06.10.2009 · Nach der Vergabe der Sommerspiele 2016 geht die IOC-Session weiter. Im Mittelpunkt steht nun der Wahlkampf um eines der attraktivsten Ehrenämter der Welt. In vier Jahren ist für IOC-Präsident Jacques Rogge Schluss.
Von Evi Simeoni, KopenhagenGerhard Heiberg lächelt amüsiert. „Natürlich positionieren sich die Leute hier“, sagt der norwegische Marketing-Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). „Es ist ganz unterhaltsam, das zu beobachten, wenn man, wie ich, keine eigenen Ambitionen hat.“ Der 13. Olympische Kongress in Kopenhagen, der für drei Tage die IOC-Vollversammlung unterbricht, soll der Bewegung zur Selbstfindung und Neuorientierung dienen. Zumindest vordergründig. Gleichzeitig aber bietet er den sportpolitischen Schwergewichten, die sich zu noch höheren Aufgaben aufschwingen wollen, die ideale Fläche zum Schaulaufen.
Am Freitag wird die Session IOC-Präsident Jacques Rogge für eine letzte Amtszeit wiederwählen. In vier Jahren ist Schluss für den Belgier und eines der attraktivsten Ehrenämter der Welt wird vakant. Welch eine Chance! Bereits in Kopenhagen lauern die Kandidaten auf den Anpfiff zur Reise nach Jerusalem. Wer ihn verpasst, hat schon verloren. Wer sich zu früh bewegt, verbrennt.
„Es gibt natürlich Leute, die jetzt schon sagen 'Ich bin geeignet'“, sagt der in vielen Funktionärsjahren gestählte Skipräsident Gian-Franco Kasper aus der Schweiz. „Aber das zeigt natürlich, dass sie ungeeignet sind.“ Andere sind lieber still. Zum Beispiel IOC-Vizepräsident Thomas Bach, Vorsitzender der Juristischen Kommission. Oder Exekutivmitglied Richard Carrion, ein Bankier aus Puerto Rico, Vorsitzender der Finanzkommission, der für das IOC die einträglichen Fernsehverhandlungen führt.
Kandidaten zuhauf
Oder Nawal el Moutawakel, IOC-Exekutivmitglied und ehemalige Sportministerin von Marokko. Dazu der Schweizer Denis Oswald, altgedienter IOC-Jurist, Ruderpräsident und Chef der Vereinigung der Olympischen Sommersportverbände. Oder Sergej Bubka, Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine, dem ebenfalls nachgesagt wird, er nehme insgeheim bereits Anlauf zum auf das Jahr 2013 terminierten Stabhochsprung auf den IOC-Thron.
Am Sonntagvormittag, als Thomas Bach nach seiner Rede den Saal verließ, war die voyeuristische Freude der Kongressteilnehmer deutlich zu spüren. Gratulanten streckten ihm die Hände hin, nachdem er in einem geschliffenen, ungestraft dreizehn Minuten zu langen Kongressbeitrag die Mitgliederstruktur des IOC vor dem Hintergrund der dringend zu verteidigenden Autonomie hinterfragte. Eine Bewerbungsrede? Bach machte eine verharmlosende Geste: „Der Präsident hat mir ein Thema gegeben, und zu diesem Thema habe ich eine Rede geschrieben.“
Bachs Bewerbungsrede
Der achtzigjährige, in Kopenhagen aus dem IOC scheidende Walther Tröger lächelt dazu. „Jeder, der hier redet, denkt schon an die Zukunft.“ Und Michael Vesper, den Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), hat Bach als sein Präsident wohl auch nicht recht im Griff: „Er hat bewiesen, dass er in der Lage ist, über den Tag hinaus zu denken und langfristige Strategien zu entwickeln.“ Bach muss sich im kommenden Jahr bei der nächsten Vollversammlung in Vancouver erst einmal als Exekutivmitglied zur Wiederwahl stellen, doch niemand hält das für eine ernsthafte Hürde.
Olympiasiegerin, Muslima, Frau
Ja, ein Stratege ist Bach. Andere aber auch. Und sie halten auch Reden. Richard Carrion etwa äußerte sich in Kopenhagen zur digitalen Revolution. Denis Oswald grundsätzlich zu den Stärken und Schwächen der Olympischen Spiele. Nawal el Moutawakel hatte als Vorsitzende der Evaluierungskommission für die Sommerspiele 2016 ihre Arbeit erst einmal getan.
Zwar wurde der Prüfbericht als undifferenziert kritisiert, doch die Marokkanerin kann mit Stärken glänzen, die keine Rede der Konkurrenz erschüttern kann: Sie ist die erste Olympiasiegerin aus Afrika (1984 über 400 Meter Hürden), die erste muslimische Goldmedaillengewinnerin und überhaupt: eine Frau.
Fehltritte der Kandidaten
Richard Carrion hat sich selbst gerade mit Hilfe der Welt-Finanzkrise zu drei weiteren Jahren der Wichtigkeit verholfen. Der Puertoricaner erklärte, die Verhandlungen mit den amerikanischen Bietern um die Fernsehrechte an den Spielen 2014 und 2016 könnten möglicherweise erst 2012 geführt werden – je nach Verlauf der Konjunktur.
Carrion kündigte an, er erwarte, dass das IOC für diese Olympia-Periode einen geringeren Preis erzielen werde als die 2,2 Milliarden Dollar, die NBC für Vancouver und London bezahlt. Das liege daran, sagte er der Nachrichtenagentur AP, dass die Session am Freitag Rio de Janeiro und nicht Chicago zum Austragungsort für 2016 gewählt hat. „Natürlich wären Heimspiele wertvoller“, wurde Carrion zitiert.
Nicht gerade geschäftstüchtig, diese Strategie, möglicherweise sogar ein kostspieliger Fehler. Und ein Rückschlag beim Präsidenten-Casting? Noch hält Carrion sich bedeckt. „Wer sich zu früh outet, kann von diesem Moment an nur noch Fehler machen“, sagt das Funktionärs-Urgestein Kasper. Es gebe nur einen idealen Termin, um sich öffentlich zur Kandidatur zu bekennen: „Zwei Stunden vor der Wahl.“