Der Kampftag fing nicht gut an für Philipp Eckelmann. „Mein Gürtel ist weg“, stellte der 32 Jahre alte Judoka beim Anziehen seines Anzugs fest. Und ohne ordnungsgemäße Kleidung kein Kampf. Eckelmann ist nämlich nicht nur Trainer des Judo Clubs Wiesbaden (JCW), sondern auch Aktiver, und beim Bundesliga-Kampf gegen den JV Ippon Rodewich war sein Einsatz in der 90-Kilo-Klasse gefragt, beim wichtigsten Duell des JCW seit Jahren. Zum Glück lag noch ein anderer Gürtel zwischen den Sporttaschen am Mattenrand herum, und schwarz sind sie in dieser Leistungsklasse ja ohnehin alle.
Als Abstiegskandidat war der hessische Judoclub in die Saison gestartet, nun hatte er am letzten Kampftag der regulären Runde die Chance, sich für die Play-offs der besten acht Mannschaften zu qualifizieren. Dazu sollte schon ein Unentschieden gegen den Tabellennachbarn aus Sachsen genügen. Seit Bundesliga-Gründung gehört der traditionsreiche Wiesbadener Club zur Eliteklasse, war in der Tabelle aber stets in den unteren Regionen zu finden. Um die Abstiegsrelegation war der JCW in den vergangenen Jahren immer nur herumgekommen, weil es aus der zweiten Liga keinen Judoverein zum Bundesligaaufstieg drängte.
Die Aufstellung gleicht einer Schachpartie
Nun stand also der Weg offen fürs Viertelfinale, aber wer dachte, die Wiesbadener Sporthalle wäre zum Bersten voll, sah sich getäuscht. Vielleicht hundert Zuschauer verloren sich am Samstagnachmittag auf der Tribüne, wo sonst bei den Spielen des Volleyballklubs in der Frauen-Bundesliga immerhin gut tausend Fans sitzen. „Bei dem schönen Wetter ist es schwierig, die Leute zu locken“, sagte Eckelmann grinsend, und wusste wohl, dass der Herbsteinbruch sicher nicht von einem Hallenbesuch abschreckte.
Je zwei Kämpfe in den sieben Gewichtsklassen werden in der Bundesliga angeboten. Wobei die Mannschaftsaufstellung einer Schachpartie gleichkommt. Von den sieben Athleten, die den ersten Durchgang bestreiten, müssen drei vor der zweiten Kampfrunde ausgetauscht werden. Zudem dürfen nur vier der insgesamt vierzehn Kämpfe von Ausländern bestritten werden. Es ist also großes taktisches Geschick erforderlich, nicht nur eine starke Riege am Start zu haben, sondern auch die richtigen Leute antreten zu lassen.
Gegen Nordmeister Potsdam „nicht chancenlos“
So hatte der JC Wiesbaden den Österreicher Max Schirnhofer im Kader, ließ ihn aber zunächst nicht kämpfen. Stattdessen stellte sich Eckelmann dem früheren Europameister Valentin Greykov. Eckelmann gelang gegen den Russen sogar ein guter Start, er erzielte eine mittlere Wertung. „Dass ich den erwischt hatte, war Glück“, sagte er hinterher bescheiden. Immerhin drei Minuten blieb er auf den Beinen, dann erst hatte ihn Greykow besiegt, worauf Eckelmann, der zu seiner Glanzzeit zu den zehn besten Judoka in Deutschland gehörte, durchaus stolz war. „Auch das macht die Bundesliga aus, dass man sich mit so exzellenten Leuten messen kann.“
Zum taktischen Kalkül sagte er: „Hätten wir Schirnhofer nicht dabeigehabt, hätte Greykov in der Klasse bis hundert Kilo gekämpft und auch da gepunktet.“ So sicherte sich der JCW dort dank Igor Mbakom Tchengang und Marco Giglio beide Punkte. Auch die starken deutschen Nachwuchskämpfer Danny-Paul Kiel (bis 60 Kilogramm) und Junioren-Weltmeister Alexander Wieczerzak (bis 81 Kilo) gewannen, wie erwartet, die Doppelpunkte, und der Spanier Javier Delgado (bis 66 Kilo) steuerte nach einem Remis im ersten Durchgang einen Siegpunkt im zweiten bei. Blieb noch der Überraschungs-Ippon von Jeffrey Schulz im Schwergewicht, so dass der JCW am Ende einen unerwartet souveränen 8:5-Erfolg und den Einzug ins Viertelfinale gegen Nordmeister Potsdam geschafft hatte.
„Auch da sind wir nicht chancenlos“, sagte Patric Nebhuth, 38 Jahre alt, der als Aktiver deutscher Meister war und sich seit 2006 mit Eckelmann den Trainerjob beim JCW teilt. „Die ganze Saison hat gezeigt, dass wir mit den Spitzenteams mithalten können.“ Für den unerwarteten Extrakampf müssen die Wiesbadener allerdings noch ein paar Sponsoren zusätzlich gewinnen. Denn selbst unter den Randsportarten sind die Judoka noch Außenseiter. Das ändert aber nichts an der Begeisterung, mit der die Macher bei der Sache sind. „Unser Sport ist nicht von Sponsoren gesegnet“, sagt Eckelmann, „Patric und ich investieren deshalb nicht nur viel Herzblut, sondern auch den ein oder anderen Euro.“ Von der Freizeit gar nicht zu sprechen. Nach dem erfolgreichen Bundesligakampf räumte der Trainer-Sportler-Manager zusammen mit einigen Helfern erst mal die Kampfmatten aus der Halle.