21.10.2009 · Akten sollen Verfehlungen Jan Ullrichs belegen. Alles nur aufgewärmtes Zeug behauptet dieser. Zu „gegebener Zeit“ wolle er seine Sicht der Dinge erläutern. Doch will man das überhaupt hören? Man kennt ja Ullrichs Wahrheit. Vielleicht ist es die Höchststrafe, dass er in seiner eigenen, eigenartigen Welt gefangen ist.
Von Rainer SeeleWer war eigentlich Jan Ullrich? Manche werden sich doch noch erinnern. Vielleicht sogar sehr gerne, weil sie ihn mit einem Menschen verknüpfen, der im Grunde genommen wie du und ich war – und vermutlich immer noch ist. Keineswegs perfekt, immer ein bisschen angreifbar – man denkt gerade jetzt, vor dem nahenden Winter, an die kleinen Schwächen des Radprofis.
Weil Ullrich doch, kaum dass er sein Rad vorübergehend in die Ecke gestellt hatte, sich allerlei weltlichen Genüssen hingab. Und manche Zeitgenossen verfolgten danach sehr gespannt, wie er seine Problemzonen, die kleineren und die größeren, wieder zu bekämpfen versuchte. Vielleicht hat Ullrich sogar unappetitliche Mittel benutzt, um seinen Heißhunger zu zügeln. Es wäre ihm, bei allem, was über ihn gesagt oder geschrieben oder kolportiert wurde, zuzutrauen gewesen.
Ullrich selbst hatte sich dazu kaum geäußert, er sprach ohnehin nicht viel, Rede und Antwort zu stehen bereitete ihm immer Unbehagen. Er sah seine Stärken woanders. Deswegen macht nun eine seiner jüngsten Bemerkungen ein wenig stutzig. Er wolle, sagte Ullrich, zu „gegebener Zeit“ seine Sicht der Dinge erläutern. Weil er sich nun wieder in die Ecke gedrängt, gar provoziert wähnt.
Durch Hinweise auf Akten, die Tausende von Seiten umfassen, die Betrügereien und andere Verfehlungen eines Mannes belegen sollen, der einst als eine Sport-Ikone galt. Alles nur aufgewärmtes Zeug, behauptet Ullrich schon mal. Will man deshalb von ihm überhaupt noch etwas wissen?
Man kennt ja seine Wahrheit. Er hat sie, nach seiner Façon, deutlich beschrieben, nicht zuletzt bei seinem inszenierten Rücktritt Anfang 2007 – und dabei keinen Zweifel an seiner Haltung zum Radsport und dessen Facetten gelassen. Ullrich konnte dafür nicht belangt werden. Aber er hat sich damit selbst gewissermaßen eingesperrt: Er ist in seiner eigenen, eigenartigen Welt gefangen. Und vielleicht ist das sogar die Höchststrafe.