19.09.2006 · Die Schach-Welt bekommt wieder einen „Weltmeister aller Klassen“. Ex-Weltmeister Karpow über das Duell zwischen Topalow und Kramnik, über Verleumdungen seines alten Rivalen Kortschnoi und einem Schachversuch mit Fußball-Legende Maradona.
In der südrussischen Stadt Elista wird vom kommenden Samstag an Schachgeschichte geschrieben. Die Hauptstadt der Teilrepublik Kalmückien erlebt das Vereinigungsmatch zwischen dem „klassischen“ Weltmeister Wladimir Kramnik aus Rußland und dem Bulgaren Weselin Topalow, Champion des Weltverbandes Fide. Nie war ein Duell um die Krone seit dem legendären Wettkampf zwischen Fischer und Spasski 1972 in Reykjavik so wichtig, meinen viele Experten. Ex-Weltmeister Anatoli Karpow, der die Krone von 1975 bis 1985 trug, im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das neue WM-Duell.
Wer wird gewinnen?
Eine Prognose ist schwierig. Weil nur zwölf Partien gespielt werden, erwarte ich ein knappes Ergebnis. Weselin Topalow ist der Fighter schlechthin, Wladimir Kramnik hat größeres Schachverständnis und sich wieder in Form gebracht. Er wäre für mich der würdigere Weltmeister. Ich wünsche mir, daß der Titel in Rußland bleibt. Dies würde dem kriselnden Schach in unserem Land guttun. Ich hoffe, daß sich mit der wirtschaftlichen Stabilisierung die Situation auch für unseren Sport wieder verbessert.
Welche Bedeutung hat für Sie dieses Duell um den „Weltmeister aller Klassen“?
Es wird Zeit, daß nach 13 Jahren Chaos wieder Ordnung in die Schachwelt einkehrt und wir nur einen einzigen König haben. Der Weltschachbund Fide sollte keine weiteren Experimente mehr veranstalten, sondern zum klassischen Modus zurückkehren und den Weltmeister auch künftig, wie es historische Tradition ist, nur in einem Zweikampf ermitteln. Insofern ist das Match von größter Bedeutung.
Ihr Vorgänger auf dem WM-Thron, Bobby Fischer, machte Schlagzeilen, als er nach Island ins Exil reisen durfte. Welche Erinnerungen haben Sie an den Amerikaner?
Sehr viele, auch wenn wir uns am Brett nicht begegneten. Aber wir trafen uns Mitte der siebziger Jahre dreimal zu geheimen Gesprächen: in Japan, in Spanien und in den USA. Leider kam unser WM-Match aufgrund von Fischers starrer Haltung nicht zustande. Das ist ein Versäumnis der Schachgeschichte. Es gibt aber ernsthafte Bemühungen, daß wir heute dieses Duell, in welcher Form auch immer, nachholen. Ich bin dazu bereit.
Mit zwei anderen Schachlegenden, Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi, haben Sie sich erbitterte Kämpfe geliefert. In Zürich trafen Sie kürzlich beide wieder. Sie teilten mit Kasparow den ersten Platz, Kortschnoi wurde Letzter. Wie reagierte er?
Nun, er ist mit 75 Jahren nicht mehr der Jüngste. Wenn er verliert, sucht er die Gründe selten bei sich, sondern meist beim Gegner. Ich könnte Ihnen viele Beispiele dafür nennen.
Spielen Sie auf Ihr brutales WM-Duell 1978 in Baguio und die Dopingvorwürfe durch Kortschnoi an?
Diese Story gehört zu seinem Verleumdungsrepertoire. Ich nahm während der Partien Joghurt zu mir. Das war speziell für das Match auf den Philippinen von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften entwickelt worden. Nicht als Dopingmittel, sondern als Energiespender. Klar ist, daß eine mehrstündige Schachpartie viel Kraft kostet. Indes soll man vor dem Spiel nicht zuviel essen, das macht müde. So kamen sie in Moskau auf die Lösung mit dem Joghurt.
Kannten Sie die Zutaten?
Nein. Der Erfinder, Akademiemitglied Pokrowski, starb ein Jahr nach dem Match. Der renommierte Gelehrte nahm das Rezept mit ins Grab. Er hatte etwas leicht Verdauliches entwickelt, das sich schnell im Körper verteilt und dennoch Energie spendet. Eine ganz einfache, logische Sache, aus der Kortschnoi eine böse Geschichte machte, die er bis heute gern erzählt.
Früher nahmen Sie zu einem WM-Duell Tonnen von Schachbüchern mit. Heute genügt den Spielern ein Notebook. Welche Zeit war schöner?
Tatsächlich schleppten mein Team und ich zu den Turnieren jeweils mehrere Container Bücher mit. Ein Notebook hilft zwar sehr, reicht aber nicht aus. Die jungen Leute haben verlernt, Bücher zu lesen. Der Computer kann einem Schachspieler nicht alles geben. Er vermittelt keine solide schachliche Bildung.
Das bedeutet?
Die Maschine gibt Züge und Varianten vor, aber was schachliches Wissen betrifft, sind ihr klare Grenzen gesetzt. Ein Rechner vermittelt auch kein Verständnis für die Geschichte unseres alten Spiels, ohne das man jedoch auf höchstem Niveau nicht auskommt. Ich meine, wir müssen das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine überdenken.
Sie betreiben heute nicht mehr das harte Wettkampfschach, machen lieber Politik, als Chef des russischen Friedensfonds und als Unicef-Botschafter. Kasparow führt jetzt die Opposition gegen Putin an. Wird er damit Erfolg haben?
Ich glaube nicht, daß er erfolgreich sein wird. Aber er suchte nach dem Rücktritt vom großen Schach etwas Neues und will seine starken Ambitionen unbedingt verwirklichen. Kasparow ist für Putin geradezu ein Wunschgegner. Weil er dem Kreml-Chef als Oppositioneller überhaupt nicht gefährlich werden kann, sind seine Aussichten sehr gering.
Ihr großes Hobby sind Briefmarken. Was macht Ihre Sammlung?
Sie wächst ständig. Ich sammle Marken von den Olympischen Spielen, besitze alle Schachmotive der Welt und jede Marke der früheren Sowjetunion. Die wertvollsten Exemplare liegen in den Safes verschiedener Banken. Ich plane ein Buch zum Thema Schachphilatelie.
Heute vertreiben Sie unter Ihrem Namen auch Schachspiele aus edlem Material, die 25.000 Dollar und mehr kosten. Wer kauft so etwas?
Es gibt genügend Interessenten. Bisweilen verschenke ich sie an berühmte Leute. In Buenos Aires war ich zu Diego Maradonas Talk- Show im dortigen Fernsehen eingeladen. Ich überreichte dem Fußballgott, der kein starker Schachspieler ist, ein wertvolles Spiel aus Elfenbein. Aber es wurde noch während der Sendung aus dem Studio gestohlen!
Anatoli Karpow wurde am 23. Mai 1951 in Slatoust (Ural) geboren. Der 12. Weltmeister der Schachgeschichte trug die Krone von 1975 bis 1985, bis er von seinem Landsmann Garri Kasparow entthront wurde. Von 1993 bis 1999 war Karpow noch einmal Champion des Weltverbandes Fide. Mit 166 Siegen in Einzel- oder Mannschaftsturnieren hält der Russe einen Rekord für die Ewigkeit.