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Jan Ullrich Seine letzte Etappe

26.02.2007 ·  Um 11 Uhr an diesem Morgen wird Jan Ullrich in einem Hamburger Hotel wohl seinen Abschied vom aktiven Radsport verkünden. Alles andere käme überraschend. Endet der deutsche Radsportheros unter Dopingverdacht als Unvollendeter, als Gefallener? Von Rainer Seele.

Von Rainer Seele
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Bitterer Abschied mit Alsterblick? Hamburg war der Anfang für Jan Ullrich, und Hamburg könnte nun sein Ende sein. Jedenfalls die finale Stunde als Radrennfahrer. In der Stadt, in der er einst zum Profi geformt wurde, in der er - Anfang der neunziger Jahre - mit anderen Radsportlern in einer WG lebte, in dieser Stadt wird Ullrich jetzt vermutlich, ohne Aussicht auf einen anderen Ausweg, seinen Rücktritt verkünden. In einem Ambiente, das für einen größeren Andrang geschaffen zu sein scheint: Hotel Intercontinental, Ballsaal II.

Dort also wird Ullrich an diesem Montag morgen Platz nehmen, flankiert vielleicht von einem Moderator, von Beratern. Eine halbe Stunde soll dieser Auftritt dauern, eine seltsame, eine bizarre Präsentation wahrscheinlich. Ullrich, des Dopings verdächtigt, wird - mögliches Szenario - ein Manuskript in den Händen halten und eine Stellungnahme verlesen, formuliert von seinen Anwälten. Er wird danach wohl sofort aufstehen und sich wieder zurückziehen, Fragen werden an diesem Tag nicht beantwortet. Weil Ullrich ja, wie es heißt, keine Fragen offenlassen werde. „Er wird“, so ließ das „Team Jan Ullrich“ verlauten, „auf alle ihm wichtigen Gesichtspunkte eingehen.“

Neues Team? Nicht in Sicht

Was andere als bedeutend erachten, spielt offenbar keine Rolle. Wer sich für diesen Termin angemeldet hat, erhielt eine Bestätigungsmail, die deutlich macht, dass es sich um keine Pressekonferenz handelt. Dass man lediglich Zuhörer sein wird. „Sie sind“, wurde mitgeteilt, „für die Presseerklärung mit Jan Ullrich akkreditiert.“ Ein Mann mithin, der sich angeblich öffnet und doch niemanden an sich heranlässt - eine Burleske. Abgang Ullrich, endgültig, als Unvollendeter, als Gefallener? Alles andere wäre eine Überraschung. Wie sollte er, aus dem Gleichgewicht geraten, schließlich noch einmal aufstehen als Profi? Ullrich, der Sieger der Tour de France von 1997, hat keine Lizenz mehr, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass er ein neues Papier dieser Art beantragt hätte.

Nicht in der Schweiz, wo er beheimatet ist. Nicht in Österreich, nicht in Deutschland; er hätte dafür ohnehin seinen Wohnsitz verlegen müssen. Eine neue Mannschaft? Ebenfalls nicht in Sicht, obwohl Ullrichs Manager Wolfgang Strohband stets davon gesprochen hatte, mit interessierten Rennställen zu verhandeln. Mit dem Team Volksbank zum Beispiel, einer österreichischen Equipe der zweiten Kategorie, gab es tatsächlich Kontakte - vor mehreren Monaten, sagen die Österreicher. Sie sagen auch, dass Ullrich nicht finanzierbar gewesen sei.

„Er hat es schwer auf den Rippen“

Die neue Saison hat inzwischen begonnen, und wer würde sich jetzt noch mit Ullrich verbünden wollen? Mit einem Mann, auf dessen Karriere schwere Schatten liegen, der viele Lasten mit sich herumschleppt. Der seit Juni 2006 kein einziges Rennen mehr bestritten hat. Der in jüngerer Vergangenheit zwar angeblich trainiert hat, zuletzt auf Mallorca mit seinen Kollegen und Freunden Andreas Klöden und Matthias Kessler, dem aber auch nachgesagt wird, weit entfernt von einer passablen körperlichen Verfassung zu sein. In einem Klima von allerlei Vermutungen und Spekulationen gedieh sogar das Gerücht, dass der Tour-Heros von einst sich zumindest zwischenzeitlich zu einem wahren Schwergewicht entwickelt habe. In dem besonderen Spannungsfeld um Ullrich ist das Bild eines 100-Kilogramm-Mannes gezeichnet worden.

Ein Radsport-Funktionär behauptete unlängst: „Er hat es schwer auf den Rippen.“ Mag sein, dass Ullrich an diesem Montag generell von Rufschädigung redet, dass er sich als unschuldig Verfolgter darzustellen versucht. Auch das würde nicht verwundern. Immerhin ist nach wie vor nicht belegt, dass er in das spanische Dopingnetzwerk um den ehemaligen Gynäkologen Eufemiano Fuentes verstrickt ist, das im vergangenen Jahr aufgedeckt wurde - mit der Folge, dass T-Mobile Ullrich unmittelbar vor der Tour 2006 suspendierte und ihm später die Kündigung schickte. Die Anschuldigungen gegen den gebürtigen Rostocker basieren auf Indizien; Beweise, dass er wirklich Kunde von Fuentes gewesen ist, existieren noch nicht. Aus dem Skandal erwuchs eine zähe, juristisch sehr komplizierte Geschichte mit verworrenen Kapiteln.

Ullrichs Bemühungen scheiterten

Anfang Februar gab Ullrich zwar in Konstanz freiwillig eine Speichelprobe ab. Dieser Tage wurde aber auch bekannt, dass er bereits seit Ende des vergangenen Jahres in Spanien gegen ein umfangreiches Rechtshilfeersuchen der deutschen Behörden vorgeht - trotz seiner Beteuerung, nichts mit Leistungsmanipulationen zu tun zu haben. Ullrichs Rechtsbeistände sollen die Grundrechte ihres Mandanten verletzt gesehen haben, deshalb legten sie Einspruch ein. Das berichtete jedenfalls am Wochenende die spanische Zeitung „El País“.

Nach ihren Angaben ist Ullrich jedoch auch mit dem Bemühen gescheitert, die Überstellung von Blutbeuteln, die dem einstigen deutschen Radstar zugerechnet werden, von Spanien nach Deutschland zu verhindern. „El País“ meldete, dass der Nationale Gerichtshof Spaniens entschieden habe, die Blutproben freizugeben; somit könnte es doch zu einem DNS-Abgleich kommen.

Fans halten ihm offensichtlich die Treue

Ullrich bald in die Enge getrieben? Ein Rückzug vom Radsport dürfte keineswegs ein Befreiungsschlag für ihn sein. Die Bonner Staatsanwaltschaft kündigte bereits an, dass sie den Fall Ullrich so oder so weiter verfolgen werde; sie ermittelt gegen Ullrich im Zuge einer Klage wegen Betrugs zum Schaden von T-Mobile. Auch in der Schweiz wird die Akte Ullrich womöglich nicht geschlossen werden. „Grundsätzlich“, sagt Bernhard Welten von der Fachkommission für Dopingbekämpfung beim Schweizer Nationalen Olympischen Komitee, „ist es Blödsinn, einen Fahrer zu sperren, der nicht mehr fährt.“ Andererseits, fügte Welten hinzu, „wissen wir nicht, ob er nicht in einem Jahr ein Comeback gibt“. Oder er sich in anderer Weise im Radsport betätigen werde.

Was wird Ullrich vorläufig bleiben? Fans, die ihm offensichtlich die Treue hielten, trotz allem. Die Familie, die angeblich bald Zuwachs erhalten soll, auch das wird neuerdings kolportiert. Ein Schweizer Textilunternehmen, das zusammen mit Ullrich „atmende Sportkleidung“ entwirft. „Die kühlt, wenn Sie schwitzen, und wärmt, wenn Sie frieren.“ Ein kleines Stück Zukunft offensichtlich. Die Kälte um Jan Ullrich aber wird auch das nicht vertreiben können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 25. Februar 2007
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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