09.01.2006 · Die frühere Weltranglistenerste Martina Hingis spricht im Interview über ihre Nervosität beim Comeback und über Tennismädchen an der Weltspitze. Kaum zurück, hat die Schweizerin schon wieder den Gewinn eines Grand-Slam-Turniers im Sinn.
Daß Martina Hingis in Australien ihr Comeback im Tennis feiert, durfte kaum verwundern. 1997 gewann sie in Melbourne erstmals das Finale eines Grand-Slam-Turniers. 2002 stand sie dort zum letzten Mal im Endspiel eines der vier wichtigsten Turniere der Welt, bevor sie im folgenden Herbst in Filderstadt zum letzten Mal bei einem richtigen Turnier spielte.
Chronische Fußverletzungen zwangen sie schon mit 22 Jahren zum Rücktritt. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon als die dominierende Spielerin im Circuit abgelöst worden, vor allem von den kraftvollen Williams-Schwestern, gegen die Martina Hingis' Übersicht auf dem Platz und ihr Variantenreichtum nicht mehr genügten. Bei ihrem Comeback an der Gold Coast erreichte sie das Halbfinale. An diesem Montag unterlag Martina Hingis zum Auftakt in Sydney der viermaligen Grand-Slam-Turniersiegerin Justine Henin-Hardenne aus Belgien 3:6, 3:6.
Sie haben nach mehr als drei Jahren Abwesenheit vom Profitennis Ende letzten Jahres Ihr Comeback angekündigt und jetzt mit dem Erreichen des Halbfinales Ihr erstes Turnier hinter sich. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Ins Halbfinale zu kommen ist ein guter Anfang. Ich wußte ja überhaupt nicht, was kommt, man weiß nicht, auf was man sich vorbereitet. Da braucht es einfach eine gewisse Zeit, um das Ganze zu verarbeiten. Aber es ist von Spiel zu Spiel besser gegangen.
Sie waren mit 16 Jahren die jüngste Weltranglistenerste, haben fünf Grand-Slam-Turniere gewonnen und über 18 Millionen Dollar allein an Preisgeld verdient. Was hat Sie zur Rückkehr bewogen?
Zum einen habe ich schon wieder Interesse bekommen, als ich fürs Fernsehen kommentiert habe. Dann habe ich in den Vereinigten Staaten Team-Tennis gespielt. Außerdem hat mich inspiriert, daß noch Spielerinnen in der Weltrangliste vorne sind, die schon da waren, als ich noch gespielt habe, wie Lindsay Davenport und Mary Pierce.
Wie sah denn das Leben ohne Tennis aus?
Ich habe ganz normale Dinge gemacht, einen Haushalt gehabt. Das erste Jahr war es einfach, dann habe ich begonnen, den Zeitplan zu vermissen. Ich war nicht deprimiert, aber manchmal hatte ich an einem Tag kein Ziel. Ich bin aber kein Mensch, der sich den ganzen Tag auf die Couch legt und fernsieht. Mir hat geholfen, daß ich immer eine Strategie und Aufgaben gehabt habe. Ich mußte immer für meine Sponsoren Adidas und Yonex auftreten und verschiedene Sachen machen. Ich habe immer einen ausgefüllten Tag gehabt, aber nicht so wie im Tennis. Ich bin auch immer fit geblieben. Etwas habe ich immer gemacht, zumindest Reiten. Zwar nicht vier bis sechs Stunden, aber doch täglich ein bis zwei. Ich habe mir auch neue Freunde gemacht, über meine Nachbarn und das Reiten.
Das Problem von besonders erfolgreichen Sportlern soll es sein, daß sie bei ihrem Karriereende schon wissen, daß sie nie wieder etwas so gut machen können wie Sport. Sehen Sie das ähnlich?
Natürlich. Ich habe andere Dinge ausprobiert, habe im Fernsehen kommentiert und bin zur Schule gegangen. Ich werde immer noch reichlich Zeit haben, das später zu machen. Aber Tennis ist nichts, was man ewig machen kann. Und nichts hat mich so erfüllt, wie auf dem Platz zu stehen. Noch zwei, drei Jahre, dann bin ich zu alt mit meiner Größe, weil es eine Menge Energie kostet und ich nicht unbedingt sagen würde, daß Profisport gesund ist.
Gesundheitliche Probleme führten auch zum Ende Ihrer ersten Karriere. Ist jetzt alles in Ordnung, nachdem Sie im Einzel und Doppel zusammen 14 Sätze gespielt haben?
Im Moment bin ich schon müde. Ich habe hier viele Matches gespielt, weil ich ja auch noch im Doppel angetreten war. Das hatte ich ganz spontan entschieden, als ich mit Tatiana Golovin trainiert habe, habe ich sie einfach gefragt. Ich merke schon, daß sich mein Körper nicht so schnell regeneriert wie mit 18, aber vor dem Turnier in Sydney habe ich ja drei Tage Pause.
Was müssen Sie noch verbessern?
Vor allem am Anfang habe ich zuviel Energie im Kopf und auch im Körper verbraucht, weil ich so nervös war. Aber es ist immer besser gegangen. Es gilt immer noch, Kleinigkeiten zu verbessern. Im Tennis habe ich eine Basis und eine Grundkenntnis, die kann mir keiner wegnehmen; der größte Zweifel war das Durchhaltevermögen. Früher bin ich einfach hingegangen und habe gespielt, jetzt muß ich eines nach dem anderen aufbauen. Außerdem habe ich früher praktisch ohne Aufschlag gewonnen, das geht heute nicht mehr, er muß besser, härter, einfach effektiver sein. Ich gehe jetzt etwas tiefer in die Knie und springe etwas höher ab. Meine Mutter wollte immer, daß ich das mache.
Früher sah man Ihre Mutter und Trainerin Melanie Molitor ständig an Ihrer Seite. Warum war sie bei Ihrem Comeback nicht dabei?
Meine Mutter hat in der Nähe von Zürich eine Tennisschule, um die sie sich intensiv kümmert. Sie war sehr hilfreich, ich habe in den vier bis fünf Wochen vor der Abreise nach Australien zu Hause mit ihr trainiert, sie war immer für mich da. In den vergangenen Jahren habe ich oft Bälle mit den Kids von ihrer Schule geschlagen. Sie hat mich einfach in Ruhe gelassen und hat nicht dauernd rumgejammert und rumkritisiert und gesagt, tu dies, tu das - nur in den letzten sechs Wochen.
Außer den von Ihnen schon angesprochenen „alten“ Spielerinnen wie Lindsay Davenport und Mary Pierce - wie sehen Sie jetzt die Tennisszene?
Ich will nicht sagen, daß ich mehr fertigbringen würde als sie, aber das sind dieselben Girls, mit denen ich gespielt habe, immer noch fast dieselben Top ten, wie sie früher waren, außer den belgischen Mädchen (Justine Henin-Hardenne und Kim Clijsters, Anm. d. Red.), und die waren auch schon da, als ich noch dabei war. Bei den jüngeren Spielerinnen frage ich mich immer: Was hat die wohl? Maria Scharapowa? Ich sehe nicht, daß sie etwas Besonderes hat. Ihr Aufschlag ist großartig und ihre Schläge von der Grundlinie, aber ich kann nicht sagen, was sie so außergewöhnlich macht, bevor ich selbst gegen sie spiele. Ansonsten ist das Tennis noch schneller geworden, viele Spielerinnen sind deutlich größer als ich. Ich glaube, nicht so sehr das Niveau von den Top 5, aber das der Top 5 bis 20 hat sich stark verbessert. Aber die Frage ist immer, wie lange die Mädchen das durchhalten, so draufzuhauen.
Wie sehen Sie denn Ihre Chancen gegen Topspielerinnen?
Mein Ziel ist schon, auf dem höchsten Wettbewerbsniveau spielen zu können.
Glauben Sie, daß Sie noch einmal ein Grand-Slam-Turnier gewinnen können?
Daran muß ich glauben, sonst hätte ich nicht zurückkommen dürfen.