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Juan Martin del Potro Der andere Argentinier

10.11.2008 ·  Tennisprofi Juan Martin del Potro liebt den Hartplatz und lebt seinen Traum. Nach dem Masters-Cup steht der etwas aus der Art geschlagene Argentinier noch im Davispokal-Finale. Seine Krise im Frühjahr wurde für ihn zum Glücksfall.

Von Thomas Klemm
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Bis vor einem halben Jahr war Juan Martin del Potro ein ziemlich gewöhnlicher, aufstrebender Tennisprofi. Er war jung, und er brauchte das Geld, das er auf der Tour einspielte, um seine laufenden Kosten für die Trips zu den Turnieren und seinen Trainer zu decken. Da und dort erreichte del Potro die zweite Runde und verdiente damit einen kleinen fünfstelligen Betrag, aber in der Weltrangliste fiel er von Woche zu Woche weiter zurück. Dann kamen die Rückenschmerzen, der Körper erzwang eine Pause.

Zweieinhalb Monate konnte del Potro kein Tennis spielen, und in dieser Auszeit fragte er sich, ob vielleicht irgendetwas falsch liefe in seiner jungen Karriere. Kaum genesen, zog der argentinische Teenager die Konsequenzen. Er verpflichtete einen neuen Trainer, kehrte langsam auf die ATP-Tour zurück - und wurde schnell zu einem Champion. „Unglaublich, ein Traum“, sagte del Potro den ganzen Sommer lang, indem er die ersten vier ATP-Titel seiner Karriere in Serie holte. Jetzt, im Herbst, gehört der Jungstar zu den acht weltbesten Tennisprofis, die beim Masters-Cup in Schanghai den Weltmeister unter sich ausspielen (Siehe: Tennis: Ergebnisse von den US Open).

„Er hat alles verändert: mein Spiel, meinen Kopf“

Die Krise im Frühjahr wurde für den mittlerweile Zwanzigjährigen zur Chance, gar zum Glücksfall. Del Potro wagte den Schnitt: Nach der Trennung von seinem vertrauten Trainer Eduardo Infantino arbeitet er seit März mit Franco Davin zusammen. „Er hat alles verändert: mein Spiel, meinen Kopf. Es gibt mir Ruhe und Selbstvertrauen, ihn während meines Matches auf der Tribüne zu sehen“, sagt del Potro über seinen Landsmann, der zuvor nicht nur als Tennisprofi reüssierte. Davin war auch jener Trainer, der Gaston Gaudio zum French-Open-Sieg 2004 führte.

Im Gegensatz zu Gaudio und den meisten anderen Gauchos, die ihre Titel fast ausnahmslos auf rotem Ziegelmehl gewonnen haben, ist Juan Martin del Potro aus der argentinischen Art geschlagen. Er ist kein mittelgroßer Sandplatzspezialist, der hinter der Grundlinie verharrt und die Bälle mit viel Topspin und in aller Seelenruhe zurückbringt. Del Potro ist ein 1,98 Meter langer Schlaks, der in seiner Heimat „Palito“ („Bohnenstange“) genannt wird und sich wegen seines brachialen Aufschlages und seiner aggressiven Spielweise auf Hartplätzen am wohlsten fühlt. „Für seine Größe ist er enorm beweglich“, sagt Thomas Haas, der del Potro im August 2:6 und 1:6 unterlag. „Ich kann bei ihm keine Schwäche erkennen.“

Im Frühjahr ein Tennistalent, im Herbst ein Millionär

Dass der Argentinier die ersten beiden Turniere seiner Karriere - im Juli am Stuttgarter Weissenhof und in Kitzbühel - auf Sandplätzen gewann, war nur eine Folge seiner vorherigen Verletzungsmisere. Um den lädierten Rücken langsam an die Belastungen zu gewöhnen, hatte ihm sein neuer Trainer zunächst Auftritte auf dem weicheren Untergrund verordnet. „Wenn ich auf Hartplätzen angefangen hätte, hätte ich mich vielleicht gleich wieder verletzt“, sagt del Potro.

Die Anpassung verlief auf allen Belägen schnell. Im April bis auf Weltranglistenplatz 81 abgerutscht, arbeitete sich der Argentinier mit 23 Matchgewinnen in Serie nach oben. Direkt nach seinen beiden ersten Turniererfolgen auf Sand siegte del Potro auf den Hartplätzen von Los Angeles und Washington - und war damit der erste Tennisprofi, der seine ersten vier ATP-Titel direkt nacheinander holte.

Bis dahin hatte es nur elf Teenager gegeben, die ihre ersten vier Profiturniere in einem kompletten Jahr gewannen; zehn davon - darunter Pete Sampras, Andre Agassi und Rafael Nadal - wurden anschließend zur Nummer eins der Welt. Von einer ähnlichen Karriere träumt auch del Potro, doch er orientiert sich lieber an zwei anderen ehemaligen Weltranglistenersten. Er wolle „spielen wie Safin und beharrlich sein wie Hewitt“, sagt der Jungstar, der bei den US Open das Viertelfinale erreichte, als Aufsteiger der Saison gilt und mittlerweile auf Platz acht der Weltrangliste angekommen ist.

Und nach dem Masters zum Davis-Cup-Finale

Im Frühjahr ein Tennistalent, im Herbst ein Millionär - Juan Martin del Potro lebt seinen argentinischen Traum. Und dieser Traum geht weiter, auch wenn er sein Auftaktmatch beim Masters gegen den an Nummer 2 gesetzten Serben Novak Djokovic in zwei Sätzen verlor (5:7, 3:6).

Im Gegensatz zu seinen sieben Schanghaier Konkurrenten endet die Tennissaison für del Potro nicht mit dem Masters-Cup am kommenden Sonntag; sein letzter Saisonhöhepunkt steht eine Woche später an, beim Davis-Cup-Finale in Mar del Plata. Mit seinem Kollegen David Nalbandian will der Spross einer Akademikerfamilie gegen das spanische Team schaffen, was den argentinischen Idolen Guillermo Vilas und José Luis Clerc 1981 sowie Nalbandian und Juan Ignacio Chela 2006 jeweils verwehrt blieb: die „hässlichste Salatschüssel der Welt“ nach Argentinien zu holen.

Dass Rafael Nadal, der beim Masters-Cup verletzt fehlt, beim Endspiel in zwei Wochen womöglich wieder fit ist, stört die Südamerikaner nur wenig. Gespielt wird auf Hartplatz, Argentinien setzt also auf Juan Martin del Potro. Seit er mit zwei souveränen Einzelsiegen im Halbfinale gegen Russland fast im Alleingang für den Einzug ins Davis-Cup-Endspiel sorgte, ist der Zwanzigjährige in seiner Heimat zum Sporthelden avanciert. „Danke, Großer!“, titelte eine argentinische Zeitung nach dem Halbfinalsieg. Dass del Potro weiter über sich hinauswachsen wird, gilt in der Tenniswelt als gesichert.

ATP-Masters-Cup in Shanghai

Goldene Gruppe:
Novak Djokovic (Serbien/2) - Juan Martin del Potro (Argentinien/7) 7:5, 6:3
Nikolai Dawidenko (Russland/4) - Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich/6) 6:7 (6:8), 6:4, 7:6 (7:0)

Tsonga - del Potro (Dienstag)
Djokovic - Dawidenko (Dienstag)

Rote Gruppe:
Gilles Simon (Frankreich/8) - Roger Federer (Schweiz/1) 4:6, 6:4, 6:3
Andrew Murray (Großbritannien/3) - Andy Roddick (USA/5) 6:4,1:6, 6:1

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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