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Veröffentlicht: 16.06.2017, 15:08 Uhr

Judoka Miryam Roper Oh, wie schön ist Panama

Miryam Roper war zehn Jahre lang Deutschlands beste Kämpferin – für Tokio 2020 sei sie jedoch zu alt. Nun wagt sie einen Neuanfang und startet für Panama in Cancun.

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© dpa Miryam Roper ist nicht gewillt, kampflos die Matte zu räumen und startet nun für Panama.

„Alcanzamos por fin la victoria“ singt der Chor und der Text könnte nicht passender sein zur Situation von Miryam Roper: „Letztlich haben wir den Sieg errungen“. Es ist selten, dass die Nationalhymne Panamas bei einem internationalen Sportereignis gespielt wird. Im Judo kam es noch nie vor. Umso schöner war es für die Rheinländerin Miryam Roper, die „Himno Istmeño“ gleich nach ihrem ersten Wettkampf für das Heimatland ihres Vaters zu hören. Als Vertreterin von Panama gewann sie auf Anhieb den Grand Slam in Jekaterinburg. Mit einem Ippon, der auch den deutschen Judo-Bund aufs Kreuz legte.

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Am kommenden Wochenende möchte sie nun beim Grand Prix in Cancun beweisen, dass der Triumph von Russland kein später Ausrutscher nach oben war. Miryam Roper war zehn Jahre lang Deutschlands beste Kämpferin. Sie führte 2013 sogar die Weltrangliste in der Klasse bis 57 Kilogramm an. Als erste Deutsche überhaupt. Die gebürtige Aachenerin gewann WM- und EM-Medaillen, qualifizierte sich zweimal für Olympia. Doch nach den Spielen von Rio wurde sie aussortiert. Dort war sie in der ersten Runde an Rafaela Silva gescheitert, ihrer Angstgegnerin, die später Olympiasiegerin wurde. Nun sei sie zu alt, um noch bis Tokio 2020 eine Perspektive zu haben, wurde der 34-Jährigen mitgeteilt – am Telefon.

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„Respektlos“, nannte Roper diese Vorgehensweise, die so überhaupt nicht zu den Werten des Judosports passte. Zudem „eine Fehlentscheidung“, denn sie fühlte sich immer noch als die Beste im Land. Unabhängig vom Alter. Als „sehr unglücklich gelaufen“, bezeichnet Verbandspräsident Peter Frese die Vorgehensweise des neuen Bundestrainers Claudiu Pusa: „Dafür habe ich mich entschuldigt“. In der Sache glaubt Frese, ein freundlicher Rheinländer aus Wuppertal, dagegen, dass die Entscheidung richtig sei. „Wenn jemand 34 Jahre alt ist, musst du die junge Nachfolgerin unterstützen.“ Die neue Hoffnungsträgerin Theresa Stoll, gerade 21, zahlte prompt für das Vertrauen zurück, sie gewann im April Silber bei der EM in Polen. Doch auch Miryam Roper ist nicht gewillt, kampflos die Matte zu räumen.

Und besann sich ihrer mittelamerikanischen Wurzeln. „Ich wusste, dass Panama nicht die gleichen Möglichkeiten bietet wie Deutschland“, sagt die Studentin und bekennt, dass der Verbands-Wechsel mit viel Arbeit und Stress verbunden war. „Aber ich bin zufrieden. Ich habe das Beste draus gemacht.“  Seit April ist sie für Panama startberechtigt, dessen Sportstrukturen sich noch im Aufbau befinden. Unterstützt wird sie vom Weltverband. Allerdings auf niedrigem Niveau. Vorzeitig ausgelaufen ist ihr Status als Sportsoldatin: „Dass ich nicht mehr in der Sportfördergruppe der Bundeswehr bleiben kann, war mir schon klar“, meint sie. Immerhin hatte der deutsche Judo-Bund ihr „keine Steine in den Weg gelegt“ und dem Wechsel zugestimmt. Er hätte sie auch drei Jahre sperren können.

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Roper kann weiterhin in Köln trainieren, außerdem misst sie sich regelmäßig mit der Nationalmannschaft der Niederlande. Dort hat ihr bisheriger Bundestrainer Michael Bazynski angeheuert, nachdem er ebenfalls vom deutschen Verband vor die Tür gesetzt wurde.  Zum Grand Slam nach Russland reiste Roper alleine, traf dort aber auf die Teams aus Holland und Deutschland. „Im Judo geht es sehr familiär zu, da geht niemand verloren.“ Bei ihren Kämpfen blieb der Stuhl an der Matte aber leer: Panama hat keinen Nationaltrainer. Dass sie eines der wichtigsten Turniere nach WM und Olympia gewinnen konnte, übrigens als bisher älteste Judo-Kämpferin weltweit, hat ihr einige mediale Aufmerksamkeit in ihrer Wahlheimat eingebracht, in der sonst Baseball und Fußball die bevorzugten Sportarten sind.

Auch ihre Kusinen und entfernteren Verwandten, die in einer Vorstadt der Metropole Panama-City wohnen, seien darauf angesprochen worden. „Aber ich bin kein Star, weder hier noch dort.“ Ihr Vater sei natürlich stolz auf sie, aber das war er vorher auch: „Er wohnt schon ewig in Deutschland.“ Sie selbst zieht es dagegen stärker denn je nach Lateinamerika. Zweimal weilte sie in diesem Jahr schon für mehrere Wochen in dem „sehr schönen Land“. Dank seiner geografische Lage bildet Panama, das etwa vier Millionen Einwohner zählt, eine Brückenfunktion zwischen Mittel- und Südamerika und verbindet durch den Panama-Kanal die Karibik mit dem Pazifik.

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„Man kann hier gut leben“, sagt die 34-Jährige, die sich „in der Sonne sehr wohl“ fühlt und auch schon über eine Perspektive nach dem Sport sinniert hat: „Mein Ziel ist es, eine Sprachschule in Panama aufzumachen“, sagt sie: „mit einem angeschlossenen Café.“ Deshalb treibt sie derzeit auch ihr Spanisch- und Französisch-Studium in Köln mit frischer Energie voran. Zum Judo-Grand-Prix am Wochenende in Cancun reiste sie erst am Mittwoch an und schon am Sonntag wieder ab. Ein längerer Aufenthalt in Panama würde sich zwar anbieten, wenn sie schon mal in Mexiko kämpft. Doch am Montag muss sie an der Uni ein wichtiges Referat halten. Es geht um „Emotionen in der Semantik“ in den verschiedenen Kulturen.

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