13.01.2010 · Nach ihrem schweren Sturz findet Jockey Katharina Werning nur langsam wieder ins Leben zurück. Den Alltag kann sie vorerst nicht alleine bewältigen. Doch die 24-Jährige denkt schon wieder an Galopprennen und Felicia.
Von Rafael Buschmann und Thomas Schulzke, HagenVor vier Wochen ritt Katharina Werning noch im eleganten, französischen Seebad Deauville um die Siegprämie von 20.000 Euro. 14 Tage später isst sie in Dortmund ein Marmeladenbrot, ohne zu wissen, dass sie das gleiche schon eine halbe Stunde zuvor getan hat. Zurzeit ist der bekannteste weibliche Jockey Deutschlands in der Hagener Heliosklinik zur Reha - auf der Suche nach dem Alltag. Den kann sie seit dem 11. Dezember vorerst nicht mehr alleine bewältigen. Ein Sturz von ihrem Lieblingspferd Felicia nahm ihr das Selbstverständliche.
Vor einem Showrennen auf der Dortmunder Galopprennbahn bockte ihr Pferd. Katharina Werning verlor das Gleichgewicht, fiel zu Boden. Beim Sturz traf das Tier sie noch mit voller Wucht am Kopf. Eine tiefe Delle im Stahlhelm verdeutlicht die Gewalt, der Wernings Kopf ausgesetzt war. Die 24-Jährige fiel ins Koma, und die Ärzte der Unfallklinik Dortmund Nord diagnostizierten einen Bluterguss im Gehirn. Zwei Tage später wachte sie auf der Intensivstation wieder auf. In einer Welt, die sie nicht mehr kannte. Sie wusste nicht, wer sie ist. Das Gesicht ihrer Mutter war ihr plötzlich fremd. Sie wollte nicht mit ihr reden. Die Schmerzen waren unerträglich. „Es fühlte sich an, als würde mein Kopf explodieren.“
„Ich habe alles in mich hineingestopft“
Der Schmerz ließ nach, die Erinnerungen blieben vorerst fern. Auch als Werning zu Weihnachten wieder kurz nach Hause durfte, fühlte sie sich nicht geborgen und heimisch. Sie verschlief die Feiertage. In der Wachzeit schrie und zickte sie ihre Eltern an oder aß, als hätte sie vier Wochen lang hungern müssen. „Ich war nicht mehr ich selbst. Ich konnte mich noch nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich schon eine halbe Stunde zuvor am Kühlschrank war. Ich habe alles in mich hineingestopft. Zum Glück stoppte mich meine Mutter“, erzählt Katharina Werning.
Sie überschritt schnell ihr Idealgewicht von 51 Kilogramm. Kein Gramm Fett befand sich vor dem Unfall an ihrem Körper. Das verbot ihr der Job. In mehr als 2000 Rennen gewann die Dortmunderin 148 Mal. Im Kampf um die Siege auf den Galopprennbahnen ist nie ein Unterschied zwischen der 24-Jährigen und ihrer männlichen Konkurrenz zu erkennen gewesen. Nur eines hat sie den Kollegen voraus: das modelhafte Aussehen. Mit diesem versuchte sie seit einiger Zeit, den am Boden liegenden Galopprennsport populärer zu machen, mediales Interesse zu wecken. Was ihr gelang. Der Boulevard berichtet längst über Werning. Im ZDF, bei Sat1 oder RTL erzählte sie über ihren Sport. Auch über ihr Leben, ihre Ernährung.
Im Mittelpunkt eines Galoppsport-Fernsehformats
Werning ist die erste Frau, die jemals in der arabischen Welt ein Rennen als Jockey bestritt. Die Scheichs schauten sie an wie einen Eisbären, der sich in die Sahara verirrt hatte. Sie war zu Besuch bei ihrem damaligen Freund Marvin Suerland, der als Jockey für ein halbes Jahr im Wüstenstaat tätig war. „Plötzlich fiel ein Reiter aus, keiner stand zur Verfügung. Der Trainer sprach mich an, ich sagte ja“, erzählt Werning. Am kommenden Tag war sie die Attraktion in den arabischen Medien. „Kein Wunder. Eine Frau. Und dann noch blond...“, sagt sie.
Der nächste Schritt in ihrem Leben sollte eine eigene Fernsehsendung sein. Die Planungen waren weit fortgeschritten. Ihr Manager Dietrich von Mutius konnte ihr einen Moderatoren-Job besorgen. Katharina Werning sollte der Mittelpunkt eines Galoppsport-Formats werden, das in naher Zukunft im Fernsehen ausgestrahlt wird.
Kopfschmerzen beim Konzentrieren
An diese Chance denkt sie zurzeit nicht. Die Genesung steht im Vordergrund. Das Gleichgewichtsgefühl fehlt ihr immer noch, die Angst vor dem Einschlafen soll verschwinden. „Wenn ich abends im Bett liege, habe ich ein ungutes Gefühl. Ich habe Angst davor, am nächsten Morgen aufzuwachen und wieder nicht zu wissen, wo und wer man ist“, sagt sie. Als wäre das nicht schlimm genug, hat sie Probleme, mit mehreren Menschen gleichzeitig zu sprechen. Das überlaste ihr Gehirn, da jeder gesprochene Satz höchste Konzentration von ihr verlange. „Konzentriere ich mich zu stark, bekomme ich gleich wieder Kopfschmerzen.“
Die Fortschritte, die sie in der Reha-Klinik im westfälischen Hagen täglich macht, sind immens. Dank der Hilfe von Physiotherapeuten und Psychologen kann Katharina Werning wieder alleine gehen. Sie treibt im weitesten Sinne Sport, erinnert sich wieder an die Vergangenheit. Kann ihr Essen alleine zubereiten, obwohl sie Distanzen zu Gegenständen noch nicht richtig einschätzen kann. Das Sprechen fällt ihr immer leichter. Trotzdem wollte sie ihren Geburtstag am 10. Januar nicht in Gesellschaft feiern: „Ich habe sechs Geschwister. Dazu kommen noch meine Eltern. So viele Menschen auf einmal, das halte ich einfach noch nicht aus.“
Der nächste Geburtstag könnte schon wieder ein rauschenden Fest werden. Zumindest versichern die Ärzte, dass Katharina Werning keine bleibenden Schäden davontragen wird. Sie betonen aber auch, dass es dauern kann, bis alles wieder ist wie es war. Wie lange? Das weiß niemand. „Der Sturz hätte mein Ende sein können. Die Fortschritte geben mir aber wieder Hoffnung, dass es wird wie vorher“, sagt sie. Deshalb glaube sie fest daran, dass sie wieder Galopprennen bestreiten werde. Vielleicht auch auf Felicia. Sie ist immer noch ihr Lieblingspferd.