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NBA-Star Isaiah Thomas : Der kleine Riese mit den alten Tricks

  • -Aktualisiert am

Klein, aber oho: Isaiah Thomas von den Boston Celtics. Bild: AFP

Isaiah Thomas ist eigentlich zu klein für die NBA – und spielt ganz groß für die Boston Celtics auf. Dabei muss er kurz vor Beginn das Playoffs einen schweren Schicksalsschlag verkraften.

          Sobald der Mann mit der Rückennummer 4 an der Freiwurflinie steht, wird es im „TD Garden“ richtig laut. „MVP, MVP“, schallt es dann durch die Arena in Boston. Diese Zuneigung ist in vielen Hallen der Basketball-Profiliga NBA zu hören und gilt jenem Akteur, den die Fans als „most valuable player“ ansehen – als wertvollsten Spieler. In Boston ist es Isaiah Thomas. Wie wertvoll der 28-Jährige für die Celtics ist, wurde in der Vorrunde deutlich, als das Team überraschend vor Meister Cleveland Cavaliers die Eastern Conference gewann. Thomas war mit einem Schnitt von 28,9 Punkten pro Partie drittbester Werfer der Liga. Und es liegt in den Play-offs vor allem an Thomas, dass Boston zunächst die Chicago Bulls besiegte und nun in der Serie gegen die Washington Wizards nur noch einen Erfolg vom Einzug ins Conference-Finale entfernt ist. Kein anderer im Team trifft so regelmäßig und zuverlässig wie Thomas, dessen Punkteschnitt in der K.-o.-Runde bei 27,2 liegt.

          Doch die wahre Leistungsstärke von Isaiah Jamar Thomas ist nicht in Zahlen messbar. Sie passt auf keinen Statistikzettel und in keine Datenbank. Sie spielt sich auf einer emotionalen Ebene ab. Dort, wo Erfolgserlebnisse so viele Endorphine freisetzen können – und wo es andererseits Schmerzen gibt, gegen die kein Medikament hilft. Thomas hat in den vergangenen Wochen viel gelitten, Qualen erlebt wie nie zuvor. Als wenn es für ihn nicht schon schwer genug gewesen wäre, die Play-off-Hoffnungen der Celtics auf seinen schmalen Schultern zu tragen, musste der nur 1,75 Meter kleine Spielmacher zu Beginn der Play-offs einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Am 15. April kam seine fünf Jahre jüngere Schwester Chyna bei einem Autounfall in Tacoma im Bundesstaat Washington ums Leben. Thomas hatte ein enges Verhältnis zu ihr gehabt.

          Der gläubige Christ stellte sich die Frage, warum Gott Chyna in so jungen Jahren sterben ließ. Und ob er selbst überhaupt gegen Chicago spielen solle. Thomas hat viel mit seiner Familie und Freunden gesprochen. Alle, so sagt er, hätten ihm zum Weitermachen geraten. Selbst seine Schwester hätte es nicht gewollt, dass er aufhöre. Und so hat er kein Playoff-Spiel verpasst. Er ist zwischendurch zu seinen Lieben nach Tacoma geflogen. Er hat Chyna beerdigt. Und er hat trotz all des Kummers herausragenden Basketball gespielt. Thomas nennt die Arenen „meinen Zufluchtsort“. Hier könne er Schmerz, Trauer und Leere vergessen. So wie beim 129:119-Sieg nach Verlängerung gegen Washington. Ausgerechnet an jenem Tag, an dem Chyna 23 Jahre alt geworden wäre, erzielte Thomas 53 Punkte. So viele Zähler waren seit Allen Iverson (55) im Jahr 2003 niemandem mehr in den Play-offs gelungen. Thomas erreichte diesen Wert trotz der Familien-Tragödie und obwohl er in der Partie zuvor einen Zahn verloren hatte und insgesamt zehn Stunden lang operiert werden musste.

          Es sind längst nicht mehr nur die Celtics-Fans, die diesen kleinen Riesen mögen, die mit ihm fühlen und die sich für ihn freuen. Das macht auch Kobe Bryant. Er verbrachte seine gesamte NBA-Karriere bei den Los Angeles Lakers – dem Erzrivalen der Celtics. Bryant war einer der Ersten, die sich bei Thomas nach der Tragödie gemeldet hatten. Mittlerweile ist Bryant eine Art Mentor geworden, schreibt vor und nach jedem Spiel Textmitteilungen und hat sich die Play-off-Partien von Thomas genau in der Aufzeichnung angeschaut, ihm Tipps gegeben. Bryant nennt Thomas schlichtweg „Mighty IT“.

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          Es ist in der Tat gewaltig, was Thomas in seiner Basketball-Karriere geleistet hat. Einer wie er gehört nicht in die Liga der langen Kerle. Eigentlich. Denn einer wie er ist mit seinen 1,75 Metern viel zu klein und mit einem Körpergewicht von 84 Kilogramm viel zu leicht. Egal, auf welchem Basketballplatz Thomas auftauchte – ob daheim um die Ecke, in der High School, am College oder in der NBA –, er war immer der Kleinste und ist es auch heute noch. Und bei der Talentauswahl, dem Draft, fand er 2011 erst als 60. und Letzter mit den Sacramento Kings einen Verein. Doch all das hat ihn nie an sich zweifeln lassen, sondern nur noch mehr motiviert. „Wenn er nicht ständig der Underdog gewesen wäre, wäre er wohl heute nicht der Isaiah Thomas, der er ist“, vermutet Mitspieler Avery Bradley.

          Er kennt Thomas seit gemeinsamen Kindertagen. Mit denselben Bewegungen und Tricks, die er damals schon draufhatte, sei Thomas nun in der NBA erfolgreich, sagt Bradley. Mike Gorman spricht nicht nur von Erfolg, sondern von „Dominanz“. Gorman kommentiert seit 1981 im lokalen Fernsehsender „CSN New England“ die Celtics-Spiele. Er hat erlebt, wie ein Larry Bird in Boston zum Superstar in den Achtzigern wurde. Und Gorman saß am Spielfeldrand, als Kevin Garnett den NBA-Rekordmeister 2008 zum ersten Titel nach 22 Jahren führte. Aber all das, sagt der 71-Jährige, sei mit Thomas nicht vergleichbar. „Er ist 30 Zentimeter kleiner und 15 bis 20 Kilogramm leichter als seine Gegner – und trotzdem überragend. Was wir hier sehen, ist historisch.“

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          Quelle: F.A.Z.

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