18.03.2010 · Nach Platz sechs bei Paris-Nizza fühlt sich Jens Voigt gewappnet für einen 13. Tour-Start. Seinen schweren Sturz vom vergangenen Jahr sieht er als „Blutzoll“ an den Sport. Ans Aufhören denkt er auch mit 38 Jahren nicht.
Von Rainer SeeleFManchmal kokettiert Jens Voigt mit seinem Alter, was eigentlich nicht verwundern kann bei einem Mann, der 38 Jahre alt ist und immer noch unverdrossen auf dem Rennrad sitzt. Seine jüngeren Kollegen bekommen dann schon mal zu hören, dass er sich morgens das Moos vom Rücken kratzen müsse, das dort über Nacht gewachsen sei. Solche Sätze gehören zur bisweilen derben Sprache des Radsports, der Velo-Veteran Voigt kennt sich natürlich damit aus. Aber Voigt sagt auch, dass er noch gar nicht wisse, wann er aufhöre. Mit 40 vielleicht? „Keine Ahnung.“
Es wäre auf alle Fälle ein sehr großer Schritt, für ihn selbst, für seine Ehefrau und für die fünf Kinder. Seine Gattin hatte ihn als Radrennfahrer kennengelernt, und für sie ist ihr Mann immer noch fest verwachsen mit diesem Beruf, sie hat ihm das deutlich gesagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du eines Tages mit der Aktentasche aus dem Haus gehst.“ Voigt befindet sich nun zwar im Schlussbogen seiner Laufbahn, aber er redet über den Radsport, als würde er ihm noch jahrelang verbunden bleiben. Jedenfalls hat er noch gewisse Pläne, zum Beispiel würde er gerne ein weiteres Mal an der Tour de France teilnehmen, es wäre sein 13. Tour-Start.
Der Berliner Voigt ist so etwas wie ein Evergreen im Radsport, und er mischt - obwohl er in die Jahre gekommen ist - immer noch munter mit. Vor kurzem wurde er Sechster bei Paris-Nizza, er hatte bei diesem Rennen sogar vorübergehend das Trikot des Führenden getragen. Voigt fühlt sich somit gewappnet für die Frühjahrssaison. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt der Profi vom dänischen Team Saxo Bank, „die Moral ist gut.“
Voigt wird demnächst in Spanien antreten und danach bei den Klassikern in den Ardennen; das ist sein Terrain - im Gegensatz zu Mailand-San Remo, das am kommenden Samstag stattfindet. Es sind wichtige Etappen auf dem Weg zum großen Ziel, zur Tour im Juli, die in diesem Jahr in Rotterdam beginnt. Voigt steht im vorläufigen Aufgebot des Rennstalls von Bjarne Riis, er rechnet fest mit einer endgültigen Nominierung. Voigt ist ja überzeugt von sich und seinen Qualitäten, er behauptet: „Zuverlässigkeit ist meine Stärke. Wenn ich gebraucht werde, bin ich da.“
„Ich bin ein sorgfältiger Abfahrer“
Ihn kann noch nicht mal der fürchterliche Sturz vom Vorjahr abschrecken, bei dem er sich schwere Verletzungen zugezogen hatte: Gehirnerschütterung, Jochbeinbruch, Fraktur in der Kieferhöhle. Voigt war auf der Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard wegen einer Bodenwelle zu Fall gekommen, bei einer Geschwindigkeit von etwa 80 Kilometer pro Stunde. Der Helm hatte ihn vermutlich vor noch Schlimmerem bewahrt; er habe, sagt Voigt, der mehrmals operiert werden musste, „riesiges Glück“ gehabt. Der Tour de France, bei der er sich als Ausreißer einen Namen gemacht hat, mag der Berliner trotzdem nicht den Rücken kehren. „Ich möchte“, betont er, „meine letzte Tour schon gerne mit einer Ehrenrunde auf den Champs-Élysées abschließen“.
Das Unglück von 2009 scheint somit keine weiteren Folgen zu haben. „Ich habe es abgehakt“, sagt Voigt, und er erzählt, dass er dies nach den Regeln der „alten Schule“ geschafft habe, ohne die Hilfe beispielsweise eines Psychologen. Über eine solche Sache mit einem Experten zu reden, dabei womöglich noch die Hand eines anderen zu halten, und all das vielleicht untermalt von „sanfter Tantramusik“ - „das war nie meine Stärke“, sagt Voigt, der sich gerne als Kämpfer geriert. Er glaubt ja auch, dass das Risiko auf dem Rad kalkulierbar sei, selbst bei hohem Tempo. „Ich bin kein Stuntman“, sagt Voigt, „ich bin ein sorgfältiger Abfahrer. Ich versuche, mich aus Ärger, Problemen und Stress rauszuhalten.“
Ein schwerer Treffer
Das war ihm im vergangenen Juli nicht gelungen, allerdings soll das, so stellt der Berliner es jedenfalls dar, die große Ausnahme gewesen sein. Er spricht von einem schweren Treffer, „den du vielleicht einmal in deiner Karriere hast“. Der Blick richtet sich deswegen nach vorne, eindeutig: „Ich habe“, sagt der vermeintlich furchtlose Radrennfahrer Voigt, „meinen Blutzoll bezahlt.“
So dreht das Rad sich für ihn also weiter, und dass er mit 38 immer noch konkurrenzfähig sei, so Voigt, dass er von den Jungen weiterhin nicht lachend abgehängt werde, sei einfach zu erklären. „Das ist kein Glück, kein Zufall“, sagt Voigt. Das soll vielmehr vor allem mit Härte und Trainingsdisziplin zu tun haben, der Berliner sieht darin zwei seiner herausragenden Eigenschaften. „Das hat noch nicht jeder der Jungen so verinnerlicht wie ich.“
Natürlich sind diese Merkmale auch Lance Armstrong zu eigen, wahrscheinlich sind sie bei ihm sogar ausgeprägter als bei Voigt, der einen Tag älter ist als der Amerikaner. Im Vorjahr, als Voigt in Frankreich zu Boden ging, war der Rückkehrer Armstrong Dritter bei der Tour geworden hinter dem Spanier Alberto Contador und dem Luxemburger Andy Schleck, der wie Voigt bei Riis unter Vertrag steht. Diese drei Profis erwartet Voigt auch 2010 auf dem Podium in Paris, auf die Reihenfolge jedoch mag er sich nicht festlegen.
Armstrong allerdings hat ihn in dieser Saison schon beeindruckt. „Er sieht einfach schlanker aus.“ Und er bewege sich im Feld eleganter und sicherer als im Jahr seines Comebacks. Die alte Routine, sagt Voigt, sei zurückgekehrt. Er selbst wird ja auch wieder von seiner beträchtlichen Erfahrung zehren - er ist dennoch froh, nicht wieder den Ort des Schreckens passieren zu müssen: Die Tour 2010 meidet den Kleinen Sankt Bernhard. Das, sagt der Kämpe Voigt, sei ein erleichterndes Gefühl.