09.06.2011 · Der Internationale Fußballverband steht vor seiner größten Feuerprobe. Wie sie zu bestehen ist, hat das IOC vorgemacht. Dem Bestechungsskandal vor den Spielen in Salt Lake City folgte die große Reinigung. Fifa-Präsident Blatter war daran beteiligt.
Von Evi SimeoniImmer, wenn Jean-Claude Ganga und seine Gattin Eugenie auf Walmart zusteuerten, brach den Finanzmanagern in der Zentrale der Olympiabewerbung von Salt Lake City der Schweiß aus. Der Mann aus dem Kongo, ehemaliger Botschafter in China, damals mächtiges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Vater von zehn Kindern, war in den neunziger Jahren als der „menschliche Staubsauger“ bekannt. Das bezog sich auf seine Konsumgewohnheiten, die er sich von der tugendhaften Mormonenstadt finanzieren ließ. Als Gegenleistung sollte sie bei der Session 1995 in Budapest bei der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2002 sein Votum erhalten. Das Stimmrecht ihres Gatten setzte die gefürchtete Eugenie Ganga systematisch in Teppiche, Bettvorleger, Vorhänge und Kücheneinrichtung um.
Sechsmal in zwei Jahren besuchte das Paar die Bewerberstadt. Man reiste für 115.000 Dollar und speiste für 14.000. Außerdem wurde Gangas Hepatitis medizinisch behandelt, seiner Schwiegermutter ein neues Knie eingesetzt, und seine Frau erhielt eine Schönheitsoperation - für 17.000 Dollar. 14.000 Dollar musste der Bewerber für Geschenke und Unterhaltung der Gangas aufbringen - eine genaue Aufstellung, behauptete der Afrikaner später, sei in den Wirren des heimischen Bürgerkriegs verlorengegangen. Er gab auch zu, in Budapest für das siegreiche Salt Lake City gestimmt zu haben. Der Grund: Es sei bei weitem die beste Bewerbung gewesen.
Vier Jahre später, bei der außerordentlichen Vollversamlung in Lausanne, wurde Ganga zusammen mit fünf anderen Mitgliedern vom IOC ausgeschlossen - vier weitere waren bereits zurückgetreten. Mit 88:2 Stimmen erzielte er das Rekord-Ablehnungsergebnis des Tages. Während Ganga, Chef der Vereinigung der afrikanischen olympischen Komitees, seinen Rausschmiss noch für einen rassistischen Angriff auf seine Person ausgab, hatte das IOC ganz andere Sorgen. Der einst ehrwürdige Herrenklub stand als eine Vereinigung der Handaufhalter da, selbst die gewohnte Arroganz half nicht mehr, der Olymp wankte.
Nur die Fifa übertrumpft das IOC-Glaubwürdigkeitsdesaster
Am Anfang stand eine Sekretärin, die bei der Bewerbergesellschaft arbeitete und einer lokalen Fernsehanstalt einen brisanten Brief zuspielte. Darin wurde enthüllt, wie Salt Lake City das IOC-Mitglied Essomba aus Kamerun umworben hatte. Eigentlich wollte sie damit nur intern einen Manager zu Fall bringen, doch sie brachte den bis dahin größten Bestechungsskandal der Sportgeschichte ans Licht. Als Exekutivmitglied Marc Hodler im Dezember 1999 am Rande einer Sitzung in Lausanne mit weiteren Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging, begannen harte Zeiten für das IOC, denn das Produkt Olympische Spiele war in Gefahr.
Es gibt nur eine Sportgroßmacht auf dieser Welt, die in der Lage ist, das IOC-Glaubwürdigkeitsdesaster zu übertrumpften: der Internationale Fußballverband (Fifa). Und er hat es geschafft. Beim Skandal um Salt Lake City ging es um Bestechungsgelder von etwa einer Million Dollar. Ein Bewerber um eine Fußball-WM, der wie Qatar ohne inhaltliche Argumente antritt, käme mit einem solchen Sümmchen nicht weit. Noch dramatischere Folgen hat die Ausrichtung der Fifa-Struktur auf die Alimentierung der Spitzenleute.
„Die Fifa muss sich jetzt Vorwürfen und Kontroversen stellen“
Während in der Exekutive, also der Regierung des IOC mit dem damaligen Präsidenten Juan Antonio Samaranch, einige unbescholtene Profis saßen, die den Skandal aufarbeiteten und eine tiefgreifende Strukturreform in die Wege leiten konnten, gibt im Fußball die Exekutive selbst - der seit vergangener Woche der deutsche Gutmensch und Verbandspräsident Theo Zwanziger angehört - ein Bild der Schande ab. Knapp die Hälfte der 24 Exekutivmitglieder ist diskreditiert, das tiefgreifende Korruptionssystem wurde der Öffentlichkeit plastisch vorgeführt.
IOC-Präsident Jacques Rogge richtete zur Eröffnung des 61. Fifa-Kongresses in der vergangenen Woche Woche in Zürich trotz allem ein paar tröstliche Worte an die steinreichen Sünder vom Fußball und ihren trickreichen Schweizer Chef Joseph Blatter. „Die Fifa muss sich jetzt Vorwürfen und Kontroversen stellen“, sagte der stets höflich auftretende Belgier. „Vor dreizehn Jahren mussten wir mit dem Fall von Salt Lake City durch die gleiche Feuerprobe gehen.“ Die eigene Vergangenheit verlange Bescheidenheit und er werde nicht mit dem Zeigefinger auf die Fifa deuten. Was Rogge nicht sagte: Der damalige IOC-Präsident Samaranch stellte die Vertrauensfrage, die er mit 86:2 Stimmen gewann, nahm sich zweieinhalb Jahre Zeit mit der Aufarbeitung - dann wurde Rogge zum Nachfolger gewählt. Rogges Rolle entspricht also nicht der Rolle Blatters, er ist viel eher der olympische Michel Platini.
Kim Un yong kommt mit einem strengen Verweis davon
Nur wenige Stunden, nachdem Marc Hodler seinen explosiven Auftritt beendet hatte, beim gemeinsamen Abendessen der Exekutive, setzte Samaranch eine Ad-Hoc-Kommission zur Untersuchung der Vorwürfe ein. Vorsitzender wurde der kanadische Anwalt Richard Pound, dazu kamen der deutsche Wirtschaftsanwalt Thomas Bach, Keba M'Baye, ein ehemaliger Richter aus Kenia und Rogge, Chirurg und Kronprinz des Präsidenten. Wenig später kam noch der ehemalige Fechter Pal Schmitt hinzu, der heutige Staatspräsident von Ungarn.
Erster Zeuge war Hodler. Sie forderten die Unterlagen aus Salt Lake City an, flogen in die Vereinigten Staaten, um zu recherchieren, und beauftragten eine amerikanische Anwaltskanzlei, Kontakt mit den FBI zu halten, das eine strafrechtliche Untersuchung begonnen hatte. Nachdem die verdächtigen Mitglieder befragt worden waren, gab die Gruppe eine Empfehlung an die Vollversammlung ab - vom Verweis bis zum Ausschluss. Die Untersuchungsergebnisse, die Rechtfertigung der Betroffenen und die Empfehlungen wurden veröffentlicht. Um so rätselhafter blieb es, dass der Koreaner Kim Un yong, Mitglied der Exekutive, mit einem strengen Verweis davon kam.
„Auch die Fifa kann gestärkt daraus hervorgehen“
Salt Lake City hatte seinem Sohn John einen Job verschafft, in dem er nicht viel leisten musste. Kims Tochter, eine Pianistin, durfte an zwei Abenden mit dem Utah Symphony Orchestra auftreten. Und die Tochter ihrer Plattenproduzentin erhielt ein Stipendium. Möglicherweise fürchteten die IOC-Aufklärer, in der Vollversammlung nicht die nötige Zweidrittel-Mehrheit für Kims Ausschluss zu bekommen. Ein weit wichtigerer Kritikpunkt am damaligen Verfahren ist die Konzentration auf Salt Lake City, als wäre dies der einzige Sündenfall gewesen. An einer kompletten Aufarbeitung seiner langen Korruptionsgeschichte war das IOC so wenig interessiert, wie es heute die Fifa an einer ernsthaften Vergangenheitsbewältigung sein dürfte.
„Am Ende“, sagte Rogge in Zürich, „ging das IOC als eine stärkere Organisation aus der Feuerprobe hervor - und ich bin sicher, auch die Fifa kann gestärkt daraus hervorgehen.“ Samaranch stand, genau wie Blatter, für die Kommerzialisierung des Sports. Die Kassen wurden immer voller, doch mit der Moral ging es bergab. Beide haben - oder hatten - es mit einem Apparat aus anfechtbaren Ehrenamtlern auf lukrativen Sitzen zu tun. Anders als im kultivierter anmutenden IOC scheint in der Fifa allerdings die Korruption der Kitt zu sein, der die Interessengruppen zusammenhält.
Eines von Samaranchs Assen war Henry Kissinger
Für die Außendarstellung engagierte das IOC die amerikanische Agentur Hill & Knowlton, die sich auf die Reparatur angeschlagener Reputationen versteht. Schon im Frühjahr 1999 wurde die Ethik-Kommission gegründet, die den Verhaltenskodex für IOC-Mitglieder entwickeln und darüber wachen sollte. Gleichzeitig nutzten die Führungsfiguren des IOC die allgemeine Verunsicherung, um das IOC strukturell zu modernisieren. Eine 82 Personen große Mammutkommission unter dem Titel „IOC 2000“, zusammengesetzt aus 44 IOC-Mitgliedern und 38 Beratern, entwickelte ein Reformpaket, das über die Änderung des Bewerbungsprozesses weit hinausging.
Eines von Samaranchs Assen in der Reformgruppe war der Friedensnobelpreisträger und ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger, der bei der entscheidenden Session am 12. Dezember 1999 die Eröffnungsrede hielt. Eine kluge Wahl, schließlich musste Samaranch drei Tage später in Washington bei der Anhörung vor einem Ausschuss des Kongresses überzeugend darstellen, wie ernsthaft sich das IOC um seine Erneuerung bemühte. Und noch ein bekanntes Gesicht fand sich in der Gruppe „IOC 2000“. Joseph Blatter, frisch gewählter Präsident der Fifa, arbeitete mit bei der olympischen Aktion Saubermann. Vielleicht ist das sogar der Hintergrund, warum der greise Kissinger nun auch der moralisch gestrauchelten Fifa wieder auf die Beine helfen soll.
Strafrechtliche Folgen des Skandals am Ende gleich null
Die Reformen haben das IOC verändert. In Lausanne wurde den IOC-Mitgliedern ein Besuchsverbot in Bewerberländern auferlegt. Es wurde beschlossen, die Kandidaten durch eine Evaluierungskommission prüfen zu lassen. Das Höchstalter für Mitglieder wurde um zehn Jahre auf 70 reduziert, außerdem müssen sich die Mitglieder von der Session nach jeweils acht Jahren bestätigen lassen. Ein Langzeit-Präsident wie Samaranch (1980 bis 2001) ist nicht mehr möglich - sein Nachfolger Jacques Rogge kann 2013 nach zwölf Jahren nicht mehr kandidieren. Die Mitgliederstruktur hat sich dem Sport angenähert: Von maximal 115 Sitzen sind 15 den Athleten vorbehalten, 15 den Vertretern der Nationalen Olympischen Komitees und 15 den Präsidenten der internationalen Fachverbände. Auf diesem Wege wurde auch Joseph Blatter IOC-Mitglied.
Ohne die Krise, sagte der vor einem Jahr verstorbene Samaranch, hätte es die Reform nicht gegeben. Ohne Samaranch auch nicht, heißt es im inneren Zirkel des IOC, und das, obwohl der Katalane zu Beginn des Skandals bereits 78 Jahre alt war. Hätte er bei der Vertrauensfrage zwanzig Gegenstimmen erhalten, enthüllte er später, wäre er zurückgetreten. Die führenden Exekutivmitglieder wiederum verknüpften ihre Weiterarbeit mit den Zweidrittelmehrheiten für die Reformvorschläge. Die strafrechtlichen Folgen des Skandals waren am Ende gleich null. Die amerikanische Justiz schloss ihr Verfahren erst im November 2001 ab, wenige Monate bevor die Spiele in Salt Lake City begannen. Die beiden Hauptangeklagten, die Bewerbungschefs Tom Welch und Dave Johnson, wurden freigesprochen.