23.08.2010 · Eine tragische Figur und ein kranker Mann: Jan Ullrich, einst als Tour-Sieger vergöttert, dann als mutmaßlicher Doper gejagt, lebt wie ein Einsiedler. Anfällig für Süchte und Verlockungen, steht der frühere Superstar am Rande der Selbstzerstörung.
Von Michael EderEine Kindheit in der DDR: Jan Ullrich wächst in der Nähe von Rostock auf. Mit neun gewinnt er sein erstes Radrennen. Ein Jahr später verlässt der Vater, ein gewalttätiger Trinker, die Familie. Mit dreizehn kommt das große Radtalent in die Kinder- und Jugendsportschule nach Berlin, wird DDR-Jugendmeister. Dann fällt die Mauer.
1992 holt ihn der Hamburger Gebrauchtwagenhändler Wolfgang Strohband in sein Rad-Team, mit 19 wird er Amateur-Weltmeister, anderthalb Jahre später, am 1. Januar 1995, wird er Profi im Team Telekom. Er hat die harte DDR-Schule hinter sich und radelt im Westen zu den Sternen. Als er 1997 als erster Deutscher die Tour de France gewinnt, ist er im Himmel, die Nation überschlägt sich, ein Held ist geboren.
Heute, 13 Jahre später, ist Jan Ullrich ein Gejagter, ein Versteckter. Mit 36 Jahren führt er in der Schweiz das Leben eines Einsiedlers, er lebt fern der Realität, aus dem Helden ist eine tragische Figur geworden und ein kranker Mann. In der vergangenen Woche ließ Ullrich über seine Internetseite wissen, dass er sich wegen eines Burn-Out-Syndroms in eine langwierige Behandlung begeben müsse. Der Held von einst steht am Rande der Selbstzerstörung. Wie konnte es so weit kommen?
Hofiert wie ein König, gefühlt wie ein König
Ein Blick zurück: Nach seinem Triumph bei der Tour 1997 hatte Ullrich einen Status erreicht wie nur wenige deutsche Sportler vor ihm. Alle lagen ihm zu Füßen, Wirtschaftsführer wie Ron Sommer, Politiker wie Rudolf Scharping, Medien wie die ARD, die ihm fast 800 000 Euro nur dafür bezahlte, dass er ab und zu ein paar Sätze ins Mikrofon sagte.
Das ganze Land war ein einziger Ullrich-Fanklub. Er war der Liebling der Nation, hatte seinen eigenen Trainer, seinen eigenen Mechaniker, seinen eigenen Betreuer, seine eigene Masseurin. Ullrich wurde hofiert wie ein König, und er begann sich zu fühlen wie ein König. Der Junge aus der Jugendsportschule hatte es geschafft, er war im Schlaraffenland angekommen, in einer Welt der Schulterklopfer.
Er begann sich jede Freiheit zu nehmen. Es gab niemanden mehr, der es gewagt hätte, Disziplin einzufordern. War er in der Öffentlichkeit zurückhaltend, fast schüchtern, so spielte er in der Telekom-Welt seine Sonderstellung selbstbewusst aus. Wenn er mit zehn Kilogramm Übergewicht aus dem Winter kam, wurde das weggelächelt, ja der Ulle, hieß es dann, der lässt es sich halt gern mal gutgehen mit einem Stück Torte, und er setzt halt schnell an, aber genauso schnell sind die Pfunde ja wieder weg. Während andere Radprofis auch nach der Saison streng auf ihren Körper achten und gegen jedes Gramm Fett kämpfen, ließ sich Ullrich gehen. Manchmal, erzählt ein Kollege von damals, habe Ullrich ein Glas Nutella in die Mikrowelle gestellt und dann die Brühe einfach ausgetrunken.
Großzügig war Ullrich - nicht nur was das Geld betraf
Ullrich ist anfällig gewesen für Süchte, für Verlockungen, die das Leben leichter machen oder ein bisschen Spaß versprechen. 2002 wurde er mit Amphetamin im Blut erwischt und für sechs Monate gesperrt. Er habe - so die offizielle Version - auf der Toilette einer Münchner Diskothek von einem Fremden zwei Ecstasytabletten angenommen. Ob er die synthetische Droge tatsächlich „nur mal ausprobierte“, wie er vorgab, oder ob er Amphetamin, wie in der Rennszene beliebt, als Appetitzügler einsetzte? Beides charakterisierte ihn gleichermaßen. Es war eine Verlockung, der er erlag.
Leben und leben lassen. Ullrich war großzügig - was das Geld betraf, das er im Übermaß verdiente, aber auch sonst. Man wird keinen Mitfahrer von damals finden, der nicht von ihm schwärmte. Er behandelte jeden korrekt, kehrte nie den Boss heraus, setzte niemanden unter Druck, er war ein freundlicher Chef, der zur Not die Drecksarbeit selbst machte, wenn die anderen zu schwach dafür waren.
„Er darf nicht sich selbst überlassen werden“
Ullrich konnte im Sommer ungeheuere Leistungen bringen, er war das größte Talent, das der Radsport seit Eddy Merckx hervorgebracht hatte, aber er konnte im Winter auch wochenlang dem Nichtstun frönen. Er war beides: Hochleistungssportler und Müßiggänger.
Es ist lange gutgegangen. Ullrich kam Jahr für Jahr dick aus dem Winter zurück und speckte mit Gewaltkuren ab. Auch der Rotwein, den er in erstaunlicher Menge trank, konnte ihm nichts anhaben. „Wie er manchmal mit Übergewicht und Kater gefahren ist, das war unglaublich, das schafften andere toptrainiert nicht“, sagt einer der Wegbegleiter von einst.
„Er darf nicht sich selbst überlassen werden“, sagte sein früherer Trainer Peter Becker einmal, „und auch nicht sogenannten Freunden, sie könnten bewirken, dass er zum Alkoholiker wird.“ In seiner Biographie, die ihm der damalige ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf 2004 schrieb, ließ Ullrich tief ins Glas blicken: „Als wir später zahlten, standen drei Flaschen Rotwein auf der Rechnung. Getrunken hatte ich sie fast allein.“ Und als er 2002 unter Alkoholeinfluss einen Autounfall verursachte, forderte seine damalige Lebensgefährtin Gaby: „Mit dem Alkohol muss Schluss sein, davon habe ich die Schnauze voll.“ Drei Jahre später trennten sich die beiden.
Jan Ullrich hat wegen der Berichterstattung der F.A.S. und der Reaktion verschiedener Medien auf diese Berichterstattung auf seiner Homepage www.janullrich.de mitgeteilt, er leide nicht an einem Alkoholproblem (siehe: Alkoholprobleme: Jan Ullrich wehrt sich).
„Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich“
Das Team Telekom war 1991 ins Rennen gegangen, zwei Jahre zuvor hatte die Szene Epo entdeckt, und aus manch durchschnittlichem Rennfahrer war eine Tretmaschine geworden. Als Ullrich 1995 in den Profizirkus kam, war dies immer noch die Zeit ungehemmten Epo-Dopings. Seinem Kapitän, dem Extrem-Doper Bjarne Riis, überließ er 1996 noch den Tour-Sieg, obwohl er da schon stärker war. 1997 gewann Ullrich die Tour, 1998 verlor er sie gegen den einen anderen Extrem-Doper, Marco Pantani, 1999 dann, als die texanische Renn-Maschine Lance Armstrong heranrollte, fehlte er verletzt.
Ullrich trieb nicht purer Ehrgeiz, er war auch mit einem zweiten Platz zufrieden. Aber nach seinem Tour-Triumph 1997 wollte die Nation mehr. Sie wollte Siege sehen, doch plötzlich radelte Armstrong mit, unschlagbar. „Wir waren keine Idioten“, sagt Rudy Pevenage, Ullrichs Betreuer von damals. „Wir kannten Armstrong vor seiner Krebserkrankung. Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich. Wir haben schnell begriffen, dass es keine Wahl gibt.“ Der Belgier spricht es nicht aus, aber es ist klar, was er meint. Dass Ullrich beim Blutaufbereiter Fuentes in Madrid nur Chancengleichheit mit Armstrong suchte. Das ist die Logik aller Doper: Ich mache es, weil es die anderen machen!
Wer sonst bekommt so viel Aufmerksamkeit?
Für die Ermittlungen gegen Ullrich im Zusammenhang mit dem Fuentes-Skandal war die Abteilung „Schwere und Organisierte Kriminalität“ des Bundeskriminalamtes zuständig, die mit unglaublichem Aufwand anderthalb Jahre im In- und Ausland fahndete und ihre Ergebnisse schließlich auf 2219 Seiten zusammentrug. Wer sonst bekommt so viel Aufmerksamkeit von Seiten der Ermittler? Serienmörder? Kriegsverbrecher? All das ist Ullrich nicht, er ist nur ein ehemals großer Sportler, der „das Dopingsystem des spanischen Arztes Dr. Fuentes nutzte“, wie es in den Akten des BKA heißt.
Obwohl die Beweislage klar ist, streitet Ullrich alles ab. Und obwohl die Staatsanwaltschaft das Verfahren trotz der eindeutigen BKA-Erkenntnisse gegen Zahlung von 250.000 Euro einstellte, bröckelt Ullrichs Fassade immer weiter. Der Heidelberger Molekularbiologe und passionierte Doping-Jäger Werner Franke hat am Hamburger Landgericht gerade ein Verfahren gewonnen und darf weiterhin behaupten, Ullrich habe 35.000 Euro zur Anschaffung von Doping-Mitteln an Fuentes bezahlt. Weil Ullrich dies zuvor an Eides Statt bestritten hatte, fordert Franke nun die Aufnahme eines Strafverfahrens wegen falscher eidesstattlicher Versicherung.
„In einem Feld ohne Doping hätte Ullrich alle geschlagen“
An Ullrichs Verbindung zu Fuentes lassen die BKA-Ermittlungen keinen Zweifel. Ob er schon früher zu Renn-Beschleunigern gegriffen hat? Nur Phantasten können glauben, dass das flächendeckende Doping-System im Telekom-Team ausgerechnet den Kapitän nicht erfasst haben könnte. Beweise dafür gibt es nicht. Aber Indizien. Jef D'hont, der ehemalige Masseur, der in seinen Memoiren über die systematische Verabreichung von Epo und Wachstumshormon bei Telekom in den neunziger Jahren berichtete und damit Fahrer wie Bert Dietz, Udo Bölts, Christian Henn, Rolf Aldag und Erik Zabel zu Geständnissen bewog, bezichtigte zwar auch Ullrich des Dopings, ließ aber keinen Zweifel an dessen sportlicher Ausnahmestellung: „In einem Feld ohne Doping hätte Ullrich alle geschlagen, und das über Jahre.“
Ullrich leugnet, er ist stur, aber er ist kein Mann der Konfrontation, sein Reflex ist Rückzug, und so ist die Schweiz für ihn zum Fluchtort geworden. Von allen guten und schlechten Geistern verlassen lebt Ullrich mit seiner zweiten Frau Sara und Sohn Max im Exil. Er lässt sich von Juristen in die Isolation hinein beraten, und das Verrückte ist: Er fühlt sich im Recht. „Bei uns steht man nicht hinter den Leuten, die viel fürs Land getan haben“, klagte er in einem seiner raren Interviews. Ullrich empfindet die Behandlung durch Medien, Gerichte und Öffentlichkeit als zutiefst ungerecht. Als Armstrong im vergangenen Jahr zum Comeback sattelte, sagte Ullrich, er hätte dies niemals getan: „Für kein Geld der Welt würde ich wieder in die Hölle zurückgehen.“
Sie jagen ihn, hetzen ihn vor sich her
Es sind vier Worte, in denen sich alle seine Fragen verstecken: „Ich habe niemanden betrogen“ - das ist Ullrichs Kernsatz. Soll heißen: Wie soll ich in einem System, in dem alle dopen, durch Dopen jemanden betrogen haben? Warum macht ihr mich erst zum König und dann zum Verbrecher? Warum jagt ihr nur mich, warum fahren so viele andere noch? Und warum nur die Radfahrer? Meint ihr, dass es im Schwimmen besser ist, im Gewichtheben, im Rudern, in der Leichtathletik, überall? Warum ich?
Die Antwort ist einfach. Weil die Verherrlichungskultur von damals übergangslos in eine Empörungskultur umgeschlagen ist, und weil beide maßlos sind, hysterisch. Ullrich war als Nationalheld ein Symbol, und auch heute noch ist er ein Symbol: als Betrüger, als Sündenbock für alle.
Sie jagen ihn, hetzen ihn vor sich her. Und er verrennt sich immer weiter in seiner kleinen irrealen Welt. Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels, es ist kein Ausweg in Sicht.