14.03.2005 · Radprofi Jens Voigt im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den militärischen Drill beim Team CSC, Jan Ullrichs neuen Gegner und den Traum vom Eisbein.
Radprofi Jens Voigt im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den militärischen Drill beim Team CSC, Jan Ullrichs neuen Gegner und den Traum vom Eisbein.
Sind Sie über sich selbst erstaunt wegen Ihrer Frühform?
Ich war eigentlich immer recht früh in guter Form. Ich funktioniere einfach über die Moral. Und Moral kriegt man natürlich durch ein frühes Resultat - einfach, daß man sieht, das Wintertraining hat sich ausgezahlt. Ich bevorzuge es, im Winter viel zu trainieren. Weil die Alten sagen immer: Der Rennfahrer wird im Winter gemacht.
Waren Sie dazu, wie viele Ihrer Kollegen, in südlichen Gefilden?
Ich bin da ganz traditionell: Ich bleibe zu Hause. Ich habe alles in Berlin gemacht. Ich bin eigentlich in diesem Winter ausschließlich Mountainbike gefahren. Die Form ist stabil, die hält eine Weile. Ich bin 33, da hat man sowieso ein bißchen mehr Stehvermögen, als wenn man 21 ist.
Nun haben Sie nicht nur die Mittelmeer-Rundfahrt gewonnen, sondern auch den Prolog von Paris-Nizza zum Start der ProTour. Was halten Sie von dieser neuen Wettbewerbsserie?
Das ist viel, viel Neuland. Dieses Jahr wird sicherlich nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" ablaufen. Ich habe den Eindruck: Der Internationale Radsportverband weiß, wohin er will. Aber er weiß nicht, wie er dahin kommt. Das Ziel ist vorgegeben, aber der Weg ist noch sehr nebulös.
Der Profiradsport soll ja durch die ProTour ein Stück attraktiver werden. Ist diese Reform ein probates Mittel?
Ich persönlich glaube es nicht. Ich sah auch nicht wirklich einen Grund, den Radsport so zu revolutionieren. Er funktionierte doch. Aber vielleicht sehe ich auch das große Bild nicht. Für mich als Rennfahrer ändert sich jedenfalls gar nichts.
Halten Sie es für gerechtfertigt, daß der Schweizer Rennstall Phonak trotz seiner Dopingfälle doch noch eine ProTour-Lizenz erhalten hat?
Es wäre sicherlich schade, so einen engagierten und potenten Sponsor zu verlieren. Es sieht auch so aus, als ob durch das alte Management, das rigoros aussortiert wurde, jahrelang ein faules Spiel mit ihm getrieben worden wäre. Phonak hat ja jetzt auch signalisiert: Wir wollen alles richtig machen. Man sollte ihnen die Chance geben.
Glauben Sie, daß die ProTour, die auch der Ethik-Charta im Radsport eine größere Bedeutung geben soll, dazu beitragen kann, daß die Branche sauberer wird?
Sicherlich. In meinen Augen wird der Radsport sowieso jedes Jahr sauberer. Er tut mehr als viele andere Sportarten. Ich denke schon, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Wenn jetzt auch große Namen aussortiert werden, sehen die Sportler: Das ist kein Kavaliersdelikt, wir können das nicht machen. Das ist ein Zeichen, daß keiner mehr davonkommt. Selbst die Leute, die glauben, besonders schlau zu sein.
Mögen Sie es eigentlich gerne, wenn man Sie als "Krieger" im Sattel bezeichnet, wie es etwa Ihr Teamchef Bjarne Riis getan hat?
Natürlich. Im Radsport ist schließlich Verlieren wie Sterben.
Die Einschätzung bezieht sich vor allem auf Ihre ausgeprägte Angriffslust, nicht zuletzt bei der Tour de France.
Ich mag es einfach, gegen alle Wahrscheinlichkeiten zu fahren.
Allerdings sind Sie dafür von Riis im vergangenen Jahr auch schon mal kritisiert worden bei der Tour.
Das war am Tag vor einem Mannschaftszeitfahren, als er meinte, ich hätte lieber ein bißchen Kräfte sparen sollen. Aber ich war damals in Reichweite des Gelben Trikots. Wenn ich ein, zwei Bonussprints gewonnen hätte, hätte ich das Trikot geholt.
Werden Sie Ihre Strategie beibehalten - oder jetzt doch modifizieren?
Wir müssen irgendwie einiges ändern. Mir schien es im letzten Jahr so, daß die Leute mich aus Prinzip nicht mehr richtig wegfahren lassen wollten. Es ist vielleicht besser, eine Attacke ganz am Ende zu fahren und so vielleicht die Etappe zu gewinnen.
Der Profi Voigt wird also nun überlegter handeln.
Es ist immer noch besser, unspektakulär zu gewinnen, als spektakulär zu sterben.
Was schätzen Sie an Riis und dem Team CSC besonders?
Bei uns ist Innovation das große Thema. Wir wollen, Zitat Riis, das beste Team der Welt werden. Und da muß man auch mal andere Wege beschreiten.
Zum Beispiel in ein Militärcamp einrücken.
Wir sind marschiert, haben Brücken gebaut, sind im Panzerspähwagen gefahren, haben eine Geiselbefreiung machen und mit Gummibooten rudern müssen. Im Prinzip ging es darum, uns müde und kaputt zu machen. In 48 Stunden haben wir nur zweimal drei Stunden geschlafen. Wer müde und kaputt ist, zeigt sein wahres Gesicht, seinen wahren Charakter. Du erkennst: Der knickt ein unter Druck, der kann noch Kommandos geben, der ist ein Mitläufer, der wird zänkisch.
Zu welcher Kategorie zählten Sie?
Mir wurde gesagt: Du bist gut für die Moral einer Gemeinschaft. Weil ich auch unter Belastung freundlich bleibe. Ich denke schon, daß ich mich gut geschlagen habe.
Wäre eine solche Übung, auch ein Umfeld wie das bei CSC auch für einen Mann wie Jan Ullrich mal empfehlenswert?
Auf jeden Fall. Es ist zwar nicht einfach, aus einer kleinen, geschützten Blase auszubrechen. Aber wenn man in einem eingefahrenen Gleis ist, geht es langsam, aber stetig bergab. Wenn Ullrich im Jahr 2003 wirklich zu Bjarne gegangen wäre, hätte er die Tour gewonnen - oder Bjarne und er hätten im März oder April schon hingeschmissen: Wir passen nicht zusammen, das wird nichts.
Haben Sie, die Tour betreffend, noch Vertrauen in Ullrich?
Natürlich. Man muß ja sagen, wenn er nicht das Pech hätte, daß es in seiner Epoche gerade den alle überragenden Lance Armstrong gibt, wäre Ullrich der König der Welt. Dann hätte er inzwischen vier-, fünfmal die Tour gewonnen. Und alle hätten gesagt: So wie Ullrich mußt du es machen. Ich glaube nach wie vor, daß Ullrich den größten Motor hat, er hat es noch in sich. Aber Lance ist der entschlossenere Fahrer.
Und dadurch auch in diesem Jahr wieder übermächtig?
Ich bin einer der wenigen, die behaupten: Lance muß keine Tour de France mehr fahren. Er kann wenig gewinnen, aber viel verlieren.
Das stellt Armstrong selbst aber mit seiner neuen Mannschaft Discovery Channel anders dar.
Er hat die Tour sechsmal gewonnen, er steht ganz alleine auf dem Olymp des Radsports. Er kann jetzt nur noch verlieren. Das Gesetz der Serie spricht einfach gegen ihn. Ich denke mal, er will es nicht riskieren. Vielleicht will er noch mal Weltmeister werden.
Nach Ihrer Auffassung wäre diesmal also die Bühne für Ullrich bereitet?
Nein, wir haben ja Ivan Basso. Da wird Ullrich Pech haben, daß er dieses Jahr Ivan als Gegner hat - hoffe ich.
Ihr Vertrag mit CSC läuft noch bis 2006 - der letzte Kontrakt als Radprofi?
Nein, Quatsch. Mein Ziel ist, bis 36 zu fahren. Ich bin noch motiviert, nicht ausgebrannt.
Träumen Sie immer noch davon, nach Ihrer sportlichen Laufbahn ein Literatur-Cafe zu eröffnen?
Es wird leider nicht gehen, weil damit eine Familie nicht zu ernähren ist. Obwohl es meine Lieblingsidee ist. Ich wäre mein bester Kunde. Ich würde den ganzen Tag Bücher lesen und Kaffee trinken. Denn Action, Stress, Verantwortung und Adrenalin habe ich genug gehabt in meiner Karriere. Danach möchte ich gerne fünf Schritte zurückgehen in Sachen Druck und Stress dafür zehn Schritte in Lebensqualität gewinnen. Das heißt auch mal Eisbein essen, wenn ich möchte.