04.07.2010 · Der Shootingstar ist Ironman 2010: Andreas Raelert erklimmt mit dem Sieg in Frankfurt seinen ersten Gipfel. Timo Bracht und Chris McCormack folgen ihm auf den Plätzen. Bei den Frauen setzt sich wieder Sandra Wallenhorst durch.
Von Ralf Weitbrecht, FrankfurtDer erste große Gipfel ist erklommen. Andreas Raelert darf sich ab sofort Europameister im Ironman nennen. Bei der Hitzeschlacht in Frankfurt zeigte der 33 Jahre alte Rostocker einen unglaublich anmutenden Triathlon-Wettkampf. Für 3,8 Kilometer Schwimmen, ausnahmsweise 185 (statt 180) Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen benötigte er 8:05:15 Stunden.
„Ich habe immer von diesem perfekten Tag geträumt“, sagte Raelert. Die letzten Meter auf dem Römerberg war er, in eine Deutschland-Fahne gehüllt, ins Ziel gegangen, hatte jeden Moment ausgekostet. „Es war das Rennen meines Lebens. Ich habe mehr als hundert Prozent gegeben und bin komplett am Limit gewesen.“
In Grenzbereiche vorgestoßen sind auch Titelverteidiger Timo Bracht (8:10:22) und der Australier Chris McCormack (8:14:43), die sich dem überragenden Raelert geschlagen geben mussten. „Die Leistungen explodieren“, sagte der 34 Jahre alte Bracht. „Andi hat ein super Rennen gemacht. Auf den ersten hundert Kilometern war ich regelrecht schockiert, doch mit Laufbestzeit habe ich Platz zwei gerettet.“
„Mit Willenskraft kann man unheimlich viel erreichen“
Andreas Raelert ist so etwas wie der Shootingstar. Zweimal startete der einstige Kurzstreckenspezialist als einziger deutscher Triathlet überhaupt bei Olympischen Spielen, in Sydney (Platz zwölf) und Athen (Sechster). Doch erst auf der langen Ironmandistanz entfaltete Raelert sein wahres Potential. Im vergangenen Jahr, bei seinem Debüt in Frankfurt, wurde er nach großem Kampf Vierter – und sorgte nur wenige Monate später für Aufsehen: Beim Klassiker auf Hawaii landete er auf Rang drei. Frankfurt 2010, das bedeutendste Langstreckenrennen jenseits von Hawaii – das war erst sein viertes Rennen über die Langstrecke.
Schon beim frühmorgendlichen Schwimmen legte Raelert die Grundlage zu dem Triumph. Als Dritter entstieg er nach 47:34 Minuten dem 26 Grad warmen Langener Waldsee – ohne Neoprenanzug. Auf die Auftriebshilfe mussten wegen der erhöhten Wassertemperaturen alle 2360 Starter aus 55 Nationen verzichten. „Mit Willenskraft kann man unheimlich viel erreichen“, sagte Raelert, der als starker Schwimmer und glänzender Läufer bekannt ist.
In Frankfurt zeigte er allen, dass er auch auf dem Rennrad (neuer Streckenrekord in 4:20:34 Stunden) eine Macht ist. Sein Geheimnis für den Wettkampf in drei Akten: „Man muss ein Krisenmanagement für sich entwickeln. Im vergangenen Jahr bin ich beim Rad über meine Verhältnisse gefahren.“ Dass er aus Übermut zwei Verpflegungsstationen missachtete, hatte sich gerächt.
„Bei Wolkenkratzern und Mainkai kann ich mich zurücklehnen“
Der Fehler unterlief ihm diesmal nicht. Sofort setzte sich Raelert auf dem Radparcours an die Spitze und baute seinen Vorsprung kontinuierlich bis auf 10:57 Minuten aus. Härtester Verfolger: Titelverteidiger Bracht. Im Schlepptau des Odenwälders: McCormack und der Neuseeländer Cameron Brown. Könnte Bracht, der beste Läufer im Feld, tatsächlich noch Raelert gefährlich werden und seinen Vorjahreserfolg wiederholen?
Das Rennen am Main liegt Bracht wie keines zweites. 2006, bei seinem Debüt in Frankfurt, „war ich fast ein Nobody, aber ich bin gleich durchgestartet“ – von null auf Platz zwei. Bei seinem zweiten Start 2007 durchlief der Eberbacher als Erster den Zielkanal, und nach Rang drei im Jahr 2008 folgte ein zweiter Coup 2009. „Frankfurt ist mein Rennen“, versicherte Bracht. „Wenn ich in die Stadt komme und die Wolkenkratzer und den Mainkai sehe, kann ich mich zurücklehnen.“ Er hatte nicht mit diesem furiosen Rennen von Raelert gerechnet.
„Ich möchte den perfekten Tag auch auf Hawaii erwischen“
Der hatte sich mit seinem Bruder Michael, der Weltmeister auf der Ironman-Halbdistanz ist, darauf verständigt, „von Beginn an volles Risiko zu gehen“. Ein Plan, der an diesem perfekten Tag in allen Belangen aufging. Raelerts Traum: „Ich möchte den perfekten Tag auch auf Hawaii erwischen.“ Nach der Vorstellung von Frankfurt stehen die Chancen nicht schlecht.
Bei den Frauen wiederholte Sandra Wallenhorst ihren Vorjahressieg wiederholt. Die 37-Jährige aus Hannover fing auf den letzten Kilometern der Marathonstrecke die über fünf Stunden lang führende Schweizerin Caroline Steffen (9:06:42) noch ab. Wallenhorst brauchte für die 3,8 Kilometer Laufen, wegen einer Umleitung 185 statt der üblichen 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen 9:04:27 Stunden.