Home
http://www.faz.net/-gub-127yi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jochen Hecht Aus dem Haifischbecken zur Eishockey-WM

22.04.2009 ·  Eigentlich könnte sich Jochen Hecht derzeit auf den Urlaub freuen. Es wäre eine hochverdiente Auszeit nach dem großen Stress der nordamerikanischen Eishockey-Saison. Stattdessen hilft Hecht Deutschland bei der WM - mit Erlaubnis der Nada.

Von Marc Heinrich
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Jochen Hecht hat noch immer nicht genug. Hinter ihm liegt eine strapaziöse Spielzeit. Siebzig Pflichtspiele absolvierte er in sechs Monaten, er flog mit seinem Team zu den Einsätzen kreuz und quer durch Nordamerika und verbrachte fast genauso viel Zeit in Hotels wie zu Hause. Eishockeyprofis, zumal in Übersee, sind Hochleistungs-Akkordarbeiter. Ihre Saison beginnt im Herbst - und je später sie im darauffolgenden Frühling ein Ende findet, umso besser ist sie verlaufen.

Für Hechts Geschmack kam das Aus mit den Buffalo Sabres in der NHL viel zu früh. Schon an Ostern. Mit den Play-offs haben er und seine Kollegen seitdem nichts mehr zu tun. Doch große Lust, die hinzugewonnene Freizeit zur Erholung von den Anstrengungen des beschwerlichen Tagwerks zu nutzen, wollte sich nicht einstellen: Stattdessen überwog bei dem Einunddreißigjährigen rasch die Lust auf die nächste Herausforderung.

Nach dem „Interesse“ wurde schnell eine Reisepaket geschnürt

Von Ende dieser Woche an verstärkt er die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz. Nur ein kleines Fragezeichen stand noch hinter Hechts Einsatz: Da er am 1. Januar noch nicht die Athletenvereinbarung unterzeichnet hatte, musste die Nationale Anti-Doping-Agentur den Antrag des DEB auf Wiedereingliederung von Hecht ins Testprogramm noch genehmigen. Das tat sie am Mittwochvormittag - unter dem Vorbehalt, dass die Analyse einer in Nordamerika genommenen Dopingprobe negativ ausfällt. Mit dem Ergebnis wird bis zum deutschen WM-Auftaktspiel am Freitag gegen Russland gerechnet.

Erstmals seit vier Jahren konnte Hecht dem Werben des Verbandes wieder nachgeben, weil er eben nicht mehr in der parallel stattfindenden Meisterschaftsendrunde in den Vereinigten Staaten und Kanada auf dem Eis steht oder sein Körper eine verletzungsbedingte Erholungspause benötigt. Als Hecht kürzlich bei einem Gespräch mit alten Bekannten signalisierte, er habe „ernsthaftes Interesse“ mitzuhelfen, dass auch die vierte WM unter der Regie von Bundestrainer Uwe Krupp ein Erfolg wird, reagierte der DEB prompt und organisierte ein Reisepaket.

Hecht will „mit einem guten Gefühl in die Sommerpause gehen“

„Eine Verstärkung wie ihn können wir immer gebrauchen“, sagte Krupp, „mit seiner Klasse und seiner Erfahrung hilft er uns sofort weiter.“ Der Rückkehrer wird an diesem Donnerstag in Bern, dem Spielort der Deutschen, zu seinen weniger berühmten Mitstreitern stoßen. Die überzeugten am Samstag und gewannen ein Testspiel gegen Dänemark 7:2.

Große Zeit sich einzugewöhnen bleibt Jochen Hecht nicht. Am nächsten Freitag beginnt die WM mit einer denkbar schwierigen Prüfung: der Partie gegen Weltmeister Russland. Hechts Comeback im Kreis der Nationalmannschaft betrachten beide Seiten als Win-Win-Situation: Ihm selbst bieten die Auftritte auf internationaler Bühne die Möglichkeit, zum Ende einer verkorksten Runde ein paar persönliche Erfolgserlebnisse zu sammeln „und mit einem guten Gefühl in die Sommerpause zu gehen“. Seine jungen Nebenleute sollen von der Torgefährlichkeit, der läuferischen Stärke und der Cleverness des „echten Leaders“ (Krupp) profitieren.

„Wir sind mit Jochen Hecht eindeutig besser als ohne Jochen Hecht“

Hecht, der sich schon als Jugendlicher während der Ausbildung beim Mannheimer ERC den Ruf erwarb, am Puck ein Alleskönner zu sein, behauptet sich seit 1998 im umkämpften Haifischbecken NHL. Seine deutsche Wertarbeit war den Sabres bei der Vertragsverlängerung bis 2012 umgerechnet 11,5 Millionen Euro wert. „Er wird viel für uns bewegen“, sagte Krupp über seinen Center für die ersten Sturmreihen. Für den DEB, der im kommenden Jahr als Veranstalter der WM in Gelsenkirchen, Köln und Mannheim gesetzt ist und deswegen diesmal nicht absteigen kann, sind mit der Nominierung Hechts die Chancen auf ein erfreuliches Abschneiden in der Gruppe B gestiegen.

In den Begegnungen mit der Schweiz und Frankreich fällt die Entscheidung über Wohl und Wehe bei diesem Elite-Treffen. Das Erreichen der Zwischenrunde wäre ein Erfolg, ein Vordringen ins Viertelfinale käme einer Überraschung gleich, mit der nach der Qualifikation für Olympia in Vancouver der positive Trend des Nationalteams fortgeschrieben würde. Krupp geht die Aufgabe zuversichtlich an: „Schließlich sind wir mit Jochen Hecht eindeutig besser als ohne Jochen Hecht.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1