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Jan Ullrich bei Beckmann Ich trau keiner Socke mehr über den Weg

27.02.2007 ·  Wer nichts zu sagen hat und nichts sagen will, für den werden geschlagene achtzig Minuten vor laufender Kamera zur Tortur. Doch auch der langmütige Pädagoge Reinhold Beckmann biss sich an Jan Ullrich die Zähne aus. Von Hannes Hintermeier.

Von Hannes Hintermeier
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Bei der mittäglichen Pressekonferenz in Hamburg waren keine Fragen zugelassen, die sollte es nachts exklusiv bei „Beckmann“ geben. Gab es auch, aber wer sich nur je ein wenig mit dem einzigen Deutschen, der die Tour de France gewonnen hat, beschäftigt hat, wusste, dass dabei nichts herauskommen konnte. Zwar war Jan Ullrich von seinen Beratern und Anwälten so gut wie möglich vorbereitet worden, aber wer nichts zu sagen hat, für den werden geschlagene achtzig Minuten vor laufender Kamera dann doch zur Tortur.

Er sei Sportler geworden, kein Redner, sagte Ullrich gleich zu Anfang der Fragestunde - und man mochte ihm sogar glauben, dass dieser Rücktrittstag nicht der schwerste Tag seiner Laufbahn gewesen ist. Das war wohl jener 30. Juni 2006, als man ihn vor Beginn der Tour vom Rennen ausschloss und sein Rennstall T-Mobile ihm via Pressesprecher mitteilen ließ, er sei zu seinem eigenen Schutz suspendiert.

Beckmann mühte sich redlich

Seit acht Monaten mauert Ullrich nun also, lässt ab und zu spärlich-trotzige Unschulds- und Duchhalte-Erklärungen über seine Homepage verbreiten. Und nun der große Befreiungsschlag, der Rücktritt quasi als Geständnis? Warum die Speichelprobe so spät? Warum nicht sofort eine DNS-Probe? Beckmann mühte sich redlich, aber vergeblich, dem Radsportler irgendetwas Substantielles zu entlocken. Nein, seine Fans sähen das bestimmt nicht als Schuldeingeständnis; es gebe gar nichts zu gestehen, er habe nie jemanden betrogen und nie jemandem geschadet - Ullrich legt mit Hinweis auf die laufenden Verfahren, die ihn zum Schweigen zwängen, die gleiche Platte auf, die er immer auflegt und die er auch am Mittag in Hamburg abgespielt hatte.

Radrennsportler Jan Ullrich erklärte in Hamburg seinen Rücktritt vom Leistungssport. In seiner 45-minütigen Generalabrechnung mit Funktionären, Verbänden und Medien bekam besonders Rudolf Scharping sein Fett weg.

Wohin er denn die Speichelprobe hätte abgeben sollen, etwa „zu Dir“, fragt er den Interviewer und fiel damit zum ersten Mal ins offensichtlich vertraute „Du“. Beckmann: „Ich hätte sie weitergeleitet.“ Ullrich daraufhin dialektisch vertrackt: Er hätte eine Speichelprobe, wenn er sie abgegeben hätte, nirgendwo abgeben können. So wölkte das vor sich hin, und nach dem ersten zugespielten Film über die Historie des Falles blieb weiter reichlich Zeit, Nebelkerzen zu werfen und pauschale Anschuldigungen gegen die Presse und die Funktionäre des deutschen sowie des internationalen Radsportverbandes UCI zu zünden: Es passierten ja soviele Sauereien in Spanien. Schweigen sei „die einzigste Chance, die ich habe“.

Das Zauberwort namens Doping

Und dann versucht es der langmütige Pädagoge Reinhold Beckmann zum ersten Mal mit dem Zauberwort: Er fragte nach der Definition von Doping. Der Schüler Ullrich atmete erst lang und schwer durch - Doping, sprach er dann zögernd, sei, wenn man sich mit unfairen Mitteln einen Vorteil gegenüber seinen Gegnern verschaffen wolle.

Gegeben, gesucht: Ist der ganze Radsport verseucht? „Das würde ich auch gerne wissen“, konterte Ullrich frech. Eigentlich funktioniere das System doch. Aber Eigenblutdoping könne man nicht nachweisen, setzte Beckmann nach. „Da weißt Du mehr wie ich.“ An dieser Stelle ging Jan Ullrich endgültig zum Du über, und vielleicht hätte der Interviewer - bei allem Respekt vor seiner professionellen Siezerei und Seriosität - sich darauf einlassen wollen, vielleicht hätte er den weniger über die Ratio als über die Emotio funktionierenden Ullrich besser in den Griff gekriegt. Denn der steht schließlich auf dem Scherbenhaufen seiner Karriere.

Milde Worte der Freundschaft

Sein „Radfahrerherz ist zerbrochen“ seit jener Suspendierung. Und was er wirklich braucht, das ist Zuneigung. Immer wenn Beckmann ihn über den grünen Klee lobte, seine Verdienste erwähnte, nickte der ehemalige Radsportler zustimmend und fühlte sich gleich wieder sichtlich wohler. Das war besonders offensichtlich, als Beckmann den zugeschalteten ARD-Doping- Experten Hajo Seppelt vergleichsweise hart anpackte, und so tat, als wolle er sich vor seinen Gast stellen. Seppelt benutzte Vokabeln wie „höchst kriminell“ und verwies auf die zwei Strafverfahren, die in Hamburg und Bonn gegen Ullrich anhängig sind. Beckmann machte sich diese strenge Auffassung zunächst nicht zu eigen, das gefiel Ullrich ebenso wie die milden Worte der Freundschaft, die seine ehemaliger Teamkollege und langjähriger Freund Andreas Klöden aus Portugal übermittelte. Beckmann nahm noch mal Anlauf und fragte nach dem Doping-Arzt Fuentes, dessen Netzwerk im Zentrum der spanischen Ermittlungen steht. „Wir kommen da nicht weiter“, beschied Ullrich dreist, er traue keiner Socke mehr über den Weg. Dies also, fürs Protokoll, die Antwort auf die Frage, ob Ullrich mit Fuentes gearbeitet hat, ob etwa die die mit „Jan“ beschrifteten Blutproben ihm zuzuordnen sind.

Danach drohte sich das Gespräch vollends in Wohlgefallen aufzulösen. Man ließ genüsslich Revue passieren: die gigantischen Leistungen Ullrichs, den Glamour, die Porschesünden, die Ecstasy-Pillen, den vergeblichen Kampf gegen Armstrong, die unverbrüchliche Treue der Fans, deren Briefe Ullrich „zum Heulen “ anrührend findet. Weniger gefallen haben ihm die Drohgebärden des Präsidenten des deutschen Radsportverbandes, Ullrich werde nun nicht mehr gebraucht. Da punktete Ullrich glaubhaft gegen den Anwanzer Rudolf Scharping, der beizeiten keine Gelegenheit ausgelassen hat, sich mit dem Radstar ablichten zu lassen. „Der hat sich angekuschelt an mich“, diagnostizierte der Mißbrauchte, sein Freund sei der jetzt nicht mehr.

Die Gattin hat mehr Überblick

Der Jan sei eben keiner, der jemals schlecht über andere rede, attestierte ihm denn auch Ehefrau Sara, die Beckmann am Ende der Sendung an den Gästetisch bat. Die schmale junge Frau denkt ähnlich positiv wie ihr Gemahl, hat aber mehr Überblick - man konnte bei diesem ihrem ersten Fernsehauftritt ahnen, wer daheim die Hosen anhat, und wurde das Gefühl nicht los, dass das sehr gut sein könnte für den noch immer wenig erwachsen wirkenden Ullrich. Am Ende ein strahlender Ausblick auf eine neue Laufbahn als Berater des österreichischen Zweitligisten Team Volksbank, mehr Zeit für die Tochter, mehr Ruhe und Natur. Und täglich zwei Stunden abtrainieren. Einen Rücktritt vom Rücktritt schloss „Ulle“ zu hundert Prozent aus. Zu Beckmann lud er sich gleich selbst noch einmal ein - wenn alles vorbei ist. Mehr als fraglich, ob man auf diesen Auftritt gespannt sein sollte.

Nach einer gestern veröffentlichen Umfrage der Fachzeitschrift „Tour“ haben fünfundachtzig Prozent der Befragten auf die Frage, ob Ullrich in dieser Saison wieder Rennen fahren sollte, mit „Ja“ gestimmt.

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