Home
http://www.faz.net/-gub-10omk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ironman auf Hawaii Legenden der Lava

09.10.2008 ·  Der Ironman auf Hawaii: Vor dreißig Jahren wurde ein Mythos im Triathlon begründet. Seine Sieger werden als Helden gefeiert - unter ihnen sind auch drei Deutsche. Norman Stadler, 2004 und 2006 siegreich, sieht seine Chancen auf einen dritten Erfolg besser denn je.

Von Ralf Weitbrecht
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Dreißig Jahre ist es her, dass sich fünfzehn wackere Männer auf Oahu, einer Nachbarinsel von auf Big Island, der Heimat der hawaiianischen Feuer- und Vulkangöttin Pele, in ein Abenteuer stürzten. Am 18. Februar 1978 machten sie aus dem „Waikiki Rough Water“ Schwimmen über 2,4 Meilen, aus dem 112-Meilen-Radrennen „Around Oahu“ und dem Honolulu Marathon den ersten Ironman-Wettkampf der Sportgeschichte. Aus dem heroisch anmutenden Triathlon-Wettstreit einiger für verrückt erklärter Kerle ist ein weltumspannendes Spektakel geworden, das weit mehr ist als nur Mythos, Magie und ein Geniestreich von Marketing-Fachleuten.

Raus aus dem gefürchteten Energy Lab – jenem markanten, einschneidenden Wendepunkt auf der Marathonstrecke –, rauf auf den endlos langen Queen Kaahumanu Highway und rein in das pralle Ironman-Feeling. Das gibt es alljährlich nur in Kailua-Kona. Und wenn sich an diesem Samstag zum dreißigsten Mal in der Geschichte dieses harten Wettkampfes mehr als 1800 Männer und Frauen morgens um sieben Uhr in die Fluten des Pazifiks stürzen, um 3,8 Kilometer zu schwimmen, anschließend 180 Kilometer über Lavafelder Rad zu fahren und schließlich 42,195 Kilometer über den glühend heißen Alii Drive zu laufen, wird man ihnen später im Hafen von Kona zurufen: „You made it“. Du hast es gepackt. Du bist ein Held.

Stadler könnte zur „Legende der Lava“ werden

Die Helden von Hawaii werden ehrfürchtig „Legends of Lava“ genannt. Mark Allen und Dave Scott, die beiden Amerikaner, die jeweils sechsmal in Kona triumphierten, gehören ebenso zu diesem exklusiven Zirkel wie auch Paula Newby-Fraser. Sie ist eine Hawaii-Ikone und mit ihren acht Siegen selbst Teil des Mythos, der alljährlich im Oktober gefeiert wird. Eine Woche lang wird dann aus dem verträumten Nest Kona ein einziger großer Basar.

Auch Normann Stadler kennt Kräfte, die von diesem magischen Ort ausgehen. Und deshalb kommt er immer wieder zurück. In diesem Jubiläumsjahr zum neunten Mal. Zweimal schon, 2004 und 2006, hat der erfolgreichste deutsche Langstreckentriathlet das Rennen aller Rennen gewonnen. Und seine Chance, es neben Allen, Scott, Newby-Fraser und dem dreimaligen kanadischen Champion Peter Reid gleichfalls in den erlesenen Kreis der „Legends of Lava“ zu schaffen, ist größer denn je.

Chris McCormack ist das Maß der Dinge

Bestärkt durch den wirtschaftlichen Rückhalt, den er derzeit in dem von ihm angeführten Dresdner Kleinwort-Triathlonteam erfährt, fühlt er sich stark wie selten. „Ich komme ganz vorne ins Ziel“, sagt der mittlerweile 35 Jahre alte Profi. „Der Kopf ist frei, ich bin heiß wie immer und freue mich auf die brutale Natur und die harten Bedingungen. Selbst nach zwanzig Jahren Triathlon habe ich immer noch Lust auf Leistung.“

Dass Stadler in diesem Jahr bislang kein anderes Ironman-Rennen absolviert hat, empfindet er eher als Vorteil. Gemeinsam mit den anderen Teammitgliedern hat er am 20. August schon Quartier in San Diego in Kalifornien bezogen und „einen weiteren Schritt nach vorne gemacht“, wie er glaubt. In der Vorbereitung auf Samstag ist er mit Chris McCormack im Training gelaufen und hat ein lockeres Pläuschchen gehalten. Der australische Titelverteidiger ist derzeit das Maß aller Dinge beim Ironman (siehe auch: Ironman: Wellington und McCormack siegen in Frankfurt).

In der Einöde werden Sieger gemacht

„Seitdem ich bei Ironman-Rennen starte, habe ich fast nur gewonnen“, sagt der ebenfalls 35 Jahre alte „Macca“, wie er in der Szene genannt wird. McCormack, der in der Vergangenheit so manchen verbalen Strauß mit Stadler ausgefochten hat, hält die psychologischen Sticheleien für beendet (siehe: Ironman auf Hawaii: Mysteriöse Übelkeit am Tag der Leiden). „Es stimmt, wir haben einige große Sprüche gemacht. Aber über allem steht der gegenseitige Respekt“, sagt der Australier, der sich bei Stadlers zweitem Sieg 2006 um die Winzigkeit von 71 Sekunden geschlagen geben musste. Einen Plan für Hawaii gibt es nicht. Stadler weiß, dass „das Rennen erst ab Waikoloa, wo sich die Palmen runterbiegen, so richtig anfängt“.

Und später dann, auf der finalen Laufstrecke, fürchtet der Deutsche, „dass es aus dem Energy Lab heraus noch einmal richtig knackig wird. Aber ich bin bereit.“ Das Energy Lab macht den Ironman Hawaii so einzigartig. Dort, wo die Athleten, vom Highway kommend, rechts abbiegen und eine elend lang anmutende Asphalt-und-Schotter-Piste Richtung Meer laufen und an einem Gasdepot umdrehen, sehen sie auf dem Rückweg ihre Gegner. Sie sehen, was auf den letzten quälenden Kilometern bis zum Zielkanal in Kona möglich ist – und was nicht. Hier draußen, in der Einöde, werden Sieger gemacht (wem das nicht reicht: Extremer als der Ironman: Sachsen ist härter als Hawaii).

Die Deutschen haben ihre liebe zum Ironman gefunden

Seit 1981, seit dem Umzug von Oahu nach Big Island, ist das so, und als sich der amerikanische Fernsehsender ABC dazu entschieden hatte, Bilder vom Ironman über den Globus zu schicken, kamen auch die ersten Triathlonpioniere aus Deutschland. Detlef Kühnel, der langjährige Organisator des traditionsreichen Ironman-Europe-Rennens von Roth, ist einer von ihnen. Auch Kühnel hat 1982 bei seiner Hawaii-Premiere die Amerikanerin Julie Moss wenige Meter vor dem Ziel kollabieren sehen. Ein Bild, das um die Welt ging.

Danach beherrschte der bis dahin unbekannte Kalifornier Mark Allen die Schlagzeilen. Mit einer kaum glaublichen Serie von sechs Siegen schrieb er Ironman-Geschichte. 1995 glückte Allens letzter Coup, denn er entriss Thomas Hellriegel, der mit dreizehn Minuten Vorsprung auf die Laufstrecke gegangen war, den scheinbar sicheren Sieg. Zwei Jahre später wurde der Badener Hellriegel als „Hell on wheels“ für seinen Mut auf der Radstrecke belohnt und erster Deutscher Ironman-Champion.

Hawaii belohnt die Geduldigen

Hellriegels Beliebtheit ist seit jenem Tag ungebrochen. Und auch der dritte deutsche Hawaii-Sieger, Faris Al-Sultan, genießt Respekt (siehe: Faris Al-Sultan: Der Triathlet, der aus der Wüste kommt). Sein Erfolg 2005 bestätigte den Ruf, dass gerade die starken Deutschen, zu denen auch der Eberbacher Timo Bracht zählt, ihre Liebe zum Ironman gefunden haben. Doch der Mythos Hawaii gebietet es, demütig und bescheiden aufzutreten. McCormack musste sechs Jahre warten, ehe er endlich als Erster im Hafen von Kona bejubelt wurde, Stadler gar dreizehn. Hawaii, so scheint es, belohnt vor allem die Geduldigen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1