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Jan Fitschen Der Vorzeigeathlet aus dem Windschatten

15.09.2006 ·  Jan Fitschen hat mit seinem Sieg über 10.000 Meter bei der Leichtathletik-WM in Göteborg für Schlagzeilen gesorgt. Doch der 29jährige ist kein Träumer. Er kennt seine Grenzen und weiß, daß sich solch ein Coup nur schwer wiederholen läßt.

Von Claus Dieterle, Frankfurt
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Es kribbelt jedesmal wieder, wenn Jan Fitschen die Bilder aus Göteborg sieht. Dann spürt er, wie sich die Härchen im Nacken aufstellen und wie es ihm den Rücken hinunterkriecht. Dann ist der unglaublichste Moment seiner Karriere wieder Gegenwart, und er betrachtet fasziniert, wie er frech den beiden favorisierten Spaniern den Europameisterschaftstitel über 10.000 Meter weggeschnappt hat.

Das ist jetzt einen Monat her, aber die Augen leuchten, als er sagt: „Wow, einfach genial.“ Und er freut sich, daß die Fernsehbilder diesen flüchtigen Augenblick verewigt haben. Er ist ja nicht gerade vom Erfolg verwöhnt. Jan Fitschen ist kein Träumer, er kennt seine Grenzen er weiß, daß sich so ein Coup kaum wiederholen läßt, und genau darum handelt er nach dem Motto: „Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.“

Sechs Fernsehtermine in einer Woche

Wann wird einer wie er, der international lange Zeit irgendwo im tiefen Windschatten mitgelaufen ist, schon mal ins „Aktuelle Sportstudio“ eingeladen? „Da kann man doch nicht nein sagen.“ Eigentlich hat sich nie jemand für ihn interessiert, trotz 13 deutscher Meistertitel, trotz des Sieges 2003 bei den Studenten-Weltmeisterschaften. Und da tut es gut, wenn man nach vielen Tiefschlägen plötzlich mittendrin im öffentlichen Leben steht, wenn man innerhalb einer Woche sechs Fernsehtermine hat, wenn lauter Empfänge anstehen, wenn man mit den alten Kumpels in seiner Heimat Osnabrück ordentlich feiert. Zugegeben, es fällt verdammt schwer, das mit einem geordneten Training zu vereinbaren, und Fitschen räumt ein, daß die ganze Sache irgendwann in Streß ausgeartet ist, daß die Ringe unter den Augen immer dunkler wurden, daß die Kräfte zusehends schwanden und die Form in den Keller ging.

„Das hat man ja bei beim Istaf in Berlin gesehen“, sagt er. Bei dem Meeting hatte der Europameister trotz Bedenken für die 3000 Meter zugesagt. Er hätte es besser sein lassen. Fitschen erzählt, daß er von dem Termin-Marathon manchmal so kaputt gewesen sei, „daß ich mich zwischendurch mal eine halbe Stunde ins Auto gelegt habe, um durchzuhalten.“ Aber irgendwann hat das Immunsystem, seine Schwachstelle, nicht mehr mitgespielt, und die Erkältung war nicht mehr aufzuhalten. Da hat er beschlossen, sich mehr Schlaf zu gönnen. „Aber es war halt spannend.“

„Ich will mich so gut wie möglich verkaufen“

Das ist es immer noch, auch wenn das Training wieder absolute Priorität hat. Schließlich steht am Wochenende der letzte große Auftritt des Jahres an. Fitschen hat sich durch seinen Coup in Göteborg in die Europa-Auswahl für den Weltcup in Athen gelaufen. „Das allein ist schon eine Ehre für mich.“ Womöglich eine zweifelhafte, denn gegen Leute vom Schlage des äthiopischen Weltrekordhalters Kenenisa Bekele hat er keine Chance. „Ich will mich so gut wie möglich verkaufen“, sagt Fitschen.

Egal, wie das Rennen in Athen ausgeht - Fitschen, der Mitläufer im Hintergrund, ist längst zum Vorzeigeathleten geworden. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat ihn, als er in Frankfurt sein neues Logo als Symbol für den Aufbruch in eine neue Ära präsentiert hat, als eines der neuen Gesichter der deutschen Leichtathletik vorgestellt, obwohl Fitschen mit seinen 29 Jahren schon lange im Geschäft ist. Zum laufenden Repräsentanten für die Erneuerung des Verbandes hat ihn natürlich erst sein Coup von Göteborg befördert. Fitschens Stärke ist die Authentizität. Da wirkt nichts gekünstelt, aufgesetzt oder antrainiert. Er ist ein frischer, eloquenter Typ, der witzig und anschaulich erzählen kann, und der demonstrativ das weiße Bändchen am Handgelenk trägt, das ihn als „true athlete“, als sauberen Athleten ausweisen soll.

„Wir Sportler müssen persönlich offensiv gegen Doping eintreten“, sagt er. Und das schon „aus Eigennutz“. Auch abseits der Bahn ist er für den DLV auf jeden Fall ein Gewinn. Er vertritt das neue Logo in den Farben Rot und Weiß mit dem offenen D, als sei es ihm ein persönliches Anliegen. Was so falsch nicht ist. Den neuen Geist im Verband, den der Schriftzug symbolisieren soll, will der Langstreckenläufer vom TV Wattenscheid schon seit anderthalb Jahren gespürt haben.

„Es ist alles menschlicher geworden“

Mit dem Wechsel in der Abteilung Leistungssport, nachdem der Schöngeist Jürgen Mallow den im DDR-Sport groß gewordenen Leistungsfanatiker Bernd Schubert als leitenden Bundestrainer abgelöst hatte. „Früher hat sich niemand im Verband für mich interessiert, aber jetzt habe ich das Gefühl, daß ich als Athlet wichtig bin. Wir machen genauso Leistungssport wie vorher, aber irgendwie ist alles menschlicher geworden.“

Das gefällt Fitschen am meisten, weil es auch zu seiner Philosophie paßt. Wenn er denn Vorbild sein will, dann besonders in einer Hinsicht: als Beispiel für einen, der trotz begrenzter Fähigkeiten und mancher Nackenschläge beharrlich auf seine - vielleicht einzige - Chance gewartet hat. Und für seine Ausdauer belohnt worden ist. „Die sehen jetzt, Mensch, der Fitschen ist Europameister, und der ist doch gar nicht so weit weg. Dann kann ich das auch schaffen.“ Die Konkurrenz zeigt Wirkung. „Die ersten Kampfansagen sind auf meiner Homepage schon aufgetaucht“, sagt Fitschen.

Quelle: F.A.Z., 16.09.2006, Nr. 216 / Seite 32
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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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