07.10.2008 · Thomas Bach, IOC-Vizepräsident und DOSB-Chef, wundert sich angesichts des Doping-Skandals um Stefan Schumacher über die „Dummdreistigkeit“ der Radsportler. Im FAZ.NET-Gespräch hält Bach einen Ausschluss des Radsports aus dem olympischen Programm für denkbar.
Die Geduld des Internationalen Olympischen Komitees mit dem Profiradsport geht zu Ende. Thomas Bach ist als IOC-Vizepräsident und DOSB-Chef von den Entwicklungen im Radsport betroffen. Bach wundert sich angesichts des Doping-Skandals um Stefan Schumacher über die „Dummdreistigkeit“ der Radsportler. Der geforderte Bewusstseinswandel, so bemängelt der Tauberbischofsheimer Bach, hat nicht stattgefunden.
Immer wieder Doping im Radsport - kann es noch schlimmer kommen?
Das, was jetzt geschieht, ist dramatisch, weil es zeigt, dass der Radsport von einem Bewusstseinswandel weit weg ist. Diese Dummdreistigkeit setzt sich offensichtlich weiter fort.
Steht der olympische Status des Radsports nun in Frage?
Aus meiner Sicht ist die Glaubwürdigkeit des Straßenradsports dahin, weil die Fahrer die Chance zum Wandel offensichtlich nicht genutzt haben. Das ist der Punkt, an dem man fragen muss, ob es nicht Zeit ist, ihm eine olympische Denkpause zu verordnen.
Bisher das das IOC dies immer abgelehnt. Was ist jetzt anders?
Wenn alle Maßnahmen gegen Doping den Bewusstseinswandel nicht herbeiführen konnten, muss man über einen solchen Schritt nachdenken.
Was wird das IOC unternehmen?
Wir werden auf jeden Fall darüber nachdenken müssen, ob wir unter den neuen Voraussetzungen Proben aus den Radrennen von Peking jetzt schon öffnen und analysieren lassen. Die Fachleute müssen uns sagen, ob das jetzt schon Sinn macht.
Wie würde der Olympia-Ausschluss des Radsports formal vonstatten gehen?
Erst würde die medizinische Kommission sich damit befassen, danach die Programmkommission und danach die Exekutive. Das ist keine Entscheidung, die man innerhalb von drei Tagen treffen sollte.
Was wird der Deutsche Olympische Sportbund im Fall Schumacher unternehmen?
Wir müssen die Analyse der B-Probe abwarten. Ein positiver Dopingtest würde bedeuten, dass er die Athletenvereinbarung wahrheitswidrig unterschrieben hat. Es würden also die Entsendungskosten für die Olympischen Spiele auf ihn zukommen.
Der Veranstalter der Tour de France, die ASO wollte ohne den Weltverband in Eigenregie eine saubere Rundfahrt präsentieren. Das ist schief gegangen. Welche Schlüsse muss man daraus ziehen?
Man darf nicht vergessen, dass der Radsport-Weltverband umfangreiche Anti-Doping-Maßnahmen eingeleitet hat. Man kann hoffen, dass die Dramatik der aktuellen Situation die verschiedenen Interessengruppen dazu zwingt, zusammenzuarbeiten. Der Anti-Doping-Kampf muss unter der Federführung eines Verbandes geführt werden und nicht durch eine rein kommerzielle Organisation wie den Tour-veranstalter ASO. Auch dort muss ein Umdenken stattfinden. Niemand soll glauben, er könne als Einzelkämpfer etwas erreichen. Der Weltverband, die Veranstalter, die Fahrergewerkschaft und die Rennstallbesitzer müssen unter Einbeziehung der Welt-Anti-Doping-Agentur nahtlos zusammenarbeiten.