03.11.2008 · Auf dem Eis war niemand so schnell wie er: Drei Goldmedaillen gewann Johann Olav Koss 1994. Seitdem kämpft er für das Kinderrecht auf Spiel und Sport.
Von Sebastian BalzterSie nannten ihn „Boss“ an Norwegens Stammtischen, das reimte sich so gut auf seinen Nachnamen. Sie nannten ihn „Blitz“ auf der Titelseite des „Time Magazine“, das passte zu seinen eisblauen und blutroten Rennanzügen. Sie nannten ihn „Außerirdischer“ in den Analysen, das entsprach seiner Dominanz auf dem Eis in jenem Februar 1994. In einer einzigen Woche war er dreimal schneller gewesen als alle Konkurrenten, über 5000, 1500, zum Schluss auch noch über 10 000 Meter. Dreimal Gold, dreimal Weltrekord. Sportler, Funktionäre und Zuschauer schwärmen noch heute von der mitreißenden Stimmung während der Olympischen Winterspiele von Lillehammer. Ihr Auslöser war der Siegeszug des Lokalmatadors, dessen Landsleute den Eisschnelllauf damals noch fast so sehr liebten wie den Fußball. Die Politiker wollten ihm in der Olympiahalle später sogar ein Denkmal bauen. Dabei hatte Johann Olav doch nur getan, was seine Großmutter Anna ihm geraten hatte. „Du kannst schaffen, wovon du träumst“, hatte sie einst prophezeit. „Wenn du dich nur hart genug anstrengst.“
Als der Junge das hörte, war er elf Jahre alt; auf dem Eis konkurrierte er vor allem mit seinen beiden jüngeren Brüdern. Und er hatte drei Träume. Olympiasieger wollte er werden, wie so viele andere Jungs. Arzt wollte er werden, ein naheliegender Wunsch für den Sohn einer Gynäkologin und eines Kardiologen. Und den armen Kindern in Afrika wollte er helfen, auch das nicht gerade ungewöhnlich, solange man an das Gute im Menschen glaubt. Umso verblüffender aber ist die Geradlinigkeit, mit der Johann Olav Koss seine Ziele seitdem verfolgt: Nach den Goldmedaillen von Lillehammer beendet er auf dem Höhepunkt von Kraft und Technik seine sportliche Karriere. In Oslo und im australischen Brisbane studierte er anschließend Medizin. Danach gründete er „Right to Play“, eine Organisation, die den ärmsten Kindern der Welt helfen will, ihr Leben mit Sport und Spiel reicher zu machen. Inzwischen ist sie in 23 Ländern vertreten, verfügt über einen Etat von 30 Millionen Dollar. Und Koss, gerade 40 Jahre alt geworden, ist der Boss.
Wie auf Schienen ans Ziel
Wie auf Schienen ans Ziel – ist sein Leben seit jenem Gespräch mit Großmutter Anna tatsächlich so pfeilgerade verlaufen? Die Bedingungen hätten kaum besser sein können, daraus macht Koss kein Geheimnis. Aufgewachsen im prosperierenden Wohlfahrtsstaat Norwegen und im behüteten Osloer Wohlstandsvorort Lørenskog, wurde er von seinen Eltern nach Kräften unterstützt. Seine Mutter übernahm gar den Vorsitz eines eigens für das Training ihres Sohnes und seiner Sportfreunde gegründeten Vereins. Ein Rebell war Koss nie, seine Trainer berichten stattdessen von einer bemerkenswerten Gemütsruhe und davon, wie selbstverständlich er stets die Finger von Alkohol, Zigaretten und durchzechten Nächten gelassen habe.
Aber entscheidend für seinen Erfolg, sagt Johann Olav Koss selbst, waren die Zweifel. Alles lief nach Plan in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele, bis ihn eine Fersenverletzung aus der Bahn warf, körperlich weniger als mental. Als einen Jammerlappen beschreibt sich Koss heute selbst in jenen Wochen, das ganze Team habe er mit seiner Trübsal angesteckt. Fünf Tage vor dem ersten Olympialauf wurde sie so abgrundtief, dass er die Hilfe einer Psychologin suchte. „Klar, hör doch auf“, riet sie ihm in der Sitzung, niemand hatte das zuvor je getan. Seine Reaktion kam wie erhofft. „Auf keinen Fall! Ich habe doch sogar ein bisschen Lust, an den Start zu gehen!“
„Sport und Spiel sind kein Luxus“
Die Modellathletenfigur von damals hat Koss heute noch, aber statt Selbstzweifel verbreitet er Überzeugung. Er kämpft nicht mehr um Zehntelsekunden, sondern für Artikel 31. An dieser Stelle nennt die von den Vereinten Nationen und 193 Staaten verabschiedete Kinderrechtskonvention „das Recht auf Ruhe und Freizeit, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung“. Sport und Spiel sind kein Luxus, sondern wichtige Bausteine der persönlichen Gesundheit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts – das ist die Botschaft, deren Verbreitung sich Johann Olav Koss vornahm, als er vor fünf Jahren „Right to Play“ gründete. Zunächst war er ein Einzelkämpfer, unterstützt von einer einzigen Assistentin. Heute beschäftigt die Organisation in ihren 13 Regionalbüros und zurzeit 38 Projekten rund 500 Angestellte. Hinzu kommen fast 12.000 ehrenamtliche Trainer, die sie unterstützt. Koss und seine Mitstreiter haben 120 wissenschaftlich untermauerte Empfehlungen für Behörden, Jugendzentren und lokale Organisationen zusammengestellt, wie man auf sportlich-spielerische Weise Konflikte vermeiden, Krankheiten vorbeugen und Lehrinhalte vermitteln kann. Am Tag vor der Eröffnung der Sommerspiele hat Koss den Katalog in Peking präsentiert – und natürlich auch unter den Sportlern für seine Idee geworben. Das hat sich ganz unmittelbar gelohnt: 22 Medaillengewinner widmeten ihre Plätze auf dem Treppchen „Right to Play“, ein Gesundheitskonzern überwies dafür 450.000 Dollar auf das Spendenkonto.
Siegprämien für Sarajewo gespendet
Ganz ähnlich hat Johann Olav Koss selbst seine zweite Karriere, die als Weltverbesserer, begonnen: Seine Siegprämien aus Lillehammer spendete er für ein Krankenhaus im zerbombten Sarajevo. Das geplante Denkmal in der Eislaufhalle lehnte er kurz darauf ab, stattdessen solle der Staat lieber „Olympic Aid“ Geld geben, der norwegischen Hilfsinitiative, als deren Botschafter er ein paar Monate zuvor zum ersten Mal in das vom Bürgerkrieg zerschundene Eritrea gefahren war. Knochenhartes Höhentraining stand auf dem Programm der Reise. Aber in seine Erinnerung eingegraben haben sich die Dorfkinder, die so lange die Plakate zur Verherrlichung von Kriegshelden anstarrten, bis eine Gruppe Radfahrer vorbeisauste und die Kinder in frenetischen Jubel versetzte. Da ging ihm auf, welche Kraft der Sport und die Begeisterung für ihn entfalten können. Später, als er für „Olympic Aid“ einen Hilfstransport nach Eritrea begleitete, hatte er Tausende von Fußbällen dabei, von Kindern in Norwegen für Kinder in Eritrea gesammelt. In dem Land gab es damals kaum etwas zu essen, die Spende aus dem reichen Norden schien fehl am Platz – aber über die geschenkten Bälle freuten sich die Kinder genauso wie der Staatspräsident, berichtet Koss. „Denn hier gibt es nicht nur hungrige Mäuler zu stopfen“, habe ihm dieser gesagt. „Hier gibt es auch Menschen mit Träumen und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“
Da war es wieder, das Versprechen von Großmutter Anna. Wenn auch die Kinder in Eritrea irgendwann eine Chance haben sollen, ihre Träume zu verwirklichen, dann müssen Entwicklungshilfe-Projekte möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen, das lernte Johann Olav Koss schnell. Neben der Nachhaltigkeit machte er Kontinuität zum zweiten Prinzip, deshalb löste „Right to Play“ die eher punktuell wirkenden Aktionen von „Olympic Aid“ ab. Der rote Ball, das Erkennungszeichen der Organisation, hat fast nur noch symbolischen Wert, Koss trägt ihn als Manschettenknopf. Spendengeld aber gibt er mittlerweile nicht mehr für Bälle aus. „Sportgeräte sind für uns überhaupt nicht wichtig“, sagt er, „je weniger Ausrüstung, desto besser.“ Vor allem in die Aus- und Weiterbildung von Lehrern und Jugendleitern investiere „Right to Play“ stattdessen. 540.000 Kinder würden so erreicht.
Für den Friedensnobelpreis im Gespräch
Weil dieses Engagement einzigartig sein dürfte, sind schon Vorschläge laut geworden, dem Norweger den Friedensnobelpreis zu verleihen. Koss sieht das nüchtern, genauso wie das enge Verhältnis zu Politikern wie Kofi Annan, dem früheren Generalsekretär der Vereinten Nationen, der ihm einmal seine Handynummer zugesteckt haben soll. „Seit er nach Genf umgezogen ist, bin ich da nicht mehr auf dem neuesten Stand“, sagt er trocken, nachdem er kurz sein Mobiltelefon konsultiert hat. Willi Lemke aus Bremen aber, den Annans Nachfolger Ban Ki Moon zu seinem Sonderberater für Sport und Entwicklung gemacht hat, zählt Koss zu seinen Unterstützern. Und Lemkes Vorgänger, der einstige Schweizer Bundespräsident Adolf Ogi, sitzt im Aufsichtsrat von „Right to Play“.
Damit er zwischen Terminen und Projekten nicht aus dem Tritt kommt, hat Johann Olav Koss die Tasche mit seinen Laufschuhen auch auf Reisen stets dabei. Kufen dagegen schnallt er nur noch selten unter die Füße. In Toronto, wo er seit fast zehn Jahren wohnt, fehlt ihm die 400-Meter-Bahn. Eis aber spielt immer noch eine wichtige Rolle in seinem Leben. „Da werde ich jeden Tag schwach“, gibt er zu. „Am liebsten mag ich Stracciatella.“
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