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Juan Martin del Potro „Ich stehe erst am Anfang“

22.11.2009 ·  Juan Martin del Potro hat einen rasanten Aufstieg hinter sich. Von diesem Sonntag an tritt der Tennisprofi beim Saisonfinale der besten Acht in London an. Im Interview spricht der 21-Jährige über seinen US-Open-Sieg, sein Idol - und argentinisches Fleisch.

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Juan Martin del Potro hat seinen rasanten Aufsteig, der vor 16 Monaten in Stuttgart mit seinem ersten ATP-Turniersieg begann, im September mit dem US-Open-Triumph gekrönt. Mittlerweile 21 Jahre alt, hat sich der Argentinier bis auf Weltranglistenplatz fünf emporgearbeitet. Sieben Turniere - vier im Vorjahr, drei in dieser Saison - hat der Schlaks bisher gewonnen.

Zum Auftakt der ATP-World-Tour-Finals trifft del Potro an diesem Sonntag (15.15 Uhr) auf den Schotten Andy Murray. Das zweite Duell der Gruppe A bestreiten der Schweizer Weltranglistenerste Roger Federer und der Spanier Fernando Verdasco (21.45 Uhr). In Gruppe B spielen am Montag Rafael Nadal (Spanien) und der Schwede Robin Söderling sowie der serbische Titelverteidiger Novak Djokovic und der Russe Nikolai Dawidenko gegeneinander. Das Saisonabschlussturnier der acht besten Tennisherren, das früher in Frankfurt und Hannover unter dem Namen ATP-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde, ist nach einem Jahrzehnt wechselnder Austragungsorte jetzt in London angekommen (kle.)

Sie haben jüngst beim Masters in Paris die Karriere von Marat Safin beendet. War es schwer für Sie?

Ja, das war ein sehr schweres und besonderes Match für mich. Marat ist von klein auf ein Held für mich gewesen, zu dem ich aufgeschaut habe. Es fiel mir nicht leicht, mich zu konzentrieren, weil ich wusste, dass er danach nie wieder spielen würde, wenn ich gewinne. Mich haben seine Worte bei der Verabschiedung sehr bewegt, er wird mir fehlen.

Haben Sie beide engen Kontakt?

Inzwischen ja. Ich bin einfach mal zu ihm hingegangen und habe ihm gesagt, wie sehr ich ihn bewundere und dass er mein Idol ist. Das hat ihm gefallen, seither sind wir gute Freunde.

Safin hat mit 20 Jahren überraschend seinen ersten Titel bei den US Open gewonnen, genau wie es Ihnen im vorigen September gelungen ist. Denken Sie, Ihre Karriere wird ähnlich verlaufen?

Das weiß niemand. Aber ich wäre stolz, wenn ich eine ähnliche Karriere hätte wie Marat. Ich mochte seinen Stil, seine Art auf dem Platz. Ich versuche daher immer mein Bestes zu geben, um noch stärker zu werden, und ich hoffe, dass mir dann auch noch einige Turniersiege gelingen. Wer wäre nicht gern so ein Spieler wie Marat?

Sie wirken allerdings ganz anders als Safin. Täuscht der Eindruck?

Nein, ich bin leider wirklich nicht wie Marat. Ich zertrümmere auch nicht so viele Schläger wie er und habe nicht sein unglaubliches Temperament. Ich bin doch ein sehr schüchterner Typ – zumindest außerhalb des Platzes. Auch wenn man es mir nicht immer anmerkt, ich habe einen sehr starken Willen im Match und kämpfe verbissen, um wirklich jeden Spieler zu schlagen.

In den vorigen Monaten ist Ihnen das überwiegend gelungen.

Ja, ich war ganz zufrieden. Obwohl der Endspurt zur Saison für alle sehr schwierig ist. Jeder ist müde und angeschlagen und trotzdem spielen alle am Limit, weil wir um die gleiche Sache kämpfen. Wir wollen gut abschneiden beim ATP-World-Masters, doch es ist nicht leicht gegen Federer, Nadal oder Djokovic.

Aber Sie haben mehrfach bewiesen, dass Sie diese Topspieler schlagen können.

Das stimmt, aber auch sie arbeiten sehr hart an sich und werden immer noch besser. Ich stehe erst am Anfang.

Sie waren immer der jüngste Spieler: in den Top 100, in den Top 50 und jetzt in den Top Ten. Wie erklären Sie sich Ihren Aufstieg?

Ich bin mir immer bewusst, dass ich noch vieles an meinem Spiel verbessern muss, und daher arbeite ich sehr hart an allen Schwächen. Aber ich brauche einfach ein bisschen Zeit. Mein Aufschlag, meine Vorhand und meine Beweglichkeit sind schon viel besser und zum Teil richtige Waffen geworden. Aber vor allem fehlt es mir noch an Erfahrung, die haben mir die Topspieler noch voraus. Aber mein erstes Grand-Slam-Finale gewonnen zu haben, war ein sehr wichtiger Schritt. Das hat mir viel Vertrauen in meine Stärken gegeben.

Hat der Wechsel Ihres Trainers im vergangenen Jahr auch zu diesem Leistungsschub beigetragen?

Auf jeden Fall. Franco Davin hat mich zu einem anderen Spieler gemacht. Er hat mir auch gezeigt, dass die physische Komponente sehr entscheidend ist. In der Zeit hatte ich Rückenprobleme, die wir dann beheben konnten, und er hat mein Krafttraining deutlich verstärkt.

Wie kommt es, dass aus Ihrem kleinen Heimatort Tandil fünf aktive Tennisspieler stammen?

Ich denke, Jugendtrainer Marcelo Gomez ist der Hauptgrund. Er ist wie ein zweiter Vater zu uns, nicht wie ein Coach. Das ist ganz entscheidend, wenn man als junger Mensch mit dem Sport anfängt, reist und Turniere spielt. Das Vertrauen ist entscheidend, und das hatten wir immer zu ihm und er in uns. Ich suche immer noch Rat bei ihm, wenn ich zu Hause bin.

Ihr Vater hat Rugby gespielt. Warum wollten Sie das nicht?

Ich hatte nicht genügend Muskeln. Ich habe Fußball geliebt und war auch begabt. Aber dann habe ich mich für Tennis entschieden. Das fand mein Vater zuerst seltsam, aber zum Glück mache ich mich ja ganz gut. Denn heute würde ich neunzig Minuten lang rennen gar nicht mehr durchhalten.

Ganz Tandil hat Sie gefeiert, als Sie als US-Open-Sieger aus New York zurückkehrten. Wie war das für Sie?

Das war toll, aber irgendwie auch ein bisschen beängstigend. Wirklich jeder kam auf die Straße, um mich zu sehen und mich zu feiern. Wir haben 100 000 Einwohner. Es gab Feuerwerke und alles, das war einer der größten Momente meines Lebens.

Können Sie jetzt überhaupt noch unbemerkt durch die Stadt gehen?

Die Stadt ist so klein, man kennt sich sowieso. Allein 150 Mitglieder meiner Familie leben dort. Aber ich kann immer noch auf der Straße laufen und ungestört im Restaurant sitzen.

Das Essen in Tandil scheint sehr leistungsfördernd zu sein ...

Das Fleisch bei uns ist sehr gut, sehr speziell. Bestimmt das beste der Welt. Das ist wohl das Erfolgsrezept für uns Argentinier: Fleisch und guter Wein . . .

Also gibt es doch eine Parallele zu Marat Safin?

Nein, ich trinke eigentlich gar keinen Wein. Bei mir ist es nur das Fleisch.

Sie plagten sich zuletzt mit einer Handgelenksverletzung. War Ihnen die kurze Auszeit nach den US-Open-Triumph dennoch willkommen?

Ja, ich denke, nach dem ganzen Rummel nach meinem Sieg in New York tat mir diese kleine Zwangspause sehr gut. Ich konnte zu Hause Kraft tanken. Die Verletzung ist ausgestanden, ich fühle mich jetzt frisch und fit für das WM-Finale.

Wie gehen Sie in London mit dem neuen Druck um? Jeder wird in London auf Sie schauen.

Ich bin sehr stolz, dass ich in diesem Jahr einer der besten acht Spieler bin, der um den WM-Titel spielen darf. Aber ich bin ganz sicher nicht der Favorit, das sind die anderen, und die haben den Druck. Ich fahre nach London, um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen. Federer und Nadal sind die großen Favoriten.

Vor einem Jahr haben Sie in Stuttgart Ihren ersten Titel gewonnen. Hatten Sie selbst das Gefühl, das war Ihr Durchbruch?

Ja, ich denke Stuttgart war ein sehr wichtiger Moment für mich. Da habe ich den Durchbruch wirklich gespürt. Ich dachte: Jetzt kann ich mithalten. Ich hätte die nächsten drei Turniere in Folge aber wohl nie gewonnen, wenn mein Trainer Franco Davin nicht gewesen wäre. Ich wollte den Sieg in Stuttgart einfach nur genießen und danach nur schlafen – das tue ich am liebsten. Aber Franco hat immer wieder gesagt, ich müsse jetzt wach bleiben, ich könne Kitzbühel auch gewinnen. Das hat geholfen und mein Selbstvertrauen stieg von Sieg zu Sieg. Es wurde so etwas wie ein Selbstläufer.

Das Gespräch führte Petra Philippsen.

Quelle: F.A.Z.
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