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Ironman Stadler muß den Mann der leisen Töne fürchten

15.10.2005 ·  Es könnte ein interessantes Duell werden, vielleicht schon an diesem Wochenende. Wenn am Sonntag deutscher Zeit die besten Triathleten der Welt beim Ironman Hawaii ihren Weltmeister suchen, ist das auch eine deutsche Angelegenheit.

Von Michael Eder, Kailua-Kona
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Es könnte ein interessantes Duell werden, vielleicht schon an diesem Wochenende. Wenn am Sonntag deutscher Zeit die besten Triathleten der Welt beim Ironman Hawaii ihren Weltmeister suchen, ist das auch eine deutsche Angelegenheit. Titelverteidiger ist Normann Stadler; Dritter im vergangenen Jahr war der Münchner Faris Al-Sultan, Vierter Alex Taubert. Nur der Kanadier Peter Reid mischte sich als Zweiter in die deutsche Phalanx. In diesem Jahr wird ein ähnlicher Ausgang erwartet.

Stadler gilt als Favorit, aber auch Reid, Al-Sultan und dem Belgier Rutger Beke werden Siegchancen eingeräumt. Beke ist gerade auf wundersame Weise einem Dopingskandal entkommen, weil ihn der belgische Verband trotz positiver A- und B-Proben vom Vorwurf des EPO-Mißbrauches freisprach, entsprechend mißtrauisch wird er in Kailua-Kona betrachtet, es gibt wenige, die ihn - im Gegensatz zu Reid - gern als Sieger sehen würden.

Respekt, mehr nicht für Stadler

Aus deutscher Sicht ist ein Zweikampf von Interesse, der das Zeug zu einer spannenden Fortsetzungsgeschichte hat. Der kommende Star im deutschen Triathlon ist Faris Al-Sultan, der Münchner ist Halb-Iraker und Ganz-Bayer. Das Zündende an der Geschichte: Al-Sultan ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Stadler, der in der Szene schon vor seinem später bedauerten Ausfall gegen den Behindertensport nicht über allzu viele Freunde verfügte. Der Mannheimer gilt als schwierig, unberechenbar, aggressiv, der letzte Zwischenfall datiert vor einem Monat in San Diego, als ihn ein Autofahrer verprügelte, mit dem er als Radfahrer aneinandergeraten war.

Stadler genießt nach seinem Sieg auf Hawaii im vergangenen Jahr und seinem überlegenen Erfolg beim Ironman in Frankfurt Respekt unter den Triathleten, nicht mehr. "Er ist der Chef", sagt Al-Sultan. Und genau das wollen an diesem Wochenende einige Kollegen ändern. Reid vor allem, der angekündigt hat, daß Stadler nicht noch einmal, wie im vergangenen Jahr, mit mehr als zwanzig Minuten Vorsprung vom Rad steigen werde, um in den abschließenden Marathonlauf zu gehen. "Zehn Minuten, mehr nicht", sagt Reid. "Und die hole ich auf."

Al-Sultan bleibt lieber außen vor

Auch Al-Sultan, der mit im Alter von 27 Jahren seine größten Erfolge noch vor sich hat, will dem fünf Jahre älteren Stadler auf der 180 Kilometer langen Radstrecke keinen übergroßen Vorsprung gönnen. Eine Kampfansage ist das aber nicht. Der Münchner, Student der Geschichte und Kultur des Nahen Orients, ist zu klug, um sich auf ein Geplänkel mit Stadler einzulassen. Seine Sicht der Dinge vertritt er dennoch mit deutlichen Worten. Auf Hawaii ist er in dieser Woche nirgendwo zu sehen, nicht bei den Körperwelten am Hafenbecken, wo sich morgens die Szene zum Schwimmtraining trifft, nicht im "Lava-Java-Cafe", dem In-Treff am Alii Drive. Seine Bauchmuskeln seien "nicht so toll", sagt Al-Sultan, er müsse sie nicht öffentlich ausstellen. Wenn sich die Kollegen Stars bei der Einschreibung nach vorne drängen, steht er hinten in der Reihe, und in den VIP-Bereichen haben sie sich schon oft gewundert, wo der Münchner bleibt, er pflegt lieber draußen zu sitzen, bei bayrischen und österreichischen Trainingsfreunden.

Al-Sultan ist so cool wie Stadler gerne wäre, er ist ein Charismatiker und auch deshalb der Gegner, den Stadler auf Dauer am meisten fürchten muß. Mit sechzehn ist der Bayer mit gefälschter Altersangabe seinen ersten Marathon gelaufen, mit neunzehn brachte er auf Lanzarote seinen ersten Ironman hinter sich. In Deutschland hätte er damals erst mit 21 Jahren starten dürfen, was er nicht verstand: "Du darfst im Krieg mit achtzehn für dein Land sterben, warum darfst du dann mit achtzehn keinen Ironman machen?" Seine Trainingsmethoden sind skurril. Er war oft im arabischen Emirat Al Ain, zum Training und um die Sprache seines Vaters zu lernen. Seine Spezialität: 300 Kilometer lange Ausritte auf dem Rad auf schnurgeraden Highways und extrem lange Läufe durch ausgetrocknete Flußbette. Sein Wüsten-Trainingsrekord auf dem Rad: 6.500 Kilometer in sechs Wochen.

Die üblichen nichtssagenden Statements

Während Stadler und Reid auf Hawaii in diesen Tagen die üblichen nichtssagenden Statements abgeben, hat Al-Sultan viele Themen. Er redet über Beke, den Dopingsünder, der sich den Freigang erstritten hat. "Wenn er wirklich nicht gedopt hat, tut er mir leid für das, was er in den letzten Monaten durchgemacht hat", sagt er. "Wenn er aber lügt, dann ist es eine Sauerei, daß er am Wochenende mit mir am Start steht." Auch dem eingetragenen Warenzeichen Ironman, einer Gelddruckmaschine in Privatbesitz, steht er nicht mit der üblichen Begeisterung gegenüber. Was ihn stört, ist die überbordende Vermarktung des Labels, die einen Zug ins Lächerliche habe. "Es fehlt nur noch die Ironman-Kartoffel."

Und doch hält Al-Sultan trotz übertriebenem Pathos und ausufernder Kommerzialisierung den Ironman für "mehr als eine Fassade." Da sind die Athleten: Die Amateure, die sich auf Hawaii einen Traum erfüllen, die extreme körperliche Belastungen auf sich nehmen, sie alle sind Grenzgänger wie er selbst. Und da ist Hawaii, die Inselgruppe ist auch für ihn, den Naturliebhaber und ehemaligen Freikletterer, eine fast magische Erfahrung. Die unglaubliche Schönheit des Archipels, verbunden mit der unglaublichen Härte des Wettkampfes - man müsse diesen Zauber, diesen Widerspruch akzeptieren.

"Ich bin kein Mystiker", sagt er. "Aber ich empfinde so etwas wie Demut auf dieser Insel." Bei all den Lautsprechern im Triathlon, den Körperfreaks und Selbstverliebten, sind das ganz neue, leise, nachdenkliche Töne.

Quelle: F.A.Z. vom 15. Oktober 2005
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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