanu-Verband (DKV) mitgeteilt, daß er schon bald eine ganz lange Reise antritt. Der gerade 59 Jahre alt gewordene Cheftrainer schickte dem DKV nach einem Vierteljahrhundert "insgesamt erfreulicher und sehr erfolgreicher Zusammenarbeit" das Kündigungsschreiben - sechs Wochen vor dem Quartalsende, wie im Vertrag vorgesehen.

Schon am 1. April tritt Capousek in Peking sein nächstes Amt an: als Cheftrainer der chinesischen Frauen und Männer, die sich im Kajak auf die Olympischen Spiele im eigenen Land vorbereiten.

"Ich suche eine neue sportliche Herausforderung", sagt er zu seinem Wechsel auf die olympische Zukunft, verhehlt aber das andere, vielleicht sogar wichtigere Motiv nicht: Seine alte Liebe, die viel mehr als nur sportliche Partnerschaft war, ist soeben endgültig in die Brüche gegangen. Birgit Fischer, die siebenmalige Olympiasiegerin und Rekord-Weltmeisterin, und Josef Capousek, der wohl erfolgreichste Cheftrainer einer deutschen olympischen Sommersportart, haben sich getrennt; nach zwölf Jahren gemeinsamer Zeit auf dem Wasser und am Ufer, stets zum Besten der deutschen Medaillenbilanzen.

"Was soll ich jetzt noch hier", fragte Capousek sich, und da die Antwort in Form eines Angebots aus China schon vorlag, griff er zu. "Olympiavorbereitung im Land der Olympischen Spiele 2008, das ist eine reizvolle Perspektive". Eine finanziell rosige Aussicht zudem, die zumindest bis zum 31. Dezember 2008, dem offiziellen Ende des frischen Vertrages, vom wehmütigen Rückblick ablenkt.

Trotz größter Erfolge im Schatten

In der Ägide des Josef Capousek, der 1968 aus Prag nach Frankfurt kam, hier 1974 sein Abitur machte und an der Johann Wolfgang Goethe-Universität 1978 das Examen in Sport und Politikwissenschaft ablegte, hat der DKV bei Europa-, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen rund 160 Medaillen gewonnen - und zwar allein nach der deutschen Sportvereinigung. Schon vorher war Capousek, zuerst 1980 als zuständiger Coach für Bundeswehr und Nachwuchs, von 1982 an als Cheftrainer der Damen und seit 1988 als Chef des gesamten Kanu-Kaders, für die Höchstleistungen eines Wassersportverbandes zuständig gewesen, der trotz größerer Erfolge immer im Schatten der Ruderer gestanden hatte. "Was sollen wir denn noch alles anstellen, um endlich mal die verdiente öffentliche Beachtung zu finden?" fragte er mehr als einmal trotzig. Und vergeblich.

Was Capousek selbst für das Image des vereinten deutschen Kanurennsportes tun konnte, das hat er getan. Unter seiner fachlichen Aufsicht, "aber selbstverständlich im Team mit meinen Trainern", haben die deutschen Kanuten bei Olympia siebzehn goldene, neun silberne und fünf bronzene Medaillen gewonnen. Aber nicht selten mußte Capousek, statt sich für die Erfolge feiern zu lassen, die Trophäen gegen Anfechtungen und Anfeindungen verteidigen. Etwa die, daß er "sein Ausbeute allein aus dem Erbe des staatlich kommandierten und gedopten DDR-Sports abgesahnt habe; daß es ein derart dominierendesn Abschneiden wie 1992 in Barcelona, gleich nach der Wende also, nie mehr geben werde.

"Wir haben jetzt in Athen viermal Gold und dreimal Silber geholt. Was hat das noch mit dem Erbe von 1990 zu tun?" fragt der scheidende Cheftrainer, der allerdings einräumt, daß der gesamtdeutsche Sport in den vergangenen Jahren "dann doch so einiges aus dem DDR-Sport, der ja nicht nur mit fragwürdigen und verbotenen Mitteln arbeitete, übernommen hat". Eine intensivere Nutzung der Trainingwissenschaft, verstärkte Nachwuchsbetreuung, "und nicht zuletzt Eliteschulen da, wo man die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) vorher platt gemacht hat".

Doping und die Vorbehalte

Das deutsch-deutsche Dauerthema Doping begleitete Capousek wie ein lästiger Genosse, den man nicht abschütteln kann. Daß bei den verbreiteten und berechtigten Vorbehalten gegenüber der Sauberkeit von Athleten aus den neuen Bundesländern im Triumphjahr 1992 ausgerechnet ein "Wessi" des Dopings überführt wurde, damit hatte Capousek stark zu kämpfen. Zumal er Detlef Hofmann, dem überführten zweimaligen Vierer-Weltmeister noch die Stange gehalten und für ihn sogar gelogen hatte: Hofmann sei die Treppe hinuntergefallen, er könne deshalb nicht zur Kaderpräsentation erscheinen. "Das war nach der positiven A-Probe, und wir, übrigens auch DKV-Präsident Ulrich Feldhoff, wollten ihn vor Eröffnung der B-Probe nicht schon als Dopingsünder anprangern."

Hofmann, der bis heute prominenteste Doper im deutschen Kanurennsport, wurde für zwei Jahre gesperrt, wieder eingegliedert und hat inzwischen eine Anstellung als Bundestrainer gefunden. Capousek indes konnte mit Hofmann nichts Rechtes mehr anfangen: "Er hat nach dem Dopingfall mit mir nie ein offenes Gespräch geführt, und so sind meine Vorbehalte gegen ihn bestehengeblieben."

Vorbehalte gegen das aufstrebende Leistungssportland China, wo Capousek schon 1997 an der Universität Wuhan eine Ehrenprofessur verliehen bekam, hegt der Auswanderer nicht: "Sicher sind die zentralistischen Strukturen stark orientiert an denen des DDR-Sportsystems. Aber wie ich die Inhalte fülle, das ist ja meine Herausforderung." Capousek, der schon Ende Februar nach Peking fliegt und einen Teil seines siebenwöchigen Resturlaubs zur Akklimatisierung in Fernost nutzen will, weiß, was er dort antrifft: "Die erwarten einiges von mir. Aber ich auch. Ich will es noch mal wissen." Schon Ende Mai kommt er als Berichterstatter in eigener Sache zurück nach Duisburg: Die chinesische Mannschaft hat für die Internationale Regatta auf der Wedau gemeldet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08. 02. 2005, Nr. 32 / Seite 32
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