22.08.2006 · Giovanni Trapattoni steht mit Red Bull Salzburg kurz vor dem Einzug in die Champions League. Im F.A.Z.-Interview spricht Trapattoni über seine neue Aufgaben in Österreich und über das Verhältnis zu seinem Co-Trainer Lothar Matthäus.
Giovanni Trapattoni steht mit Red Bull Salzburg kurz vor dem Einzug in die Champions League. Der ehemalige italienische Fußball-Nationaltrainer hat dabei mit Lothar Matthäus einen prominenten Assistenten an seiner Seite. Im F.A.Z.-Interview spricht Trapattoni über seine neue Aufgaben in Österreich und über das Verhältnis zu seinem Co-Trainer.
Red Bull Salzburg hat gegen den FC Valencia die Chance, sich zum ersten Mal für die Champions League zu qualifizieren. Was spricht nach dem 1:0 im Hinspiel dafür, daß die Mannschaft an diesem Dienstag in Spanien nicht verliert und damit den Sprung in den wichtigsten Vereinswettbewerb schafft?
Wir haben eine gute Mannschaft, die gut funktioniert, und wir haben viele Spieler mit internationaler Erfahrung, die sich mit so einer Situation auskennen.
Klappte es, wäre Salzburg der mittelfristigen Zielsetzung von Klubchef Dietrich Mateschitz, zu den zehn oder fünfzehn besten Vereinen in Europa zu zählen, ein kleines Stück näher gekommen. Ist dieses Ziel überhaupt realistisch?
Alles ist machbar, man muß nur überzeugt davon sein. Als ich vor ein paar Monaten nach Salzburg kam, haben mich Ihre österreichischen Kollegen gefragt, warum ich ausgerechnet hierherkomme. Ich hatte zuvor Dietrich Mateschitz nur vom Namen her gekannt, aber gewußt, daß er große Ambitionen hat. Das Projekt hat mir sehr gut gefallen. Aber wenn man eine Mannschaft von internationaler Klasse aufbauen will, braucht man natürlich Zeit. Wenn man Geduld hat, kann man das auch in Österreich schaffen.
Das Projekt Salzburg hat erfolgreich begonnen für Sie. Anders war es bei Ihrem letzten Klub VfB Stuttgart, dort standen Sie von Anfang an in der Kritik und wurden schließlich zu Beginn der Rückrunde entlassen. Was ist schiefgelaufen?
Ich denke, sie hatten zu wenig Geduld. Wenn eine Mannschaft sechs wichtige Spieler verkauft, geht das nicht von heute auf morgen. Dabei hatten wir, als ich gegangen bin, noch gute Chancen auf einen Uefa-Cup-Platz. Am Ende war Stuttgart Neunter.
Das Image des österreichischen Fußballs ist in Deutschland nicht sehr hoch. Zu Recht?
Auch die Schweizer Liga hat nicht den besten Ruf und kein sehr hohes Niveau, aber die Nationalmannschaft hat bei der WM gezeigt, daß man trotzdem etwas erreichen kann. In der österreichischen Liga gibt es nicht so viel Geld wie in anderen Ligen, und die besten Spieler gehen natürlich dorthin, wo sie mehr verdienen können.
Viele Fans von Salzburg haben mittlerweile Schwierigkeiten, sich mit dem Verein zu identifizieren, weil kaum mehr Österreicher mitspielen.
Wir müssen gewinnen und haben einen gewissen Druck, Ziele zu erreichen, da kann ich keine Rücksichten nehmen. Man muß heute internationaler denken.
Sie haben in Lothar Matthäus einen prominenten Assistenten. Wie lautet Ihre Aufgabe, was bleibt für Matthäus zu tun?
Das ist ganz einfach: Es kann nur einen Chef geben. Ich treffe die Entscheidungen und trage dafür auch die Verantwortung, wenn es nicht läuft. Wenn ein Kopf rollt, dann wird es meiner sein, nicht der von Lothar. Lothar steht mir zur Seite bei der täglichen Arbeit auf dem Platz. Er ist für mich zum Beispiel auch wichtig gewesen, als wir neue Spieler gesucht haben. Er hat viele Spieler gekannt, wußte, wer für uns geeignet ist.
Fällt es Matthäus schwer, sich unterzuordnen? Schließlich war er bisher selbst Cheftrainer, das ist sein erster Job als Co-Trainer.
Es ist nicht so schwer für ihn, denn er kann viel lernen. Ich glaube, diese Zeit hier kann ganz wichtig für ihn werden.
Ihr sicherheitsorientiertes System gilt vielen als nicht mehr zeitgemäß. Aber gerade die WM hat gezeigt, daß die taktisch disziplinierten, defensiver ausgerichteten Mannschaften erfolgreich waren. Gibt das Ihrem Stil recht?
Defensiv oder offensiv - das sind doch nur geflügelte Worte. In Deutschland will man immer offensiv spielen, aber wichtig ist es doch zu gewinnen. Es geht um die Organisation der Mannschaft, um ein System, nicht um defensiv oder offensiv. Wenn man ein Spiel nicht gewinnen kann, weil man das Tor nicht trifft, muß man eben versuchen, zumindest unentschieden zu spielen, also kein Tor zu kassieren. Natürlich wollen die Zuschauer immer viele Tore sehen, aber das ist nicht realistisch. In einer Saison sind vielleicht nur 30 Prozent aller Spiele schön, der Rest ist harte Arbeit.
Fußball wird immer mehr zur Show. Wie hat sich die Rolle des Trainers in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten verändert?
Sie ist viel komplexer geworden. Heutzutage ist ein Trainer wie ein Manager, denn die Spieler sind das große Kapital des Vereins. Früher konnte der Trainer auch einen Spieler wegjagen, heutzutage ist das nicht mehr möglich. Er muß mit dem Schatz, der ihm zur Verfügung gestellt wird, umgehen können und ihn auch schützen.
Gefällt Ihnen diese Entwicklung?
Es ist positiv, daß der Fußball multikulturell, ein internationales Geschäft geworden ist. Red Bull Salzburg ist ein gutes Beispiel dafür. Wir haben in unserer Mannschaft Spieler aus sechs oder sieben verschiedenen Ländern mit verschiedenen Sprachen und verschiedenen Fußball-Kulturen, die sich vermischen. Durch den Austausch von Spielern ist die Taktik überall sehr ähnlich geworden. Natürlich wird Schweden nie so spielen wie Brasilien, aber die Unterschiede sind längst nicht mehr so groß wie früher.
Die Fragen stellte Elisabeth Schlammerl.