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Jan Ullrich tritt zurück Das Rennen ist vorbei

 ·  Jan Ullrich war viele Sommer lang der Schrittmacher des deutschen Radsports. Nun hört er auf und wird Berater eines zweitklassigen Teams in Österreich. Einen 45-minütigen Monolog nutzte er zu einer Generalabrechnung - das Wort „Doping“ nahm er nicht in den Mund. Von Rainer Seele.

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Auftritt Jan Ullrich, elf Uhr. Pünktlich erscheint der einstige Radstar, um zu verkünden, was erwartet worden ist: Rücktritt als Profi, das Rennen ist vorbei, endgültig. Ullrich sitzt auf einem Podium im Ballsaal eines Hamburger Hotels, es ist ein trister, ein regnerischer Tag. Hinter ihm ist ein großes Bild zu sehen: Ullrich im Gelben Trikot von 1997, ein lachender, ein strahlender Held. Gelb, eine Farbe, die lange sein Leben, sein Streben bestimmte. Doch in der Gegenwart dominieren dunklere Töne.

Ullrich trägt am Montag blaue Jeans, ein graues Jackett. Er redet lange, fast 45 Minuten, eine halbe Stunde sollte ursprünglich sein Vortrag dauern. Vor ihm liegt eine Sammlung von Blättern, manchmal liest Ullrich von ihnen ab, bisweilen spricht er frei mit Blick in das Auditorium. Mitunter verhaspelt er sich, aber der Rostocker war ja noch nie ein großer Redner. Immerhin, Ullrich wirkt in der Stunde des Abschieds gefestigt, er geht in die Offensive - mit harschen Attacken gegen seine Kritiker.

„Ich habe mir nichts vorzuwerfen“

Aber er weicht auch aus: Der Verdächtigte umgeht das Wort Doping, sehr bewusst offensichtlich. Er sagt auch nicht explizit, dass er unschuldig sei. Er behauptet nur lapidar: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Niemanden habe er betrogen, niemanden geschädigt, sagt Ullrich, der im vergangenen Jahr vor der Tour de France von seinem Rennstall T-Mobile suspendiert wurde. Später erhielt er die Kündigung von den Bonnern, weil er in das spanische Dopingnetzwerk um den Arzt Eufemiano Fuentes verstrickt sein soll.

Video: Ullrich steigt für immer aus dem Sattel

Am Montagmittag flankiert ihn nur ein Mann, sein PR-Berater. Doch Ullrich legt Wert auf die Feststellung, dass ihm seine Stellungnahme nicht diktiert worden sei. Er betont: „Das sind meine Gedanken, meine Gefühle.“ Nach der Hälfte seiner Ausführungen erklärt er offiziell seinen Rückzug, sein Ende jedenfalls als Profi. Obwohl er doch fit sei, wie er beteuert. Obwohl er doch Angebote von sieben Mannschaften habe, darunter ProTour-Teams. „Ich könnte sofort eine Lizenz haben“, sagt Ullrich. Aber am großen Rad möchte er nicht mehr drehen, und vielleicht hätte er dies - trotz der angeblichen Offerten - auch nicht mehr machen können. Die Anschuldigungen gegen ihn wiegen schließlich schwer, die Ermittlungen laufen weiter, ungeachtet seiner Demission.

Viele Jahre Schrittmacher des deutschen Radsports

„Jetzt weiß ich, was ich will“, sagt Ullrich in Hamburg. Er will dabei einer inneren Stimme gefolgt sein. Schluss mit der Strampelei, die ohnehin seit längerem nicht mehr sein Dasein bestimmt. Seit Juni 2006 bestritt Ullrich, der Tour-Sieger von 1997, kein Rennen mehr. Dem Radsport möchte er jedoch weiterhin verbunden bleiben, „ohne ihn kann ich nicht leben“. Er spricht von Liebe, von Leidenschaft, und scheint es tatsächlich ernst zu meinen.

Der Raum, in dem er sich offenbart, ohne allzu viel zu sagen, ist dekoriert mit einigen Rennrädern; seit einiger Zeit lässt Ullrich solche Maschinen unter seinem Namen entwerfen. Der Saal ist auch mit einigen Trikots geschmückt, die seine Laufbahn prägten. Weltmeister, Olympiasieger, der Tour-Triumph: Ullrich ist Schrittmacher für den deutschen Radsport gewesen, er hat viele Sommer lang die Nation bewegt, er hat Hoffnungen erfüllt - und auch enttäuscht.

„Wo ist das belastende Material“

Jetzt wird er sich einer kleinen Equipe anschließen, dem österreichischen Team Volksbank. Ihm möchte Ullrich, der in der Schweiz lebt, künftig helfen. Als „Berater, Repräsentant, Werbeträger“, wie er sagt. Dazu soll er sich um den Nachwuchs kümmern, er selbst betrachtet das als eine Verpflichtung. Ullrich, 33 Jahre alt, skizziert seine Zukunft sehr engagiert - obwohl das Betätigungsfeld beim zweitklassigen Team Volksbank doch nicht sehr scharf konturiert zu sein scheint.

Bevor er das Morgen beschreibt, beschäftigt sich Ullrich mit dem Gestern, ohne die Affäre, die den Radsport schwer erschütterte, wirklich zu erhellen. Er geriert sich als Verfolgter, beklagt eine Vorverurteilung. Sein Startverbot bei der Tour 2006 hat er als eine „absolute Überreaktion“ empfunden. Doch Ullrich greift auch den Internationalen Radsportverband an, dem er vorwirft, die „Drecksarbeit“ auf die Landesverbände abzuschieben. Er zieht über die spanischen Behörden her: „Da geht es auch nur drunter und drüber.“ Er beschwert sich über den für ihn zuständigen Schweizer Radsportverband, der den Eindruck erwecke, er verfüge über belastendes Material. „Wo ist es?“, fragt Ullrich keck. Niemand habe sich bei ihm gemeldet, sagt er, „ich konnte mich nicht äußern, das finde ich echt total schwach.“

Grundsätzlich zur Kooperation bereit

Angeblich hat er nichts dagegen, dass Blut, das ihm zugeordnet wird, von Spanien zur Überprüfung nach Deutschland gebracht wird - seine Anwälte haben trotzdem Einspruch gegen ein Rechtshilfeersuchen der deutschen Justiz eingelegt. Er sei ja grundsätzlich zur Kooperation bereit - und führt als Beleg an, dass er Anfang Februar in Konstanz eine DNA-Probe abgegeben hat.

So ungerecht behandelt wähnt sich Ullrich offenbar, dass er vehement auch gegen Teile der Medien vorgeht und von „schwarzen Schafen“ spricht; dass er die Rechtswissenschaftlerin Britta Bannenberg, die bei der Bonner Staatsanwaltschaft Anzeige gegen ihn erstattete, den Anti-Doping-Experten Werner Franke und auch Rudolf Scharping, den Präsidenten des Bundes Deutschen Radfahrer, bezichtigt, sich auf seine Kosten selbst darstellen zu wollen.

„Glücklicher, gesunder Mann“

Vor allem mit Scharping, der einst häufig in der Nähe Ullrichs zu finden war und sich nun deutlich von dem früheren Radsportheros distanziert, geht Ullrich hart ins Gericht. Er sei früher einer der größten Schulterklopfer gewesen, sagt Ullrich süffisant über den ehemaligen Verteidigungsminister. Jetzt zählt er Scharping zu einem Kreis von Personen, „der dem Radsport nicht guttut. Vielleicht sieht Scharping mal ein, dass er für den Radsport arbeiten soll und nicht gegen ihn.“ Ullrich möchte - trotz seines Rundumschlags - nicht verbittert erscheinen, er hebt dies am Montag hervor.

Der Schritt, den er in Hamburg vollzieht, scheint tatsächlich befreiend für ihn zu sein, ein bisschen zumindest. „Vor euch sitzt“, sagt er zum Schluss, „ein glücklicher, gesunder Mann. Für mich fängt das Leben erst richtig an.“ Ullrich schart dann seine Frau, Verwandte, Bekannte und Freunde um sich und geht. Von der Vergangenheit, das dürfte er wissen, hat er sich mit dem Hamburger Monolog kaum gelöst

Auszüge aus Jan Ullrichs Rücktrittserklärung:

„Der Ausschluss von der Tour de France am 30. Juni 2006 war wie ein böser Traum. Es war ein Riesenschock, den ich bis heute nicht ganz verdaut habe. Ich verstehe ihn bis heute nicht.“

„Fakt ist, es gibt kein Verfahren gegen mich. In Spanien geht es drunter und drüber, da ist so viel Sch... gelaufen. Die UCI (Weltverband) hat den Bericht illegal erlangt, er wurde mehrmals verfälscht.“

„Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe in meiner Karriere keinen betrogen.“

„Diese Halb-Experten haben hundertprozentige Lügengeschichten über mich verbreitet, um meine Popularität zu zerstören.“

„Rudolf Scharping war einer der größten Schulterklopfer. Jetzt ist er vom Verteidigungsminister abgestiegen zum BDR-Präsidenten, das ist wahnsinnig schlecht für den Radsport.“

„Ich bin nicht verbittert. Ich weiß, was mich glücklich macht und bleibe dem Radsport erhalten. Mein Leben fängt erst richtig an.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa/sid
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