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Interview „Nicht das Publikum beschimpfen, daß es sonst zum Fußball geht“

29.08.2003 ·  Nachgefragt bei Helmut Digel, dem deutschen Vizepräsidenten des Internationalen Leichtathletikverbandes.

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Helmut Digel war Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes und ist heute Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes.

Sie sollen diese Weltmeisterschaften die bisher besten genannt haben. Vergißt der Schwabe Digel da nicht die Titelkämpfe 1993 in Stuttgart?

Daß ich zu diesem Urteil komme, hängt mit meiner Verantwortung zusammen. Damals war ich Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, heute bin ich Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) und als solcher für Fernsehen und Marketing zuständig. Und aus diesem Blickwinkel beobachte ich jetzt Weltmeisterschaften.

Und was sieht man da mit anderen Augen?

Paris hat mehr Zuschauer und höhere Einschaltquoten. Ich habe jetzt die Weltperspektive - und 480.000 Zuschauer in neun Tagen, das ist die höchste Zuschauerzahl, die die Leichtathletik jemals erreicht hat, außer bei Olympischen Spielen. Keine Sportart bindet so viel Zuschauer in Serie, außer bei der Tour de France und den Fußball-Weltmeisterschaften.

Aber die Begeisterung der Menge bricht oft an der falschen Stelle aus, etwa kurz vor dem Start zum 100-Meter-Lauf.

Man kann nicht beides haben, und wir dürfen nicht das Publikum dafür beschimpfen, daß es sonst zum Fußball geht und sich dort anders benehmen darf. Vielleicht fehlt es etwas an der Führung im Stadion.

Sie meinen das laute "Pssst" vor dem Startschuß, oder die zum Applaus auffordernden Klatschhände auf den Videoleinwänden?

Zum Beispiel. Das ist doch das Faszinierende: Da tobt ein Kessel, und plötzlich wird es mucksmäuschenstill.

Reicht der wirtschaftliche Erfolg denn zum Glück eines führenden Leichtathletik-Funktionärs?

Ich bin wirklich zufrieden, weil wir große Befürchtungen hatten, daß die Franzosen es nicht schaffen, dieses Stadion zu füllen.

Die Zuschauer oder die Organisatoren?

Das Organisationskomitee. Im Sommer, im August, da sind die Franzosen am Meer.

Aber es läuft im Hintergrund auch eine Olympiabewerbung von Paris, das hier seine Visitenkarte für 2012 abgegeben muß.

Trotzdem. Es gab ein Engagement eines Landes zugunsten einer WM, wie wir es zuvor nicht kannten. Das liegt natürlich an der zentralistischen Konzeption Frankreichs, auch an den Zuschüssen. Wenn wir in Deutschland eine WM organisieren, dann gibt es allenfalls einen staatlichen Zuschuß in kleinster Größe. Hier gibt es ein Budget von 60 Millionen Euro, und davon stammen 32 Millionen vom Staat. Und die Marketing-Einnahmen stammen dann auch noch von Staatsfirmen, die als Sponsor auftreten. Daß eine Weltstadt wie Paris mit Leichtathletik-Plakaten auf allen Boulevards so voll sein darf, ist etwas ganz Außergewöhnliches.

Auf der anderen Seite werden Weltmeisterschaften und vermutlich sogar Olympische Spiele in einer solchen Stadt verschluckt.

Das würde auch in New York oder Moskau so sein. Diese Städte können nicht durch Sportereignisse groß werden, wie das umgekehrt bei Kleinstädten der Fall wäre.

Die WM in Paris ist also zumindest nicht defizitär, aber wird sie auch sportlich ein Gewinn?

Unser Budget ist, was Fernsehen und Sponsoren betrifft, zu 90 Prozent abhängig von der WM. Deshalb ist dieser Erfolg für unsere Vertragsverhandlungen auch mit dem Fernsehen, die in den nächsten Tagen über 2005 hinaus abgeschlossen werden sollen, besonders wichtig ...

... und der sportliche Erfolg? Die Medaillensammlung wird immer breiter über den Globus verteilt, die Haltwertzeit der herausragenden Stars wird kürzer. Aber zur Selbstdarstellung braucht die Leichtathletik doch ihre Stars.

Dieser Trend ist zunächst einmal im Sinne der Dachorganisation, des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), aber auch im Sinne der IAAF, weil wir unseren Mitgliedsverbänden verpflichtet sind. Die Star-Vermarktung war der IAAF ja ohnehin nicht möglich, die Vermarktung der Spannung schon. Es ergibt sich doch eine ganz eigene Dramaturgie, wenn man vorher nicht weiß, wer gewinnt. Und genau das hat man ja hier erlebt.

Auf Tragikkomödien wie die Aufführung des disqualifizierten Amerikaners Jon Drummond kann das Publikum aber ganz gut verzichten.

Wir auch.

Sie haben die Fehlstartregel geändert, aber noch nicht der Weisheit letzten Schluß gefunden.

Wir haben auch meinen Vorschlag diskutiert: Ein einziger Start, ein Rennen, und der Computer entscheidet erst nach dem Zieleinlauf, wer disqualifiziert ist und wer der Sieger ist.

Und dann wird der Sieger disqualifiziert - und das Theater ist noch größer.

Ja, da haben Sie wahrscheinlich recht. Wir müssen zwischen zwei Werten abwägen, und schöner ist es schon, daß der der Sieger ist, der als Erster ans Ziel kommt.

Hier ist ein Sieger, der Amerikaner Jerome Young über 400 Meter, ans Ziel gekommen, der vor den Jahrtausendspielen positiv getestet wurde und dann in Sydney eine zweifelhafte Goldmedaille mit der 400-Meter-Staffel gewonnen hat.

Für die IAAF ist der Fall leider juristisch erledigt, da sie mit ihrer Klage gegen den amerikanischen Verband auf Bekanntgabe des Namens vor dem Internationalen Sportgerichtshof unterlegen ist.

Nun nimmt sich zwar das IOC noch einmal des Falles an. Aber haben Sie den Eindruck, daß die IAAF energisch genug gegen Doping vorgeht?

In diesem Fall, ja.

Man munkelt aber immer wieder, daß entscheidende Leute in der Exekutive der IAAF intern die Losung ausgeben, man müsse die großen Stars, speziell die amerikanischen Sprinter, sagen wir: behutsam behandeln.

Meine Haltung ist das nicht. Wir dürfen, wenn wir glaubwürdig sein wollen, gerade vor den Stars nicht zurückschrecken.

Das Gespräch führte Hans-Joachim Waldbröl.

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